Terrorismus Der Bomber und sein BruderSeite 6/6
Im Juli 1999 beispielsweise, als klar geworden war, dass Sidique nicht wie seine Brüder eine seiner Cousinen heiraten würde, engagierten die Eltern den Spiritualisten Sultan Fiaz ul-Hassan. Er war der Familie seit Jahren verbunden und sollte Sidique die falschen Gedanken austreiben. Zu mir sagte der Prediger, Sidique sei zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Junge gewesen, der zuvor stets zu ihm aufgeschaut hatte. Vielmehr verkündete Sidique, dass er seine Ansichten zum Islam geändert habe und in Afghanistan ein dschihadistisches Training absolvieren wolle.
In einem letzten Versuch, seinen Sohn von seinem Weg abzubringen, zog der Vater Tika Khan 2001 mit Sohn Hanif, Tochter Nafiza und seiner zweiten Frau – die erste war einige Jahre zuvor gestorben – nach Nottingham. Er hoffte, dass Sidique, der damals 26 Jahre alt war, ihm folgen würde, weg von seinen Wahhabitenfreunden und seiner Lebensgefährtin. Falls die Strategie scheiterte, würde der Vater wenigstens nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben müssen. Tatsächlich gab es nach Sidiques Hochzeit im Oktober 2001 keine Verbindung mehr zwischen Vater und Sohn. Sidique tauchte im Netzwerk unter.
Vorausgesetzt, dass Sidiques Plan, eine Ausbildung für den Dschihad zu absolvieren, bekannt war: Warum hat ihn niemand aufgehalten? Sein Bruder Gultasab sagte, niemand habe geglaubt, dass Sidique zum Selbstmordattentäter werden würde. Unvorstellbar, dass er sich umbringen würde, ein Jahr nachdem seine Frau ein Kind zur Welt gebracht hatte, ein Mädchen. Vor allem aber ist wohl niemand eingeschritten, weil die meisten in Beeston froh darüber waren, dass die jungen Leute immer religiöser wurden. „Besser ein Wahhabit als auf Drogen“, sagte Gultasab. Und warum sollte Sidique, der Modernisierer seiner Gemeinde, am Ende solch einen barbarischen Anschlag begehen?
Sidique Khan mag über die westliche Außenpolitik entrüstet gewesen sein, wie so viele Kriegsgegner. Aber das war nicht der Grund, warum er und die drei anderen 52 Londoner Pendler und sich selbst getötet haben. Im Zentrum dieser Tragödie steht der Konflikt zwischen der ersten Generation von pakistanischen Einwanderern und den Nachfolgegenerationen. Es ist ein Konflikt zwischen Kultur und Religion, zwischen Passivität und Aktion.
Für Sidique Khan, wie für viele junge Menschen, war der Islamismus eine Befreiungstheologie. Die Chance auf Selbstbestimmung.
Der Text ist ein Nachdruck aus der Juni-Ausgabe des britischen "Prospect Magazine". Übersetzung: Sebastian Christ
- Datum 07.07.2007 - 13:28 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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