Biologieunterricht Die Schönheit der Eintagsfliege
Seit 154 Jahren erklärt die Firma Schlüter deutschen Schülern die Biologie – ein Abschiedsbesuch.
Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Leberwurstsortiment. Drei Scheiben von fein bis grob, hübsch dekoriert auf grünem Stoff und hinter Glas. Gesunde Lunge, Raucherlunge und Lungenkarzinom – Anschauungsmaterial für den Biologieunterricht. Vielleicht auch als Lektion fürs Leben. Wenn Schüler dadurch über die Schädlichkeit des Rauchens nachdenken, hat der Schlüter-Objektkasten Raucherlunge seinen Zweck erfüllt. »Das Wichtigste beim Lernen ist, dass man komplexe Zusammenhänge einfach erklärt bekommt«, sagt Achim Schlüter. Seit 54 Jahren entwickelt er zusammen mit seiner Frau Lehrmittel für den Biologieunterricht. Der Objektkasten Leben am Waldboden etwa zeigt die kleinsten Bewohner des Waldes. Biologische Nischen im Querschnitt, dreidimensional und in Originalgröße. Eine kapitale Kreuzspinne hockt in den Blättern einer Waldmeisterpflanze, darunter ist eine kleine Waldmaus possierlich neben einem roten Pilz, einem Täubling, arrangiert. Eines der schönsten Objekte für den Bio-Unterricht, findet Christa Schlüter: »In diesen Kasten bin ich ganz verliebt – mit dem Schmetterling und dem kleinen Mäuschen sieht es aus wie ein Bild.«
Biologielehrer aus ganz Europa und Amerika bestellten bei Schlüter
Generationen von Gymnasiasten haben mit Schlüter-Schaukästen wie Das Leben im Bienenstock oder Getreidearten I bis III die Grundlagen der Biologie gelernt. In den meisten Biologiesammlungen an deutschen Schulen stehen die verglasten Kästen mit Tieren, Insekten, Blättern und dazugehörigen Lebensräumen. Auch die blauen Plastikkoffer, die Schlüter-Experimentier-Sets, findet man dort. Wenn man sagen würde, dass Schlüter ganz Deutschland die Biologie erklärt hat, wäre es noch nicht mal übertrieben. In der vergangenen Woche hat die Firma nun offiziell ihren Betrieb eingestellt. Das Büro leert sich schon. Biologiebücher, Kisten mit Tannenzapfen und Eichenblättern, die Korrespondenz von Jahrzehnten – alles muss raus. Das Faxgerät steht noch auf seinem Platz, immer noch gehen Bestellungen ein. An der Wand lehnt eine schwere Messingplatte. »Dem Gründer der Firma Wilhelm Schlüter zum Gedächtnis« steht darauf zu lesen. »Das soll einer unserer Söhne bekommen, als Andenken an die Familientradition«, sagt Achim Schlüter.
154 Jahre lang stand der Name Schlüter für Lehrmittel im Biologieunterricht. Der Großvater und Firmengründer Wilhelm Schlüter war ein international bekannter Ornithologe. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Biologie einen Boom erlebte, gründete er in Halle seine Firma. Naturkundemuseen schossen in ganz Europa aus dem Boden, Biologie wurde zum Unterrichtsfach, und Wilhelm Schlüter entdeckte eine Marktlücke. Als Erster hatte er die Idee, Biologielehrmittel im großen Stil herzustellen. Bis zum Ersten Weltkrieg war Schlüter-Biologie Weltmarktführer. Oberschulen in ganz Europa und auch Amerika bezogen ihre Unterrichtsmaterialien ausschließlich von Schlüter. Als Schlüter-Biologie in Halle den Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich nicht überlebte, gründete Achim Schlüter die Firma in der Nähe von Stuttgart neu. »Damals hatte ich kein Geld. Der Name war mein Startkapital«, sagt Achim Schlüter. Jetzt sind er und seine Frau 84. Die letzten Jahre haben sie nach einer Firma gesucht, die die Unterrichtsmaterialien auch weiterhin unter dem Namen Schlüter herstellen würde. Vorher war an Ruhestand nicht zu denken. »Auch wenn sich das jetzt ein bisschen pathetisch anhört: Das waren wir der Biologie schuldig – und unseren Mitarbeitern«, sagt Achim Schlüter. Vor ein paar Monaten kündigte er in einem Schreiben Schulen und Museen die Schließung der Firma an. Er bekam unter anderem diese E-Mail von einem Biologielehrer: »Eigentlich habe ich mir nicht vorstellen können, dass es ohne ›Schlüter‹ Biologieunterricht geben kann. Ich möchte Ihnen für Ihren Einsatz danken, der Biologie in der Schule den Stellenwert gegeben zu haben, den dieses Fach verdient.« Achim Schlüter ist nicht sentimental – aber solche Briefe machen ihn stolz.
Früher hatte Schlüter 35 Mitarbeiter. Damals gab es eine Insektenabteilung, eine Skelettabteilung und eine eigene Präparatorenwerkstatt – für die großen Bestellungen von Museen aus aller Welt. Die Tiere für die Präparate kamen zum größten Teil aus Zoos. Deutsche Tiger, Geparden und Giraffen wurden in den sechziger Jahren von Winnenden aus nach Libyen oder Kuwait verschickt. Wenn damals im Stuttgarter Tiergarten ein Tier starb, machte sich Achim Schlüter auf den Weg. »Einmal riefen sie mich an, ob ich einen Löwen haben wollte«, erinnert sich Schlüter. Zuerst musste die Rückbank ausgebaut werden, dann fuhr er mit dem toten Löwen im VW Käfer zurück. »Ich hab mich ständig umgedreht – aus Angst, er könnte doch noch aufwachen.« Museen machten zuletzt nur noch einen kleinen Teil des Umsatzes aus. Im halbdunklen Lager neben dem Büro steht die letzte Bestellung: ein kleiner Nachtaffe, ein Schirmvogelmännchen und ein junger Baumstachler für das Musée National d’Histoire Naturelle in Paris.
»Alles, was Flügel und lange Fühler hat, braucht eine ruhige Hand«
In der alten Insektenabteilung im Dachgeschoss werden noch die letzten Kästen für die Schulen fertiggestellt. In den halb geöffneten Schubladen der Regalwände lagert – fein säuberlich aufgereiht, aufgespießt oder aufgeklebt – das Arbeitsmaterial. Zitronenfalter, Borkenkäfer, Bettwanzen, Libellenlarven, jedes Exemplar sortiert und ordentlich beschriftet. »Alles, was Flügel und lange Fühler hat, braucht Geduld und eine ruhige Hand«, erklärt Irene Polta. Sie arbeitet seit 16 Jahren bei der Firma Schlüter, unzählige Schaukästen hat sie mit ihren Kolleginnen zusammengestellt. Dann sagt sie erst mal nichts mehr. Wenn sie die Formica rufa, die große Waldameise, beim Hochzeitsflug festklebt, muss sie sich konzentrieren. Mit einem Tropfen Leim und einer Nadel fixiert sie die getrocknete Ameise möglichst natürlich im gemalten Himmel des Großschaukastens Rote Waldameise – der Ameisenhaufen und seine Bewohner.
Schulen und Museen sind die Einzigen, die bei Schlüter einkaufen können. Denn alle Tiere, die unter Naturschutz stehen, dürfen ausschließlich für Lehrmittelzwecke verwendet werden. Und sie müssen zertifiziert sein. In Deutschland gilt das auch für Ameisen. »Der Naturschutz ist uns sehr wichtig – da bürgt man mit seinem Namen dafür«, sagt Achim Schlüter. Die neue Firma übernimmt deshalb auch einen Großteil des Schlüterschen Insektenlagers. Allerdings wird nur das, was im Unterricht gebraucht wird, übernommen. Die Eintagsfliegen gehören leider nicht dazu. Schlüter bedauert das ein bisschen. »Sie sind sehr hübsch. Aber wenn Sie die zu lange ansehen, zerfallen sie.« Im Biologieunterricht darf man von Schülern keine Meditation über die Schönheit der Eintagsfliege erwarten, das versteht Achim Schlüter natürlich. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lehrpläne für Biologie stark verändert, Schlüter-Biologie musste sich anpassen. Weg vom Anschauungsmaterial, hin zum Experiment. Die Schlüters entwickelten neue Lehrmittel. »Das war immer die Spezialität von meinem Mann, sich Modelle und Experimente zu überlegen, mit denen man Biologie spannend erklären kann«, sagt Christa Schlüter. So entstanden in den Siebzigern die Schlüter-Kits – blaue Koffer mit Unterrichtsmaterialien. Beispielsweise zum Thema Ökologie, zu den Mendelschen Regeln oder auch zur Empfängnisverhütung, unter der Artikelnummer 2741 »auf Wunsch zusätzlich holzgeschnitztes Modell Penis« lieferbar. »Man muss mit Schülern ehrlich sein – und Empfängnisverhütung ist ein Thema, bei dem das besonders wichtig ist«, finden die Schlüters. Das letzte Thema, das Achim Schlüter für den Biologieunterricht aufbereitet hat, war der »genetische Fingerabdruck«. Zusammen mit einem Experten vom Landeskriminalamt Stuttgart entwickelte er vor zwei Jahren ein weiteres Schlüter-Kit. Neun Monate lang wälzte er dafür Fachliteratur, sprach mit Experten und Biologielehrern.
Achim Schlüter weiß, dass er das im Ruhestand vermissen wird: »Ich habe mein Hobby zu meiner Arbeit gemacht.« In seiner Freizeit will er bei der Biologie noch mal von vorn anfangen und sich der Evolution zuwenden. Zum allerersten Mal, ohne darüber nachzudenken, wie man das am besten einem Schüler erklärt.
- Datum 09.07.2007 - 06:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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