Bologna Hoffnungslos überlastet?

Viele Studenten haben sich zuerst einen Bachelor fürs Jammern verdient

Deutschlands Unis sollten einen neuen Abschluss vergeben: einen Bakkalaureus honoris causa, einen Bachelor ehrenhalber. Verliehen pauschal an einen ganzen Studentenjahrgang. Für welche Leistung? Fürs Jammern.

Studenten der Humboldt-Universität wollen herausgefunden haben, dass Bachelorstudenten hoffnungslos überlastet sind: Ein Viertel arbeite mehr als 45 Stunden pro Woche, gut die Hälfte zwischen 38 und 45 Stunden. »Wenn die Arbeitsbelastung zu groß ist«, folgern die Initiatoren, »wird ein Studiengang unstudierbar.«

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Gleichzeitig geben sie zu, dass die Arbeitszeit nur unwesentlich höher sei als in den alten Studiengängen. Wozu also die Aufregung? Warum sollten Studenten nicht 45 Stunden pro Woche arbeiten? Weshalb das grässliche Gejammer?

Zugegeben, beim Bachelor läuft noch nicht alles rund. Bei der Lehre hakt es an vielen Stellen. Doch der straffe Rahmen des Studiums hilft vielen Studenten, die bislang in 14 Semestern zwischen frei wählbaren Spezialistenseminaren verloren gegangen sind.

Ironischerweise legen nun ausgerechnet die Studenten, die die »Umstellung des Hochschulsystems nach betriebswirtschaftlichen Kriterien« begreinen, selbst solche Kriterien an: Statt sich im Studium zu entfalten und wirklich zu lernen, wollen sie ihre Arbeitszeiten reduzieren. Für diese verfestigte Gewerkschaftermentalität muss es einen Preis geben – und zwar summa cum laude.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr Hartung,

    es muss zwar Spaß machen (und zeugt von Können), so knackige Kommentare zu schreiben...allerdings sollte der verantwortungsvolle Journalist sich nicht die Mühe der Recherche ersparen wollen, bevor er dergestalt apodiktisch apelliert.

    Im Falle Ihres Kommentares "Vorsicht:Streß!" bzw. "Hoffnungslos überlastet?" zeugt Ihre Schreibe vor allem von einem: tiefem Unverständnis für die Situation der Studenten (und schlichtweg mangelnder Recherche bzw. Durchdachtheit).

    Sicherlich, 45 Stunden Arbeit pro Woche sind zumutbar...obgleich der Großteil der Gewerkschaften, ebenso wie die öffentliche Hand, anders denken. Doch Sie sprechen von "Arbeit", als ob es für Studenten keine andere Arbeit zu verrichten gäbe. Wo leben Sie denn?

    Der Großteil der Studenten arbeitet neben dem Studium, um sich dieses zu finanzieren (nachdem BaföG seit Jahren nicht mehr den gestiegenen Kosten angepasst wurde, Studiengebühren zusätzlich aufs Konto drücken und sich Stipendien in Deutschland grundsätzlich an der Höhe des BaföG orientieren).
    Zudem bekommt man heute keinen Job - und erst recht kein Stipendium - mehr, wenn man nicht neben dem Studium handfestes soziales und politisches Engagement vorweisen kann. Neben Studium und Kellner- oder Hiwijob legen sich die Studenten also bei Amnesty International und im Studentenrat ins Zeug.
    Darüber hinaus wird immer wieder lauthals Interdisziplinarität gefordert...und die Studenten mit dem Bachelor in ein einges Konzept gesteckt, dass es kaum noch erlaubt, Veranstaltungen anderer Fakultäten zu besuchen. Das geschieht also auch in der "Freizeit".
    Und last but not least wird von ihnen erwartet, eifrig Networking zu betreiben, beruflichen Organisationen beizutreten und Kontakte noch während des Studiums zu knüpfen. So werden aus 45-Stunden Wochen schnell 60-und-mehr-Stunden-Wochen. Finden Sie mal einen Arbeiter, der das klaglos aushält.

    Aber nein, über die "Gewerkschaftermentalität" der Studenten lässt sich ja so herrlich herziehen...wenn es denn nur der Realität entspräche! Wenn Studenten denn eine Lobby hätten und sich tatsächlich organisieren würden. Aber dafür bleibt keine Zeit und in einer zunehmend entpolitisierten Jugend auch kein Raum...so lassen sie mit niedlich harmlosen Protesten Studiengebühren und erhöhte Verwaltungsgebühren (bei gleich schlechten Bedingungen), Ausbeutung und miese Arbeitsbedingungen an vielen Lehrstühlen, stagnierende BaföG-Sätze und arrogante Kommentare zu Hauf über sich ergehen...und greifen eben nicht zur Trillerpfeife! Was kann sich der gute Kapitalist und Staatenlenker mehr wünschen?

    Wer hat hier also den Bachelor im Jammern verdient?, fragt Sie

    Jan Schoenmakers

  2. Sehr geehrter Herr Hartung,
    Ich kann Jan Schönmakers nur zustimmen! Die Zeiten sind vorbei, in denen man "nur noch studiert" und alle Zeit der Welt dafür hat. Ich war ziemlich wütend, als ich Ihren Artikel gelesen habe, und wenn ich Ihnen meine Situation kurz schildere - stellvertretend für viele andere Studenten, die sich in einer ähnlichen Lage befinden - werden Sie dies vielleicht auch verstehen.

    Ich bin 38 Jahre und - nein, kein Langzeitstudent. Ich habe das Pferd eben von hinten aufgezäumt und bin ERST auf Reisen gegangen, bevor ich mich "dem Ernst des Lebens" widmete, wie man so schön zu sagen pflegt. Ich war fast 10 Jahre lang unterwegs und habe danach in mühevoller Arbeit mein Abitur nachgeholt im Fernstudium, während ich "nebenher" im Akkord Pakete ausfuhr - manchmal 16 Stunden am Tag. Man muss ja von etwas leben... oder haben Sie das vergessen?
    Vor einem Jahr begann ich nun, zu studieren. Und musste feststellen, dass ich für alles zu alt bin. Ich bin zu alt, um BAföG zu erhalten, ich bin auch zu alt, um noch in die günstige Studentenkrankenversicherung eintreten zu können...und bin (laut AOK) als Studentin, die versicherungspflichtig arbeiten muss, ausserdem noch verpflichtet, MEHR als 20 Studen wöchentlich zu arbeiten. Ein Witz, meinen Sie vielleicht? Fragen Sie nach!
    Meine jetzige Arbeitsstelle werde ich verlieren, weil mein Chef keine Lust mehr hat, ständig um meinen Stundenplan herum zu bauen. Sie wissen ja: Wer mehr als zweimal fehlt in den Vorlesungen, fliegt aus dem Kurs - und kann ihn nochmal absitzen. Die Anwesenheitspflicht in Ehren.
    Ich bekomme aber auch keine Sozialleistungen (natürlich!) wie Arbeitslosengeld etc.. AUSSER, ich gebe mein Studium auf, was für mich das Letzte ist.
    Ich falle also durch das schön gestrickte Sozialnetz durch. Wie so viele andere Studenten in meinem Alter, die den Kardinalfehler besitzen, nicht verheiratet zu sein, sondern für sich selber sorgen müssen.
    Und nun...? Wie soll ich nun (bei 45 Stunden Studium) weiterhin mein Studium finanzieren? Wer gibt mir einen Job (wohlgemerkt mind. 21 Stunden wöchentlich) und baut dabei um meinen Stundenplan herum? Wer versichert mich?
    Achso, ich vergass... wir sind ja nur am Jammern.

    Sie haben gut reden, Herr Hartung - Ihr Studium haben Sie ja schon in der Tasche. Zu Diplomzeiten wohlgemerkt abgeschlossen. Woher wissen Sie denn dann, wie es uns Bachelor ergeht?

    Mirjam Schmid

    • CRC_33
    • 21.07.2008 um 1:32 Uhr

    Man sollte als engagierter Journalist, einfach mal selber an die Unis gehen und wenigtens eine Woche lang den ganz normalen Alltag eines Bachelor-Studenten miterleben. Besonders Ingenieur-Studiengänge haben unter der enormen Überlastung zu leiden. Die Studienverlaufspläne funktionieren nur auf dem Papier.Ich habe mit meinen ca. 55 bis 60 Stunden "studieren" pro Woche mehr als genung zu tun. Hinzu kämen alle weiteren "Selbstinitiativen", die später von einem potentiellen Arbeitgeber verlangt werden und die ich zu Zeit Zeitlich einfach nicht organisiert bekomme.Wie schon erwähnt, bleibt da wenig bis gar keine Zeit, um sich nebenbei noch etwas Taschengeld zu verdienen. Vom finanziern des eigenen Lebensunterhalts sprech ich erst gar nicht. Früher oder später wird das zu einer noch höheren Abruchquote führen, als wir sie sowieso schon hatten. Ich seh es ja direkt an meinem Umfeld. Von ca. 20 Kommilitonen aus meinem engeren Bekanntenkreis, haben bereits 10 im ersten Semester abgebrochen. Das System ist in der Praxis mehr als schlecht umgesetzt und wird so wie es jetzt läuft, keine produktive Zukunft haben.

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