Damit nichts Zufälliges mehr Zulass hat...
In bester Conferencierlaune hielt Hanns-Josef Ortheil seine Eröffnungsrede zum diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis, in der er ein paar Jungautoren sich vor dem Fernseher versammeln ließ, um sich den Wettbewerb anzuschauen. Wäre es um Wetten, dass ? gegangen, hätte es vermutlich ähnlich geklungen, aber Hauptsache, es durfte gelacht werden, und die Autoren hatten für ein paar Augenblicke keine Angst mehr.
Schon aber verlas Karl Corino ein herzliches Gedenkblatt für den toten Wolfgang Hilbig, das zwangsläufig daran erinnerte, dass es in Klagenfurt auch schon einmal Autoren von einem Kaliber gegeben hat, das nicht so leicht einer hat. Das muss man einerseits auch nicht immer gleich erwarten, andererseits tun wir aber mit gutem Grund genau das: Wir erwarten das Beste, und Klagenfurt soll uns zeigen, was das ist. Die Autorenmischung war in diesem Jahr nicht Extraklasse, aber auch nicht schlecht. Es gab ein, zwei Nieten, und es gab ein, zwei Geniale und dazwischen eine Menge Qualitätsarbeit. Die Nieten lassen wir jetzt mal weg und schauen uns gleich die breit gefächerte Mittellage an.
Silke Scheuermann zum Beispiel hatte einen vielfarbigen Text geliefert, eine Geschichte, die die Erlebnisdichte des Alltags einer Patchworkfamilie mit Bonnie and Clyde-Motiven aufpeppt und die mit einer Menge hübscher Beobachtungen und einer gar nicht unraffinierten Konstruktion anzieht. Leider aber konnte das nicht verbergen, dass die Autorin sich seltsam unempfindlich zeigte gegenüber den sprachlichen Niederungen unseres Alltagsgeredes, das sich aus den kümmerlichen Dialogen wie eine Ansteckung über den ganzen Text ausbreitete. Weil es Silke Scheuermann war, wurde ihr das besonders heftig nachgewiesen: das klassische Dilemma der Favoritenrolle.
Ganz anders Jan Böttcher, dem im Vorhinein kaum einer besondere Chancen eingeräumt hätte: Auch er hatte eine Familiengeschichte mitgebracht und das war natürlich noch längst nicht die letzte.
Diese umspannt drei Generationen und lebt am ehedem deutschen Grenzfluss Elbe. Es ist eine anziehende Mischung von Natur- und Nationalgeschichte, sehr solide erzählt, die die beschädigte Zeit der DDR und ihre Opfer würdigt, was wiederum die Juroren würdigten.
Christian Bernhardt wurde auch nicht von großen Erwartungen begleitet, bekam eins auf die Nase und verschwand wieder im Halbdunkel. Der Vorwurf des Unzusammenhängenden seiner Geschichte, in der ein Baumarkt, ein auberginenfarbener Porsche mit drei Terroristen und eine Flasche Totes-Meer-Shampoo in eine geheimnisvolle Beziehung geraten, kann aber beim Nachlesen in das Vergnügen umschlagen, einem Autor dabei zuzusehen, wie er gekonnt ausprobiert, unsere gewohnten Erwartungen ein paar Seiten lang erfrischend im Regen stehen zu lassen.
Die Jury hatte es überhaupt gern, wenn eine Geschichte wie eine Geschichte aussieht, und noch lieber, wenn das sogenannte Existentielle in ihr seinen Platz hat. Kommt die Sache aber anders daher, reagiert sie oft lustlos. Im Falle Jörg Albrecht etwa, als Jahrgang 81 einer der Jüngsten, der sich die Freiheit genommen hatte, seinen Text nicht nur vorzutragen, sondern durch sein mitgebrachtes Equipment mit Bild und Sound anzureichern, was natürlich mehr war als die paar Manuskriptblätter der anderen und in der Bescheidenheit der Mittel auch wieder rührend. Oder berührend, wie die Jury gern sagte.
Zudem gab Albrechts Vortrag dem Klagenfurt-Wort »Wettlesen« eine neue Dimension, indem er versuchte, rapmäßig so viel Text wie möglich in seine halbe Stunde zu stopfen. Was dann zu hören war, mehr Sound als Text, zeigte die Befindlichkeit von vier jungen Kreuzbergern im Tanzpalast, vulgo Disco, für die das Erinnern und Sichverlieren als Speichern und Löschen erfahren wird. Die Jury hatte dazu mehr oder weniger keinen eigenen Text.
Was nicht gut war. Schlimm war hingegen, was sich nach der Lesung von Peter Licht tat oder eben nicht tat. Zunächst mal hatte sich der Autor dadurch inszeniert, dass er die Ablichtung seines Gesichts während der Lesung verbot, was zwar gegen die Spielregel war und natürlich auch affig, den Fernsehzuschauern dieses Fernsehliteraturwettbewerbs aber nichts Wesentliches vorenthielt. Da saß einfach einer und las, und was zählt, ist ja sowieso der Text. Der stellt nun in seiner ersten Hälfte die Tatsache, dass wir alle minderbemittelt sind, von der pekuniären Seite her dar, wobei die Hauptperson ein Sofa ist (wir zitieren: »Es war echt ein total schönes Sofa.«). Das ist sagen wir mal: Helge-Schneider-haft einfach witzig. In der zweiten Hälfte wird es dann leider wieder klagenfurtmäßig exiszentiell katastrophisch, was dem Autor deutlich weniger entspricht.
Die Jury hatte sich das Ganze, man sah es den Gesichtern unmissverständlich an, halbe-halbe gefallen lassen: fünf Lacher zu fünf versteinerten Mienen. Als dann aber alles vorüber war und auch das Publikum fertig gelacht hatte, steigerten sich die Lacher am Podium in ein Hochfeiern des Textes, während die deutlich Unzufriedenen eisern schwiegen. Keine Gegenstimme. Und das, liebe Jury, war nicht Höflichkeit, das war leider einfach feige. Tatsächlich gibt es für Juroren auch eine Pflicht zur Aufrichtigkeit, die vor allem dann gefragt ist, wenn das Gesamturteil einseitig kippt. Und das war auch nicht mehr dadurch auszugleichen, dass es einige hinterher reute. Die Jury war leider nicht auf der Höhe ihrer Möglichkeiten.
Alle reden ja auf ihre jeweilige Art nichts Dummes, aber sie reden leider auch wenig Brillantes, Nachdenkenswertes, und dabei haben sie doch vorher alles gründlich gelesen, einiges, wie man hörte, gar sechsmal. Zudem hatte man stark den Eindruck, dass sich die Juroren wenig für die Positionen der anderen interessierten, sodass auch das Streitbare immer sehr rasch wieder versiegte, leider.
Lutz Seiler freilich wurde gescheit anerkannt. Man erlebt in seiner Geschichte einen Schriftsteller auf einer Zugfahrt durch eine atomverdorbene Gegend Kasachstans. Einen Geigerzähler hat der Autor bei sich, den er gibt es auch ernste Kalauer? seinen Erzähler nennt und unter dem Pullover verborgen hält. So durchquert er den fahrenden Zug, als sei es eine Lebensprüfung. Es ist die Geschichte eines Fremden in der Fremde, imprägniert von Ruß und Eisen, Dunkelheit und Ungewissheit, die wie Firnis auf der Sprache liegen.
So bleibt am Ende vielleicht doch nur einer übrig, der der versprochene Geniale sein könnte: Thomas Stangl. Wie ein Meteor fiel dessen titelloser Text unter die Zuhörer. » Er ist nicht dieses Kind«, so beginnt dieser Text, der Gott sei Dank einmal nicht »Ich« sagt, und er ist eben doch auch dieses Kind, das er auf alten Fotografien wiedersieht und das ihn zurückwirft in die Kindheit, aus der man herauswill und nicht weiß, wohin. Erinnerungen verfolgen ihn bei seinen Gängen durch Wien, bei seinem Wühlen in Flohmarktkisten, bei seinen Auslöschungsfantasien. Eine Frau kommt ins Bild, die ihn vielleicht in die Gegenwart holt: »Es wäre möglich gewesen«, schließt der Text ohne Punkt. Es ist eine drängende, unruhige, düster sinnliche Sprache, die das Erlittene und Imaginierte wie Musik in einen Zusammenhang bringt. Und er war der einzige Text dieser Tage, der das hatte, was für Ingeborg Bachmann das Zeichen des wahren Dichters war: »dieses Geschleudertwerden in eine Bahn, in der gedeiht und verdirbt, in der von Worten und Dingen nichts Zufälliges mehr Zulass hat«
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.60
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