Das Drama Amerikas in den Gesichtern der Menschen

Er war auf dem Weg nach Chile, um für Allende zu kämpfen, der Däne Jacob Holdt, 23 Jahre alt, mit einer Kamera bewaffnet und reichlich wildem Idealismus aber das Elend, die Verzweiflung, die Menschen am Rande dessen, was man als Alltag oder Leben oder Vernunft bezeichnet, das alles fand er schon auf dem Weg, in jenen USA, die Anfang der siebziger Jahre immer noch ein Land waren fern jenes zivilisatorischen Versprechens, mit dem es gegründet wurde. Holdts Bilder, etwa das der 87-jährigen Frau, die ihr Haus in Alabama vernagelte, damit es nicht die Schwarzen plünderten, obwohl sie eh sterben wollte, in Arizona, wo Holdt sie mit dem Auto hinfuhr, diese Bilder also sind wütend, sind zärtlich, nachtschwarz und traurig, sie sind voller Mut und von einer schon fast grausamen Nähe. Ausgestoßene, Neonazis, Liebende, ein paar Reiche und viele, viele Schwarze, im Elend, in der Umarmung, mitten im Leben. Der Steidl Verlag hat Holdts Buch »United States 19701975« nun wieder herausgebracht (191 S., 32, ) und stellt Holdts faszinierende Bilder damit direkt neben die von Walker Evans, Larry Clark, William Eggleston und all die anderen Alltags- und Elendspoeten, die nichts mehr faszinierte als das ewige Drama des nackten Lebens.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.56
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