JUGEND 2007 IN DIESEM HEFT Das fängt ja gut an!

Liebe Leserin, lieber Leser, mit dieser Ausgabe beginnen wir ein Projekt: Künftig werden wir einmal im Jahr ein ganzes ZEITmagazin den Jugendlichen widmen, ihren Träumen und Ängsten, ihrem Blick auf die Welt, ihren schönen und auch ihren dunklen Seiten ihrem Leben.

In welcher Zeit sind die Teenager von 2007 aufgewachsen, haben sich unsere Kollegen Lara Fritzsche, 23, und Matthias Stolz, 33, gefragt, als sie mit der Arbeit an dieser Ausgabe begannen. Fritzsche unterhielt sich mit ihrer 18-jährigen Schwester Nora, die schließlich einen Essay schrieb, der auf Seite 26 beginnt: Als die New Economy zusammenbrach, war ich elf. Am 11. September 2001 war ich zwölf.

Seitdem sie mitbekommt, was draußen in der Welt los ist, herrscht dort Krise: Ich bin ein Krisenkind. Und in der Welt drinnen, zu Hause, in der eigenen Familie? Ein knappes Viertel der 14- bis 17-Jährigen lebt laut Statistischem Bundesamt in alternativen Lebensgemeinschaften, der Großteil davon bei Alleinerziehenden, Tendenz steigend. Jerome Graff, 14, ist einer von ihnen, ein Pendlerkind. Unter der Woche wohnt er bei der Mutter, jedes dritte Wochenende beim Vater. Wo mein Zuhause ist, erzählt Jerome auf Seite 36, kann ich schwer sagen.

Wie reagieren Jugendliche auf die Unsicherheit in der Welt und in der eigenen Familie? Sie suchen ihren Platz, denn sie fragen sich: Ich werde geliebt, aber werde ich auch gebraucht? Ihre Eltern wundern sich, wo die Rebellion der Jugend bleibt, aber in einer Welt, die voller Rebellion steckt, mit Eltern, die sich selbst noch verdammt jung und rebellisch fühlen, reagieren Kinder anders als gewünscht.

Die einen wollen Karriere machen, wie Nora Fritzsche, die sich zu ihrem Ehrgeiz bekennt zur großen Verblüffung ihrer Mutter, die ihr rät, sie solle doch ab und an auch mal chillen. Andere, wie Johannes Halbig, 17-jähriger Sänger der Popband Killerpilze, suchen den Sinn in der Gründung einer eigenen Familie. Mein Traum ist, sagt er auf Seite 42, dass ich am Ende eines jeden Tages nach Hause komme und dort jemand auf mich wartet. Die Sehnsucht nach Orientierung und Stabilität zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Heft.

Wenn man das Gefühl hat, seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen zu müssen, gibt es zwei Möglichkeiten zu reagieren: entweder mit Rückzug oder mit einer Offensive in eigener Sache. Bei den Recherchen zeigte sich: Die Mädchen von heute sind die Jungen von früher, sie dominieren ihre Generation, sie formulieren ihre Ziele klar. Die Mangazeichnerin Alexandra Völker hat für uns ein Selbstporträt entworfen. Sie will, das kann man ihrem Comic ab Seite 50 entnehmen, nichts anderes als den höchsten Posten, den es auf diesem Planeten gibt.

Eltern von Teenagern wundern sich darüber, wie viel Wert ihre Kinder auf ein perfekt gestyltes Äußeres legen und zum Äußeren gehört bei vielen Mädchen mittlerweile auch das Styling ihres Handys. Sie bekleben es mit Glitzersternchen, stecken es in modische Täschchen, und ganz wichtig ist vielen, dass es eine Klappfunktion hat. Nancy Thierling, 19, zurzeit auf Abi-Fahrt in Spanien, erklärt auf Seite 29, warum: Weil es so elegant ist, wenn man abhebt. Als würde ich einen Schminkspiegel öffnen. Das Handy ist laut JIM-Jugendstudie mit 92 Prozent das meistgenutzte Medium der Jugend, vor dem Fernseher (64 Prozent) und dem Computer (60 Prozent). Es ist alles in einem: Tagebuch, Ghettoblaster und Fotoalbum, Trostspender und Geheimnisträger. Es ist immer eingeschaltet, immer dabei. Es ist die Ikone dieser Generation, die kunterbunte Seite der Jugend.

Und die dunkle? Am 7. Juli 2005 wurden am Bahnhof Kings Cross in London um 8.30 Uhr vier fröhliche junge Männer gesehen. Eine halbe Stunde später explodierten Bomben in U-Bahnen und in einem Bus, 52 Pendler starben mit ihnen die Attentäter, die vier fröhlichen jungen Männer. Die Geschichte ihres Anführers erzählt, ab Seite 18, von den Generationskonflikten in Einwandererfamilien, von Jungen, die nicht leben wollen wie ihre Eltern, sich von ihnen abwenden mit katastrophalem Ausgang für die Gesellschaft. Auch das gehört zum Bild der Jugend von heute.

HERZLICH

IHR CHRISTOPH AMEND

REDAKTIONSLEITER

Ausserdem in diesem Heft

6 David Martenstein über sein Leben als Sohn

44 Lass uns reden Ein Gespräch zwischen Mutter und 18-jähriger Tochter

57 Kunstmarkt Ein junger Galerist

61 IMPRESSUM

62 Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt Er spricht über seine Jugendzeit

Diese Woche pausieren einige Rubriken und Kolumnen, sie kehren nächste Woche zurück. Anmerkungen, Lob, Kritik? Sie erreichen mich unter christoph.amend@zeit.de oder ZEITmagazin LEBEN, Dorotheenstraße 33, 10117 Berlin

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.M05
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