FRAGEN ZU EUROPA Der Westen im Osten

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie »Europa« hören?

An unsere alte europäische Leidenschaft und Eigenschaft, Geschichten zu erzählen und mit ihrer Hilfe uns selbst zu definieren, sich mit uns selbst auseinanderzusetzen aber auch: sich über uns selbst lustig zu machen.

Was war Ihre erste persönliche Erfahrung mit Europa?

Im August 1989 wachte ich auf einem Campingplatz in Ungarn auf und sah, dass alle anderen Touristen in der Nacht geflohen waren. Überall standen nur leere Trabis und verlassene Zelte. Ich fühlte mich einsam, und irgendwie begriff ich, dass die alte Teilung Europas zu Ende war.

Warum ist es gut, dass Ihr Land zur EU gehört?

Für Mikroländer wie die Slowakei ist es immer gut, einem multinationalen demokratischen Bündnis anzugehören. Zu oft hat uns die Welt einer Großmacht überlassen, zuletzt 1968 der Sowjetunion. Es freut mich auch, dass nach dem EU-Beitritt die Beziehungen zu Tschechien besser als je zuvor sind. Ich fühle mich sehr tschechoslowakisch.

Womit kann oder wird Europa die Welt noch überraschen?

Mit dem Aufstieg des europäischen Ostens. In meinem neuen Roman Eskorta heißt der zweite Teil: Der Westen ist jetzt im Osten.

Wo liegen für Sie Europas Grenzen?

Die waren nie in der Geschichte definitiv, sondern wechseln immer wieder. Ich glaube, vor allem im Süden und Osten gibt es noch viel Raum zum Wachsen.

Wer sind in Ihren Augen Europas gefährlichste Feinde?

Vor Kurzem hatte ich eine Lesung in Halberstadt eine kleine, aber großartige Veranstaltung mit Studenten, die begeistert für die moderne Literatur waren. Einen Tag danach wurde im selben Ort eine Gruppe von Theatermachern von acht Skinheads brutal angegriffen. Als ich das hörte, hatte ich ernsthaft Angst. Das Opfer war nur zufällig nicht ich.

Der Schriftsteller Michal Hvorecký, geboren 1976, lebt in Bratislava.

Sein Roman »City« erscheint Mitte des Monats auf Deutsch (Berlin Verlag)

Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/europa und www.dradio.de/euroblog

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.8
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  • Schlagworte Schriftsteller | Literatur | Europapolitik
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