BUCH IM GESPRÄCH Die jungen Alt-68er

Beige ist die universelle Rentnerfarbe, damit werden Ältere von der Gesellschaft gezeichnet und damit stigmatisieren sie sich selbst, zum Beispiel sandalen- und windjackentechnisch. Das Buch Die Altersrevolution ist ein Buch gegen Beige. Und ein Buch über Achtundsechziger. Dass beides in einem Spannungsverhältnis zueinander steht, liegt auf der Hand.

Die Autoren, geboren zwischen den Jahren 1954 und 1960, blicken mit einer Mischung aus Begeisterung und Beklommenheit auf ihre Vorgängergeneration, die im Begriff zu sein scheint, nach vielen anderen Dingen nun auch den Seniorenstatus niederzumachen. Klar: Es ist vollkommen unmöglich, sich Joschka Fischer beim Verzehr eines Putenbrustfilets mit Erbsen und Möhrchen, weißer Soße und weich gekochtem Reis vorzustellen. Der Seniorenteller ist dem Untergang geweiht.

Das Interessante an der Altersrevolution ist die ambivalente Reaktion des Autorentrios auf diese Prognose. Es gibt viele Dinge, die sie erkennbar gern an den Achtundsechzigern verreißen würden: deren ewiges Überlegenheitsgefühl - die Verklärung der »wilden Jahre« - das Vergrämen jeglichen intelligenten Nachwuchses - die Weltuntergangs-Weinerlichkeit - den Selbstverwirklichungs-Egoismus: die Kündigung des Generationenvertrages durch mutwillige Kinderlosigkeit - die menschenverbrauchende Beziehungskultur. Aber entweder haben sich Petra und Werner Bruns und Rainer Böhme das nicht getraut (was man verstehen könnte: Die Achtundsechziger reagieren auf Kritik immer noch sehr leicht beleidigt und sind zugleich, wie die Autoren feststellen, in beunruhigend großer Zahl auf der Cicero-Intellektuellenliste vertreten, sodass sie sich rächen könnten).

Oder die Sache ist nicht so einfach und zwar deshalb nicht, weil auch alle später als 68 Geborenen bei dem Gedanken an Erbsen und Möhrchen in weißer Soße erbleichen. Weil immer weniger Menschen sich gern zwangsverrenten lassen wollen. Weil die Vorstellung, dass Liebe und Sexualität auch im Alter möglich sein könnten, eine erfreuliche ist. Weil niemand, den ich kenne, am Ende des Lebens lieber in einem Pflegeheim als in einer Freundes-WG landen möchte. Weil wir in alternden Gesellschaften nicht auf die berufliche und politische Erfahrung älterer Leute verzichten können. Deshalb wohl klingt doch so etwas wie Respekt für die Pioniere dieser letzten gesellschaftlichen Grenze durch: »Die Achtundsechziger werden eine neue Gesellschaftsordnung fordern, um endlich all die Ungerechtigkeiten gegenüber Alten zu beseitigen. Sie werden nicht die heutige Jugend kopieren, um jung zu bleiben, sondern ihr Alter auskosten und dieses Lebensgefühl selbst zum Maßstab erheben. Zukünftig wird der soziale Wandel von den Alten mitbestimmt.«

Die Altersrevolution offenbart mehr die Sehnsucht der Jüngeren nach einem eigenen Projekt, nach größerer generationeller Schlagkraft, als dass sie schon überzeugend die Zukunft ausmalte. Gerade die Fallbeispiele und Projektionen, die Sachbuchautoren sich heutzutage offenbar ausdenken müssen, wirken angestrengt. Stimmt es zum Beispiel, dass sich »heute auch die ältere Frau einen jüngeren Mann sucht, nicht um sich zu schmücken, sondern weil dieser ihrem selbstverständlichen Bedürfnis nach Sexualität besser entspricht«? Auch der über 70-jährige »Genießer«, der »offen ist für die sexuelle Freizeitgestaltung des Swinging und nie ohne Viagra das Haus verlässt«, mutet ein bisschen konstruiert an. Auf diese Fragen Fantasie zu verschwenden ist ohnehin müßig: Die Achtundsechziger haben uns noch immer selbst und rechtzeitig über ihre sexuellen Befindlichkeiten informiert. Was wir Jüngeren an Vorstellungskraft zusammenraffen können, wäre besser eingesetzt für die Suche nach ein paar eigenen, weniger abgeleiteten Maßstäben.

Petra und Werner Bruns/Rainer Böhme:

Die Altersrevolution

Wie wir in Zukunft alt werden - Aufbau- Verlag, Berlin 2007 - 239 S., 19,95 Euro

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.57
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Literatur
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service