Diplomat mit Schaufel

DIE ZEIT: Sie sind der einflussreichste Archäologe, den es in Deutschland je gegeben hat.

Hermann Parzinger: Ach, das hört sich so absolutistisch an, dass es einen erschreckt. Als Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts hat man natürlich eine der höchsten Positionen inne, die man im Land als Archäologe erreichen kann.

ZEIT: Im kommenden Frühjahr steigen Sie noch höher, höher als je ein Kollege zuvor.

Parzinger: Da die Stiftung Preußischer Kulturbesitz noch nie von einem Archäologen geleitet wurde, mag das so aussehen. Damit handelt es sich für mich auch zum ersten Mal um ein Amt außerhalb meiner Wissenschaft im engeren Sinn, das aufgrund seiner kulturpolitischen Bedeutung schon etwas ganz Besonderes ist.

ZEIT: Und Sie sind dort der erste richtige Wissenschaftler. Der erste, der aus der Steppe kommt.

Parzinger: Und wohl auch einer, der zeitweise wieder dorthin zurückkehren wird.

ZEIT: Sie haben das DAI mal als Global Player bezeichnet. Ist die Archäologie zu einem weltumspannenden Business geworden?

Parzinger: Als das Auswärtige Amt, zu dessen Geschäftsbereich wir gehören, uns als Global Player bezeichnete, hat uns das sehr gefreut.

Der Begriff war als Wertschätzung gemeint. Ich benutze ihn gern. Das DAI ist schließlich heute weltweit tätig und spielt dabei eine wichtige Rolle in der auswärtigen Kulturpolitik Deutschlands.

ZEIT: Verzetteln Sie sich da nicht?

Parzinger: Nein, unsere Hauptarbeitsgebiete liegen im Mittelmeerraum und im Orient. Mit Projekten in Südamerika, China oder Ozeanien bauen wir unser weltweites Netz aus. Dabei behandeln wir Fragen, die religions-, kultur- und kontinentübergreifend sind: Wie wurde der Mensch sesshaft? Wie gestaltet er politische Räume? Wie geht er mit Innovationen um? Welche Auswirkungen haben Innovationen auf seine Entwicklung? Wie entstehen Heiligtümer? Im globalen Vergleich lassen sich die Mechanismen menschlichen Handelns viel besser begreifen.

ZEIT: Das klingt ja fast schon nach globaler Humanwissenschaft: Wie funktioniert der Mensch?

Parzinger: Es geht durchaus in diese Richtung.

ZEIT: Ist das dann für Ihre Auftraggeber im Außenministerium noch interessant?

Parzinger: Für das Auswärtige Amt ist soweit ich sehe entscheidend, dass wir exzellente Forschung betreiben. Ansonsten hat es die wissenschaftliche Selbstständigkeit und Selbstverwaltung unseres Instituts immer respektiert.

ZEIT: Bestimmt findet es Anklang, wenn Sie Kontakte in Problemländern aufbauen und halten.

Parzinger: Natürlich kann die Archäologie auch ein Türöffner in schwierige Länder sein, zum Beispiel Iran. Nach der Islamischen Revolution von 1979 konnte man dort als Ausländer nicht mehr ausgraben. Das Land blieb 20 Jahre von der Forschung abgeschnitten.

Doch nach intensiven Verhandlungen konnten wir im Jahr 2000 wieder mit gemeinsamen Forschungen beginnen, die noch andauern und wieder ein Klima gegenseitigen Vertrauens geschaffen haben, zumindest im Bereich unserer Wissenschaft.

ZEIT: Die Zeiten haben sich jedoch erneut geändert. Die Mullahs sind wieder erstarkt.

Parzinger: Die Entscheidungsträger dort sind heute in der Tat andere, dennoch möchten wir die gemeinsame Arbeit nicht abbrechen. Das ist auch kulturpolitisch interessant, wenngleich wir uns in Iran einzig und allein aus wissenschaftlichen Gründen engagieren. Die frühen Kulturen dieses bemerkenswerten Landes gehören zu den großen Zivilisationen der Menschheitsgeschichte, an deren Erforschung wir uns beteiligen müssen.

ZEIT: Sie nehmen in Kauf, dass die Politik als Trittbrettfahrer mit Ihnen mitreist.

Parzinger: Warum nicht? Wenn wir es schaffen, durch unsere Arbeit zum Dialog der Kulturen beizutragen und Kontakte zumindest auf der kulturwissenschaftlichen Ebene aufrecht zu halten oder gar zu verbessern, dann finde ich das sehr positiv.

ZEIT: Sie hätten auch Diplomat werden können.

Parzinger: Diplomat muss man in solchen Ländern immer sein, besonders wenn man zusammenarbeiten möchte. Dabei ist es unerlässlich, dem Partner gegenüber auch Respekt zu zeigen und nicht immer seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen.

ZEIT: Höchste Stellen werden mit Archäologen besetzt. Die Hilty-Foundation spendiert Millionen, damit Schätze aus dem Meer vor Alexandria gezogen werden. Ihrer Branche geht es hervorragend.

Parzinger: Jede Wissenschaft freut sich, wenn sie in den Genuss großer Summen kommt und damit faszinierende Projekte verwirklichen kann - das gilt auch für die Archäologie. Entscheidend muss aber sein, dass das Geld Forschungen zugute kommt, deren exzellente wissenschaftliche Qualität außer Frage steht. Leider blüht inzwischen aber auch die illegale Archäologie, also das Plündern von Kulturdenkmälern ZEIT: wie derzeit extrem im Irak.

Parzinger: Ganze Lastwagenladungen mit Antiken sollen dort wöchentlich das Land verlassen, wenn man den Nachrichten glauben darf. Ähnlich verhält es sich in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens.

ZEIT: Ein neues Phänomen?

Parzinger: Nicht wirklich, es existiert, seit der Mensch lebt. Schon vor Jahrtausenden wurden Gräber geplündert. Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat das Übel fast industrielle Ausmaße erreicht, und das ist eine gänzlich neue Dimension. Wenn das so weitergeht, hat die Menschheit in vielen Kulturräumen ihre bedeutendsten Kulturdenkmäler bald verloren.

ZEIT: Was kann man dagegen tun?

Parzinger: Mit der Umsetzung der Unesco-Konvention in Deutschland wurde endlich ein Anfang gemacht, der aber nur für gelistete, also bekannte Kulturgüter einen wirkungsvollen Schutz schafft. Leider greift das Gesetz jedoch nicht bei unbekannten Kulturgütern aus Raubgrabungen. Hier gilt es, dringend nach weiteren gesetzlichen Regelungen zu suchen, um dem Handel mit illegalen Antiken aus Raubgrabungen einen Riegel vorzuschieben. Doch Gesetze allein werden dabei kaum helfen. Gerade im Nahen und Mittleren Osten muss man auch die Lebensbedingungen der Menschen verbessern, um sie von illegalen Grabungen abzubringen und für den Schutz ihres eigenen kulturellen Erbes zu gewinnen. Das ist ein Thema für die Schulbücher: Die Menschen müssen lernen, dass derjenige, der einen jahrtausendalten Lehmhügel neben ihrem Dorf durchwühlt, damit ihre Geschichte zerstört.

Effektiver Denkmalschutz braucht ein Bewusstsein in der Bevölkerung.

ZEIT: Dass der Markt für Raubgüter gewachsen ist, hat mit der Popularität der Archäologie zu tun. Ist das die Kehrseite des Erfolgs?

Parzinger: So kann man das nicht sagen. Schon seit je investieren wohlhabende Menschen in Kunstwerke. Solange es sich etwa um legal erworbene Gemälde handelt, ist das kein Problem. Wenn es aber um Gut aus Raubgrabungen geht, ist das kein Kavaliersdelikt mehr. Das Grundproblem ist, dass antike Kunstwerke quasi endlos nachgeliefert werden können. Der Wüstensand birgt noch viele Schätze. Deshalb blüht die illegale Archäologie.

ZEIT: Vier Elemente machen Archäologie attraktiv: Gold, Abenteuergeschichten, Monumente und der Tod. Wir finden sie komplett bei den Skythen. Ein Besucherrekord ist Ihnen sicher.

Parzinger: Ja, das wäre großartig. Die Kultur der Skythen bietet tatsächlich viele faszinierende Aspekte. Der Tod ist bei ihnen ein Kulturgenerator ersten Ranges. Über die Skythen wüssten wir nicht viel, hätte der Tod nicht eine zentrale Rolle gespielt. Starb ein Fürst, so errichtete die Gesellschaft großartige Grabdenkmäler. Früher sah man diese Grabhügel nur als einen Haufen Erde an, weil man zu stark auf das Grab fixiert war. Wir betrachten den Hügelaufbau dagegen als Architektur, haben deshalb sorgfältig ausgegraben und dokumentiert. Dabei zeigte sich, dass diese Monumente in Etappen entstanden sind, begleitet von rituellen Handlungen, die mit der Inszenierung des Bestattungsvorgangs verbunden waren. Wir wollen deshalb in der Ausstellung nicht nur Vitrinen voller Gold zeigen, sondern auch diesen Aspekt deutlich machen. Die Kurgane sind Architektur gewordene Rituale.

ZEIT: Stehen die Skythen nicht auch für Bedrohung aus dem Osten? Ein europäisches Trauma?

Parzinger: Wir wollen mit den Skythen eine andere Seite des eurasischen Ostens zeigen, nämlich eine Kultur, die in Innerasien entstanden ist, sich dann nach Westen ausgebreitet hat, den Ostalpenrand und das Lausitzer Gebiet erreichte und dort Auswirkungen auf die einheimischen Kulturen hatte. Diese historischen Prozesse interessieren uns.

ZEIT: Sie waren großartige Handwerker!

Parzinger: Der Tierstil der Skythen ist eine ganz besondere Kunst, die nur zum Teil Traditionen aus der Bronzezeit weiterführt, stattdessen aber sehr viel Neues bietet. Tierembleme, Mischwesen, verdrehte Tierkörper, kurzum eine zoomorphe Symbolik voller Spannung und Dynamik.

ZEIT: Wo waren sie noch Pioniere?

Parzinger: Mit den Skythen beginnt das Reiternomadentum, sie waren Viehzüchter mit einer bis dahin nicht gekannten Mobilität. Das Reitpferd gab es schon vorher, aber bei den Reiternomaden der Skythenzeit ist es aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Die Verteidigung der Weidegründe führte wahrscheinlich dazu, dass das militärische Element dominanter wurde. Neu ist auch eine starke soziale Differenzierung. Plötzlich gab es eine Oberschicht, die in gigantischen Kurganen bestattet wurde, die wiederum eine gewaltige Leistung einer Gemeinschaft darstellen.

ZEIT: Wie passen diese Dimensionen zum nomadischen Leben?

Parzinger: Die skythenzeitlichen Reiternomaden waren nicht an einen Ort gebunden, aber an einen Lebensraum. Es gibt viele bedeutende Nekropolen, etwa Aran, mit einer auffallenden Ballung mächtiger Grabhügel. Nomadenstämme sind offenbar immer wieder an diesen Ort gegangen, um dort zu bestatten.

ZEIT: In einer Woche startet ein Chemnitzer Experimentalarchäologe im Steinzeit-Boot zur Atlantiküberquerung, um nachzuweisen, dass es schon vor 14000 Jahren Handel zwischen der Alten und der Neuen Welt gab. Ist das noch Wissenschaft?

Parzinger: Ich halte davon nicht viel. Schafft er es, beweist das nur, dass es möglich gewesen wäre, nicht aber, dass es tatsächlich so war.

ZEIT: Aber immerhin kommt die Archäologie damit ins Fernsehen.

Parzinger: Die Archäologie hat es nicht nötig, um jeden Preis ins Fernsehen zu kommen. Auch das Indiana-Jones-Image ist nicht förderlich. Wir wollen als seriöse Forscher wahrgenommen werden. Und wenn wir in Zelten neben dem Grabungsort hausen, dann tun wir das, weil es keine andere Möglichkeit gibt, gewiss nicht aus Abenteuerlust.

Es gibt wirklich Schöneres, als wochenlang bei Minusgraden im Schlafsack zu zittern.

ZEIT: Manchmal veranstalten Archäologen den Wirbel auch selbst. Der kleine Siedlungshügel von Hisarlk macht als Troia eine fulminante Karriere.

Parzinger: In Troia ist gute Arbeit gemacht worden. Sobald die neuen Ergebnisse publiziert sind, wird die Bronzezeit an dieser Nahtstelle zwischen Balkan, Ägäis und Anatolien ein neues Gerüst erhalten.

ZEIT: War Troia so groß, wie der Chefausgräber Korfmann die Stadt zeichnete?

Parzinger: Korfmann vertrat die Ansicht, die Unterstadt sei riesig und eng bebaut gewesen. Natürlich müssen Forscher versuchen, die Sachen plastisch und lebensecht darzustellen. Aber gerade bei der Interpretation von Ausgrabungsbefunden können sich manchmal die Geister scheiden. Das ist legitim, von Diskussion lebt jede Wissenschaft.

+ Das Gespräch führten Karl F. Gründler und Urs Willmann

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.42
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