Österreich Saubere Stadt

Eine der bizarrsten Politikerinnen des Landes ist sicher die Bezirksvorsteherin von Wien-Innere Stadt. Ursula Stenzel, die als Fernsehsprecherin begann, war zunächst nach Brüssel emigriert, wo sie weder auf noch ins Gewicht fiel. Erst nach ihrer Rückkehr nach Wien entfaltete sie in der Kommunalpolitik ihre wahre Größe. Sie, der der Kollege Jörg Haider einmal eine gewisse Nähe zu Vergorenem unterstellte, säubert nun die City von allem Bösen. Jugendliche sollen sich zwar ins Koma saufen dürfen, aber nicht vor den Augen der Touristen und Hofratswitwen, die das historische Zentrum bevölkern. Auch Straßenmusikanten gelten der resoluten Reinemachefrau als Schande für die Musikstadt Wien. Ihr neuester Coup ist allerdings an Tollkühnheit kaum zu überbieten. Es geht um nichts Geringeres als um die Beseitigung der Fiaker. Einen Pariser Politiker, der den Eiffelturm schleifen wollte, würde man wahrscheinlich in überreifem Camembert ertränken. Ähnlich erginge es seinem Londoner Amtskollegen, der das Geläute von Big Ben durch einen digitalen Klingelton ersetzen wollte. Doch Ursula, die Standhafte, beharrt auf ihrer Forderung: Die Hufe der Kutschpferde würden den Straßenbelag zernarben und die Ausdünstungen der Rossäpfel den Sandstein des Domes angreifen. Dem Vernehmen nach plant Frau Stenzel weitere Umwälzungen. In der Staatsoper, die sich ja innerhalb ihrer Reichsgrenzen befindet, soll wegen der Trinkszene im ersten Akt die Aufführung von La Traviata untersagt werden, und schließlich wird überlegt, auch die Lipizzaner zu verbannen. Die edlen Rösser schnauben im Schlaf oft aufgeregt mit den Nüstern und stören dadurch die Totenruhe der Innenstadt.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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