Ein schöner Hauch von Alteuropa

Melancholie ist ein Mädchen aus Alteuropa. Es wohnt in den Schlagschatten spitzwinklig gebauter Großstädte, ist berückend schön und trägt schwarz umrandete Augen zu kalkweißer Haut. So zumindest erscheint es durch das Fernrohr der nordamerikanischen Popkultur, die die deutsche Avantgarde der Zwanziger Jahre gern als Chiffre für dramatische Tiefe benutzt. Ein seltsamer Zerrspiegel, in den man als Ureinwohner Alteuropas schaut, wenn man das eigene kulturelle Erbe solcherart als Reimport vorgesetzt bekommt: im Brechtschen Kabarett der Dresden Dolls aus Boston beispielsweise. Oder bei der Kanadierin Emily Haines.

Auf den Konzerten zu ihrem Soloalbum mit dem rätselhaften Titel Knives Dont Have Your Back flimmert eine Folge verwackelter Film-Noir-Szenen und expressionistischer Traumbilder im Hintergrund, die ausgiebig Fritz Langs Stummfilmästhetik zitieren. Entsprechend zart und nachdenklich klingt die Musik, die Haines zu dieser Collage des Experimentalfilmers Guy Maddin spielt: ein schöner Hauch zu Klavier und Cello, eine Reminiszenz an den heiligen Ernst vergangener Künste.

Aber Achtung: In den Filmen von Maddin wird es regelmäßig skurril bis zur Komik, wenn zum Beispiel Isabella Rossellini als extravagante Brauerei-Baronin auftritt, auf mit Bier gefüllten Glasbeinen. Und auch Emily Haines versteckt in ihren Texten ein gehöriges Maß an Selbstironie.

»Unsere Hölle ist ein gutes Leben«, heißt es gleich im ersten Song Our Hell. In Reading in Bed sägt sie kräftig am Tori-Amos-Klischee von der leidenden Schönen am Klavier, wenn sie fragt: »Bei all dem Glück, das du hast, warum sind deine Songs so traurig? Du singst aus einem Buch, das du im Bett gelesen und dir zu Herzen genommen hast« Sie sind gut, fast virtuos zu nennen, die Verse der Emily Haines. Egal, ob sie das von ihr frisch erfundene Verbrechen des »sexuellen Selbstmords« besingt, oder einmal, wirklich und ganz unironisch, die Liebe fließen lässt: Ihre Bilder sitzen, und zwar immer im ausreichenden Abstand zur Eindeutigkeit.

Es liegt nahe, das auf das Erbe ihres Vaters, des Dichters Paul Haines, zurückzuführen, der in den siebziger Jahren Gedichte zu Jazz-Opern verfasste und die kleine Emily mit dem psychedelischen Jazz-Rock von Robert Wyatt bombardierte. Mit Wyatt tauscht sie E-Mails, seitdem sie Musik macht, erst mit dem kanadischen Kollektiv Broken Social Scene, dann als Frontfrau der in Kanada recht erfolgreichen Band Metric. Mit Metric ist Emily Haines ganz glamouröse, extrovertierte Indie-Rock-Diva, von energetischem Gitarren-Krach flankiert. Ihr Soloalbum nimmt nun all die Songs auf, die sie in den letzten Jahren nebenbei schrieb: Intime Selbstgespräche am Klavier, die fließenden Melodien dezent unterstützt von Percussions und Bass.

Manchmal setzen Bläsersätze einen dissonanten Punkt, manchmal schwellen Streicher und sphärische Sounds ins Filmmusikhafte, aber immer wieder sorgt eine entschlossene Bassline für rhythmische Erdung.

Emily Haines ist eben keine Nymphe, sondern eine moderne nordamerikanische Frau mit Cowboystiefeln, Witz und entschlossenem Schritt. Ihre Version des weiblichen Singer-Songwritertums mag melancholisch klingen, doch auch wenn der imaginäre Film, zu dem sie ihren Soundtrack schreibt, eine traurige Geschichte erzählt: Die Blässe Alteuropas, die zitiert sie nur und lächelt dabei kokett.

Emily Haines: Knives Dont Have Your Back

Grönland Records

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.50
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