Flotte günstig abzugeben

Diese Airline hat den wohl prominentesten Passagier der Welt: Papst Benedikt XVI. Ihn transportiert sie nebst wichtigen Kurienkardinälen auf seinen Pilgerreisen. Schon Benedikts Amtsvorgänger Johannes Paul II. bescherte der Alitalia bisher unerreichte Werbeauftritte im Fernsehen, als er auf den Flughäfen der Welt den Boden küsste im Hintergrund die Papstmaschine mit den Farben der italienischen Trikolore. Keine Fluggesellschaft schien dem Himmel näher.

Im September wird Alitalia Papst Benedikt nach Österreich bringen.

Dann wird man vielleicht auch wissen, wem die Airline des Papstes in Zukunft gehört. Seit Monaten versucht der italienische Staat, mit knapp 50 Prozent noch immer größter Anteilseigner, seine Beteiligung an der Fluggesellschaft zu verkaufen. Doch die Lage ist verworren. Von ursprünglich elf Interessenten sind nur zwei Kandidaten geblieben: die US-Investmentgruppe Matlin Patterson und Alitalias italienischer Konkurrent Air One.

Die Amerikaner werden aller Voraussicht nach einen Rückzieher machen.

Sie haben noch ein wenig Zeit, bis am 12. Juli die Frist für bindende Angebote ausläuft. Aber erst einmal streiken am 7. Juli die Flugbegleiter. Vier Stunden lang werden die Flugzeuge dann am Boden bleiben müssen. Ohnehin bringt jeder Flugtag Alitalia derzeit ein Minus von 1,4 Millionen Euro.

Fliegen oder nicht fliegen? Man weiß inzwischen gar nicht mehr, was für Alitalia teurer ist. 514 Millionen Euro Verlust im Jahr 2006, 134 Millionen allein im ersten Quartal 2007. Die Aktie dümpelt bei 80 Cent. Noch nie lag die Airline des Papstes so am Boden.

Zuletzt war auch noch die russische Aeroflot aus dem Rennen um den maroden italienischen Konkurrenten ausgestiegen. Ihnen seien wesentliche Informationen vorenthalten worden, argumentierten die Russen, außerdem störe sie der »erhebliche politische Druck« auf Alitalia. Details wollten die in dieser Hinsicht offensichtlich besonders sensiblen Areoflot-Manager nicht verraten, nur so viel: »Alitalia ist ein wichtiges Teilstück der nationalen Strategie Italiens« Welches die Regierung bei aller Verzweiflung so stand es zwischen den Zeilen zu lesen nicht ausgerechnet den Russen überlassen wollte. Wohl auch mit Rücksicht auf gewisse andere Empfindlichkeiten, denn wie hätte das ausgesehen: Der Papst fliegt Aeroflot! Welcher Treppenwitz der Weltgeschichte.

Europas größte Fluggesellschaft, die aus einer Fusion hervorgegangene Air France-KLM Group, dementiert immer mal wieder ihr Interesse, zuletzt am vergangenen Wochenende. So scheint nun alles auf Air One hinauszulaufen, die Fluggesellschaft des Unternehmers Carlo Toto. Der 63-Jährige aus Chieti in den Abruzzen macht seit 1995 der Alitalia Konkurrenz, mittlerweile als einzige private italienische Fluglinie.

International fliegt Toto, der als Bauunternehmer begann und auch an den beiden Autobahnen durch seine Heimatregion beteiligt ist, im Verbund mit Lufthansa. Indirekt können also auch die Deutschen, die sich direkt nicht am Poker um Alitalia beteiligen wollten, auf die Verstärkung ihres Italiengeschäfts hoffen.

Air One ist eine italienische Erfolgsgeschichte: Da startet einer mit kleinem Geld, Chuzpe und Geschick aus der Provinz hinter den sieben Bergen und landet im Himmel der Großen. Aber Toto hat ein Problem.

Sein Umsatz mit Air One beläuft sich ziemlich genau auf die gleiche Ziffer wie das Jahresminus von Alitalia. Die Staatslinie dürfte für den bodenständigen Abruzzesen eine Nummer zu groß sein.

Wenn ihm nicht geholfen wird. Toto ist dabei, die Banken hinter sich zu scharen. In Italiens größter Filialbank Intesa Sanpaolo hat er schon einen Partner gefunden. Vorstandsvorsitzender der Bank ist Enrico Salza. Der temperamentvolle Nestor der italienischen Banker hat immer wieder für die Mitte-links-Regierung Partei ergriffen und würde ihr vermutlich gern bei der Privatisierung der Alitalia unter die Arme greifen. Und sei es, um dem von ihm verachteten Berlusconi eins auszuwischen, der es nicht gewagt hatte, an die staatliche Airline zu rühren.

Doch Salza tut es natürlich nicht umsonst. Er und die ebenfalls angefragte Bank Monte dei Paschi aus Siena wollen Mitspracherecht und Posten in der neuen Alitalia. Toto wäre das wohl Recht, wenn er sich nur seinen Lebenstraum erfüllen könnte, die einst so übermächtige Konkurrenz zu schlucken. Er müsse nicht unbedingt bei Alitalia an der Spitze stehen, hat Toto erklärt. Lieber wäre ihm ein Manager »wie bei Fiat«, sagt er. » Die haben gezeigt, wie man schier aussichtslos scheinende Krisen bewältigen kann.«

Einen möglichen Sanierungsplan hat der Kandidat schon präsentiert: Gut ein Zehntel der fast 20000 Angestellten soll entlassen werden, darunter 1300 vom Bodenpersonal, 450 Piloten und 100 Flugbegleiter.

»Unvorstellbar«, konterte prompt die Pilotengewerkschaft. Alle drohen mit Streiks. Eine Strategie, die mit Toto möglicherweise nicht funktioniert. In seiner Airline gibt es keine Arbeitsniederlegungen.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum er der letzte Bieter ist, im Rennen um die streiklustigste Fluggesellschaft der Welt.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.27
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