Glück Schneller? Reicher? Glücklicher!Seite 4/4

In seiner Untersuchung kombinierte Veenhoven die Daten zur Lebenszufriedenheit auch mit denen zur Lebensdauer und ermittelte so die happy life years, die Zahl der glücklich verlebten Jahre. Deren Zahl ist zwischen 1973 und 2002 in fast allen europäischen Ländern deutlich gestiegen, am stärksten in Luxemburg und in Dänemark, wo der Durchschnittsbürger jeweils mehr als sieben glückliche Jahre hinzugewann, nur in Belgien nahm sie ab. In Deutschland lag das Glücks-Plus mit 4,4 Jahren knapp über dem der USA. Bei den Briten stagniert das Glück – eine späte Widerlegung des Nietzsche-Wortes »Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das«.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis der Studie war, dass Modernisierung und Verstädterung die Lebenszufriedenheit nicht beeinträchtigen, sondern steigern – vor allem die Zahl der Unglücklichen nahm ab. »Das soziale System gibt uns mehr Möglichkeiten zu wählen, und wir sind immer geschickter darin geworden, unsere Wahl so zu treffen, dass wir ein Leben führen, das unseren individuellen Bedürfnissen entspricht«, interpretiert Veenhoven die eigenen Ergebnisse. Modernisierungsverlierer, deren Psyche überfordert werde, seien in der Minderheit.

Mit der Modernisierung wächst nun auch die Ungleichheit der Einkommen. Was bedeutet das für die durchschnittliche Zufriedenheit? »Bisher gibt es darauf keine klare Antwort«, sagt der Berliner Forscher Gert Wagner. Deutlich sei nur: »Die Zufriedenheit sinkt, wenn man von unten überholt wird.« Menschen bewerten das, was sie haben, vor allem relativ.

Veenhoven hält es für falsch, die soziale Ungleichheit nur nach den Einkommen zu bemessen. Das würde der Tatsache nicht gerecht, dass sich manche Leute bewusst für einen ruhigen Lebensstil mit viel Freizeit und bescheidenem Einkommen entscheiden. Andere wiederum verdienen viel Geld, bezahlen dafür aber mit Stress oder permanenter Überbelastung. Um die soziale Ungleichheit zu verstehen, will der Soziologe eher wissen, ob die Zufriedenen womöglich immer glücklicher und die Unzufriedenen immer unglücklicher werden. Die Daten für die europäischen Länder bis zum Jahr 2001 sagen ihm eher das Gegenteil – die Gleichheit des individuell empfundenen Glücks wuchs. Vielleicht, weil die Gesellschaft lernte, verschiedenste Lebensstile zu akzeptieren.

So unsicher die Ergebnisse der Glücksforscher noch sind, nehmen Politiker sie doch ernst. Die britische Labour-Regierung hat vor zwei Jahren eine hochrangige Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Ergebnisse der Zufriedenheitsstudien in Politik übersetzen soll. Die Opposition springt ebenfalls auf das Pferd auf. Und eine Vorzeigeschule will jetzt den Heranwachsenden das Glücklichsein beibringen – sie lehrt, was die Psychologen empfehlen: emotionale Widerstandsfähigkeit, Selbstkontrolle und Optimismus.

Das ist im Sinne vieler Glücksforscher. Sie wünschen sich, dass der Zufriedenheit in allen Lebensbereichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. »Was ist das Ziel eines Altersheims?«, fragt Veenhoven beispielhaft und gibt die Antwort selbst: »Das ist die Produktion glücklicher Lebensjahre.« Beurteilt würden solche Einrichtungen aber, wenn überhaupt, nach ihrer Personalstärke oder den Räumlichkeiten. »Man sollte die Bewohner einige Male im Jahr fragen: Wie fühlen Sie sich?« Wie die Gesundheitsinformationen die Volksgesundheit verbessert hätten, so könnte auch die Glücksforschung den Menschen Ratschläge und Anregungen für ein besseres Leben geben.

Der österreichisch-britische Philosoph Sir Karl Popper warnte vor dem Kommunismus und anderen totalitären Ideologien: Der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, sei das gefährlichste aller politischen Ideale. Diese Gefahr wohnt der Glücksforschung tatsächlich inne. Doch die führenden Köpfe sind sich dessen bewusst. Sie diktieren keine Maßnahmen, sondern liefern lediglich neue Argumente in einer Debatte um Ziele und Wege. Und was noch besser ist: Sie rücken den Menschen wieder in den Vordergrund.

 
Leser-Kommentare
  1. Was Richard Easterlin da entdeckt hat - wenn das Einkommen einen gewissen Stand (der zum gesicherten Leben genügt) erreicht hat, bringt eine weitere Steigerung wenig Glücksgewinn - ist eigentlich eine uralte Sache. Philosophen und verschiedene Religionen haben das schon lange gewusst, auch wenn sie es nicht mit Studien belegt haben. Am schönsten finde ich den Sachverhalt in einem jüdischen Sprichwort formuliert:
    "Es ist nicht so gut mit Geld wie es schlecht ist ohne."
    Da steckt eigentlich alles drin.

    • keox
    • 05.07.2007 um 22:30 Uhr

    "Die Daten für die europäischen Länder bis zum Jahr 2001 sagen ihm eher das Gegenteil – die Gleichheit des individuell empfundenen Glücks wuchs. Vielleicht, weil die Gesellschaft lernte, verschiedenste Lebensstile zu akzeptieren."

    jammerschade, daß es meist denn doch die falschen sind, die mit sprache umgehen können. was für eine formulierung:

    "Vielleicht, weil die Gesellschaft lernte, verschiedenste Lebensstile zu akzeptieren.""

    penner bis penthouse. flexible lebenswelten.

    "Und was noch besser ist: Sie rücken den Menschen wieder in den Vordergrund."

    aber ja - glücklich soll er sein

    der mensch

  2. Es gibt eben das kurze Habens-Glück und das zeitlose Seins-Glück.

    Wir bräuchten eine "Wissenschaft vom Sein" an allen Schulen.

  3. Also so zurückgeblieben sind wir Ökonomen ja nun auch wieder nicht. u008710's jüdisches Sprichwort spiegelt sich in quasi allen ökonomischen Modellen als "fallender Grenznutzen=diminishing marginal utility" des Einkommens wieder. Das ist in der Tat ein alter Hut.

    Auch Gesamtwirschaftlich gesehen ist hier kein Widerspruch vorhanden. Da schnellwachsende Volkswirtschaften mehr Arbeitsplätze schaffen bzw. und Arbeitslosigkeit unglücklich macht... Die genannten Glücksländer sind nämlich alles solche mit niedrigen Arbeitslosenraten. Falls die Abschaffung des Kündigungsschutzes also in Deutschland mehr Arbeitsplätze schafft, dann kann man sie ohne Ironie als "Glücksrezept" betrachten (allerdings nur unabhängig davon, ob das steigende Risiko nicht dafür andere unglücklicher macht).

    Letztendlich geht es um Wahlmöglichkeiten. Und um ein Menschenbild, in dem nur jeder einzelne seines Glückes Schmied ist, vielleicht besser: sein kann. Dass Menschen sich irren können, sei dahingestellt. Aber die Ökonomie müsste sich nur dann revolutionieren, wenn nachgewiesen werden könnte, dass mehr Wohlstand UNGLÜCKLICHER macht. In unserem heutigen kapitalistischen System gibt es immer noch genügend Verlierer, die man mit Arbeit/mehr Einkommen glücklicher machen könnte. Somit hat ökonomische Entwicklung immer noch ihre Berechtigung...

  4. In ökonomischen Belangen wird von interessierter Seite gerne die "sozialle Gerechtigkeit" eingetragen.

    Dies ist (obwohl nie definiert) eine Art Patentschrift zum zeitlosen Unglücklichsein. Anwendbar auf jeder Ebene, Angelhaken und Fischernetz für die dummen Unglücklichen.

  5. ... Erkenntnisse! Immer wieder erstaunlich, wofür man so alles (öffentliche?) Forschungsgelder verbraten darf.

    Wie sagte doch schon der erfahrene Anlage-Berater: Geld allein macht nicht glücklich; man braucht auch noch Immobilien, Rentenpapere und Aktien...

    Die wissenschaftliche Erkenntnis, die nichts anderes besagt, als die verballhornte, uralte Volksweisheit, könnte sehr wertvoll für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft sein, wenn sie denn Gehör finden würde.

    Vermutlich wird sie aber ebenso ungehört verhallen, wie z.B. der nicht minder berühmte Satz, dem zu Folge man erst nach der letzten Umweltsünde feststellen wird, dass man "Geld nicht essen kann".

    Ich persönlich wäre jedenfalls sehr viel glücklicher, wenn ich bei meinen Mitmenschen und in der großen Politik mal etwas mehr Verantwortungsgefühl gegenüber nachfolgenden Generationen feststellen dürfte!

  6. sagt der Volksmund. Voll die Revolution. Aber ohne Geld ist alles nichts, das ist genauso wie nur häßliche Vögel sagen das es nur auf die inneren Werte ankommt.

  7. arm und krank!

    Allerdings, spätestens nach Kenntnissnahme des sorgenreichen Lebens von Onkel Dagobert Dag aus Entenhausen wissen wir, dass Reichtum ziemlich nervig und anstrengend sein kann.

    Panzerknacker brechen in Geldspeicher ein, renitente Hexen (Gundel) machen einem das Leben schwer und der allererste geliebte Golddollar des Vermögens wird geklaut!

    Ich glaub darauf brauch ich einen Kir Royal!

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