Lesereise Full Frontal

Warum die Amerikaner Günter Grass so lieben

Günter Grass in New York macht alle ein bisschen nervös. Wie soll man ihn angemessen präsentieren? Die berühmte Public Library in New York hat beschlossen, Grass im Duo anzubieten, zusammen mit Norman Mailer, der neben dem walrossartigen Danziger extrem fragil wirkt, obwohl der bloß drei Jahre älter ist. Mailer hat erst kürzlich einen Roman über die Nazizeit veröffentlicht, in dem Hitler vom Teufel inspiriert wurde. Interviewt werden sie von Andrew O’Hagan, der klingt wie Chefingenieur Montgomery Scott. Mehrere Hundert Menschen fasst die Public Library, die Veranstaltung war in vier Minuten ausverkauft.

Eine Woche hat Grass in New York verbracht. Er war im 92nd Street Y, dem wichtigsten jüdischen Kulturinstitut der Stadt, im Buchladen Barnes & Noble, nun also hier, im Gespräch mit Mailer. Er wird so begeistert empfangen wie das iPhone. Ja, er war in der Waffen-SS. Na und? Seit Guantánamo und Abu Ghraib verflüchtigt sich die amerikanische Selbstgerechtigkeit schneller als das Nordpoleis.

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In den USA gibt es einen ausgeprägten Starkult, aber keine Konfrontationskultur, vielleicht wird Grass deshalb mit so viel Applaus bedacht. Am bemerkenswertesten ist freilich, wann er Beifall bekommt: zum Beispiel, als ihn ein Zuhörer bei Barnes & Noble frontal angreift (es war das erste und letzte Mal), er sei von Grass bitter enttäuscht, der Dichter solle sich gefälligst entschuldigen. »So viele Richter«, sagt Grass trocken. Alle klatschen. Grass-Auftritte in New York haben ein bisschen was von Michael Moores Auftritten in Deutschland. Auch da interessiert sich keiner für Moores Fehler, weil es einfach zu schön ist, wie er mit den Amerikanern abrechnet.

Grass wird, vom Applaus verwöhnt, von Auftritt zu Auftritt milder. Er spricht von der Zerstörung Danzigs, der Vergewaltigung seiner Mutter, dem Tod von 9000 Flüchtlingen auf der Wilhelm Gustloff. All dies ist neu für Amerikaner, in deren Filmen deutsche Opfer nicht vorkommen. Dann aber stellt O’Hagan die Frage, die immer wieder kommt: Warum haben Sie so lange geschwiegen? Warum haben Sie, mit Ihrer Vergangenheit, Politiker angegriffen, die damals Nazis waren? Grass müht sich redlich. Er sei 16, 17 Jahre alt gewesen, diese Leute aber Karrierepolitiker. Und er habe doch in den sechziger Jahren schon gesagt, er sei bei der Waffen-SS gewesen. Immer wieder wendet sich Grass an seine Übersetzerin, um O’Hagan zu verstehen, aber vielleicht tut er auch nur so, um Zeit zu gewinnen. Zeit: Das ist das Wichtigste, worum es Grass geht, die Beherrschung der Zeit. Er ist kein Objekt der Zeitgeschichte, er will seine eigene Geschichte in seiner eigenen Zeit erzählen. Er ist der Autor, der Schöpfer.

Und Norman Mailer springt ihm bei. Er wisse von der Tragik, zu sehen, dass sein Land, das ein Schriftsteller liebe wie eine Frau, zum Monster werde. »Wie kann es nur sein, dass ein so kultiviertes Land wie Deutschland solche Verbrechen begeht?« Vor allem aber begreife er, dass Grass Zeit gebraucht habe. Auch er habe bis heute nicht darüber schreiben können, dass er auf seine Ehefrau eingestochen habe. Dem könne er als Schriftsteller nicht genügen.

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