Kino Funkenmariechen aus dem Norden

»Schwedisch für Fortgeschrittene« ist ein Feel-Good-Movie für die Frau ab vierzig

Sie sind keine Schönheiten, keine Sexbomben und auch ansonsten keine Ausnahmerscheinung. Sie lachen zu laut, reden zu viel und saufen am Wochenende jeden Bauarbeiter unter den Tisch. Ihren Kindern sind sie furchtbar peinlich. Vor allem, wenn sie, aufgedonnert wie Weihnachtsbäume, zum Discobesuch ausrücken.

Gudrun (Maria Lundqvist), eine akurate Politesse, die ihr Leben lang draussen wie drinnen für Ordnung gesorgt hat, und Elisabeth (Helena Bergström), eine selbstbewusste Gynäkologin. Die eine ein gealtertes Mauerblümchen, die andere ein amüsierbereites Energiebündel. Zwei grundverschiedene betrogene Ehefrauen und beruftstätige Mütter Ende vierzig. Bei einem deftigten Streit um ein Knöllchen haben sie sich kennengelernt. Ein paar Tage später landet Gudrun verklemmt und verknotet auf Elisabeths Behandlungsstuhl und entdeckt im Folgenden den eigenen Körper. Die neue Freundin weist Gudrun in die Handhabung eines Vibrators ein und verhilft ihr damit zum ersten Orgasmus, der seinen Namen auch verdient. Wenig später sehen wir die schüchterne Gudrun in einem wüsten Raubtierfummel im Stroboskoplicht. Befeuert von zahllosen Tequilas, wirft sie die Beine in die Luft wie ein über Jahrzehnte von seinem Karnevalszug vergessenes Funkenmariechen.

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Elisabeth und Gudrun, das ist ein anrührender Solidarpakt für die zwischengeschlechtlichen Depressionen des neuen Jahrtausends. Ein selig hicksendes Freizeitmatriarchat, das sich »postfeministisch«, wenn man so will, ganz aus dem Frust und dem Realitätssinn der Freundinnen speist. Anders als sonst im Kino, dient der Frauenbund keinesfalls der Eroberung des anderen Geschlechts. Selten wird auf einen Verehrer ein zweiter Blick geworfen, meist geht es nur um das eine Getränk, den einen Tanz, mit dem man die frisch entdeckte Freiheit dann doch lieber allein zelebriert.

Colin Nutleys Schwedisch für Fortgeschrittene war in Schweden im vergangenen Jahr ein riesiger Publikumserfolg. Mit ihm scheint sich bei uns die kleine Welle sympathisch vor sich hin menschelnder skandinavischer Filme fortzusetzen, die vor zwei Jahren von der Glückssuche eines Dirigenten in Wie im Himmel ausgelöst wurde. Auch Schwedisch für Anfänger wird getragen von großer Zuneigung für seine Figuren, die weder besonders schön noch besonders schlau oder nett sind – und von großer Achtung vor ihrem kleinen, stinknormalen Leben. Dennoch kann einem dieses Feel-Good-Movie mit seiner ostentativen Lebensfreude speziell für die Dame ab vierzig auch ziemlich auf den Wecker fallen. Lautstark und mit allzu ausgestellter Frechheit feiert der Film seine »Grenzverletzung« – Frauen jenseits des Clearasil-Werbesegments tanzend, lachend und trinkend in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Dass sich Elisabeth und Gudrun am Ende tatsächlich selbst genügen, die Haarspangen lösen, die Musik aufdrehen und im selbst bezahlten Cabrio losziehen, ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Verfolgt und eingekesselt von den Agenten des Patriarchats, mussten Thelma und Louise dafür vor sechzehn Jahren noch den Heldinnentod sterben.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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    • Schlagworte Kino | Film | Schweden
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