Deutschland Wohin Robben reisen

Düne, die unbewohnte Schwesterinsel von Helgoland, wird zum Urlaubsziel aufgerüstet

Christian Lackner hält den Schlüssel zur Zukunft in seiner Hand. Und man kann schon von Weitem sehen: Die Zukunft ist mehr als rosig. Sie ist rot, gelb und quietschgrün. Der Kurdirektor von Helgoland präsentiert sein neues Feriendorf. Fünf bunte Häuser stehen auf Pfählen im Dünensand. 57 sollen es werden. Lackner öffnet die Tür zum grünen Gebäude. »Das ist eine Revolution!«, sagt er. Wir sehen ein Wohn- und ein Schlafzimmer mit hellem Holzboden, eine Küchenzeile und ein Bad mit Dusche. Was daran revolutionär ist? Der Ort.

Düne ist die kleine Schwesterinsel des selbst schon winzigen Helgolands – gerade einmal einen Kilometer lang und 850 Meter breit. Wie der Name vermuten lässt, besteht sie im Wesentlichen aus Sand. Bewohner: keine. Aber Urlauber gibt es. Tagesausflügler, die in zehn Minuten mit der Fähre von Helgoland übersetzen, um sich an einen der schönen Strände zu legen. Und ein paar Ruhesuchende, die es länger aushalten. Bislang in Zelten und schlichten Holzcontainern, doch das soll sich jetzt ändern.

Geht es Helgoland so gut? Nein, gerade nicht. Das Freizeitangebot ist spärlich, und zollfreier Einkauf allein lockt kaum noch Besucher an. »Wir müssen unser Image ändern«, meint Lackner. »Weg von der Fusel-Insel für Tagestouristen, hin zum behaglichen Urlaubsdomizil für ein gepflegtes langes Wochenende.« Darum leistet sich die 1200-Seelen-Gemeinde ein neues Meerwasserschwimmbad, hübscht ihr Museum auf – und erschließt Düne.

Den besten Ausblick auf das Eiland bietet Johnny Hill. Das Hügelchen sieht aus wie ein umgestülpter Pudding mit Flaggenmast obendrauf. Von oben glänzen weiße Sandstrände im Sonnenlicht. Dahinter funkelt die Nordsee türkisgrün wie nirgends sonst in der Deutschen Bucht. Zwischen den Stränden liegt die Landebahn für den Flugplatz, den sie hier Flughafen nennen. Im Norden ducken sich hinter den Dünen der Zeltplatz und einige morsche Containerhütten. Das ist das alte Feriendorf aus den 1970ern für Urlaub ohne WC und fließend Wasser. Nahe am Anleger ist bereits das Gelände für das neue Dorf planiert – weiträumige, große Bauplätze, die später mit Sandwällen und Hecken unterteilt und mit Bohlenwegen erschlossen werden sollen.

Anja Winkelmann und Eike Christian Wahrmuth sind nicht begeistert. In Regenjacken und Turnschuhen haben sich die Endzwanziger aus ihrem alten Bungalow hinüber zu den neuen Häusern gewagt, um sie zu begutachten. Vielleicht 500 Meter liegen dazwischen. »Eine andere Welt«, sagt Anja. Burgenbauen, Minigolf und Muschelnsuchen waren Höhepunkte in ihrer Jugend. Mit Eltern und Oma verlebte sie viele Sommer auf Düne. Die alten Quartiere sind mit Resopalmöbeln und Kochplatte spartanisch eingerichtet. Deshalb brachten erfahrene Düne-Urlauber ihren halben Hausrat mit. »Jede Familie hatte eine große Holzkiste mit Geschirr, Besteck, Eierkocher und Toaster auf der Düne«, sagt Anja. Nach dem Urlaub wurde darin alles eingelagert bis zum nächsten Sommer. Leger ging es zu unter den Insel-Campern. Die Bungalows waren nur Regenschutz, man machte viel gemeinsam. »Vor allem die Grillabende am Ententeich einmal in der Woche waren echte Höhepunkte«, sagt Anja. Mit Christina aus Osnabrück und Vanessa »irgendwo aus dem Ruhrpott« tobte sie um den Weiher, während die Großen den günstigen Spirituosen zusprachen.

Das alles ist nun vorbei. Als das neue Dünendorf geplant wurde, mussten die Stammgäste ihre Kisten ausräumen. Viele seien damals fertig gewesen mit Düne. Auch für Anja geht eine Ära zu Ende. Mit bis zu 184 Euro für die erste Nacht ist ein Haus hier doppelt so teuer wie ein alter Bungalow. »Und ein Gemeinschaftsgefühl wird auch nicht entstehen. Man begegnet sich ja kaum«, meint Anja. Einmal hat sie noch trotzig die maßgeschneiderten Gardinen von daheim mitgebracht, bevor die alten Bungalows verschwinden werden.

Altes oder neues Dünendorf – Birgit Zießler ist das egal. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern wohnt die Internistin aus Ansbach ohnehin im Servicegebäude. Als Inselärztin kommt sie schon seit sechs Jahren immer für zwei Wochen hierher. Im Notfall schultert sie den Erste-Hilfe-Rucksack inklusive Beatmungsgerät und radelt auf dem Dienstfahrrad zu ihren Patienten. »Unterkühlung nach dem Baden, Sonnenstich nach dem Sonnen und kleine Verletzungen fordern die meisten Einsätze.« Ansonsten sei Düne ein gesundes Fleckchen: »Viele Allergiker fliehen vor den Pollen hierher. Die Seebrise vertreibt alles.«

Der örtliche Einzelhandel erhofft sich von den Neubauten keine nennenswerte Belebung der Konjunktur. Den örtlichen Einzelhandel verkörpert Max Baide. Der 46-jährige Helgoländer kommt jeden Sommer nach Düne, wo er den Inselladen und ein Café neben dem Flugplatz betreibt. »Mit Sylt oder den Mittelmeerstränden kann die Insel doch gar nicht konkurrieren«, sagt er. Das Schöne an Düne – Natur und Stille – vertrage sich schlecht mit dem Ehrgeiz der Kurverwaltung. »Wer einen Fernseher mit Satellitenschüssel braucht, der ist hier einfach verkehrt. Dann hört man ja das Meer gar nicht mehr.« Gut, die neuen Häuser seien bequem und geräumig. Mancher Helgoländer blicke neidisch auf die Urlaubsdomizile. »Drüben bist du froh, wenn du eine Wohnung mit 50, 60 Quadratmetern hast.« Man könne die Uhr nicht anhalten, sagt Max. Aber müsse sie auch nicht überdrehen.

Wir spazieren zum rauen Nordstrand. Dort entdecken geübte Augen viele Fossilien, gelegentlich auch Bernsteine. Nicht zu übersehen sind die Seehunde und Kegelrobben. Denen gefällt es hier. Entspannt recken sie als Dauergäste ohne Kurkarte ihre Hinterflossen in die Sonne. Hunderte Tiere erholen sich seit einigen Jahren auf Düne von den Raubzügen in der Dämmerung. An Menschen haben sie sich gewöhnt. »Wenn ihr morgens ganz früh baden geht, dann streichen die Seehunde neugierig an euch vorbei«, hat Max uns verraten. Ein Pfund, mit dem andere Urlaubsorte wuchern würden. Auf Düne wuchern allein die Hagebutten. Die Robben gähnen. Und trotz der bunten Häuser am Anleger sieht es ganz danach aus, als ob sich hier selbst die Zukunft Zeit lassen wird. Der Kurdirektor Lackner übrigens wechselt dieser Tage nach Hamburg.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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    • Schlagworte Freizeit | Reise
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