Sachbuch Besserwisser

Wolf Schneider zerlegt das Glück fein säuberlich in seine Bestandteile

Es gibt Bücher, gegen die nichts, wirklich gar nichts einzuwenden ist. Außer dass man sich bei der Lektüre fühlt wie Effi Briest, wenn Innstetten ihr zum fünften Mal erklärt, dass ein knarrender Dachboden kein Grund für Paranoia und dass es Blödsinn ist, sich wegen einer Knutscherei in den Dünen das Leben zu vermasseln. In beiden Fällen hätte Innstetten natürlich recht gehabt. Der Mann hatte die Vernunft auf seiner Seite, und die überdrehte Effi Briest besaß schon sehr wenig Realitätsüberblick. Dennoch versteht jeder, warum es ihr nicht gelang, für ihren Ehemann Empfindungen aufzubringen, die über Respekt hinausgehen. Und warum sie sich dann halt doch heimlich in die Dünen schlich.

Ein gewisses Effibriestgefühl kann den Leser des neuen Buches von Wolf Schneider schon beschleichen, wenn er es nur in die Hand nimmt. Das Buch heißt: Glück! Nicht einfach Glück, sondern Glück mit Ausrufezeichen. Ein bisschen wie Glück mit erhobenem Zeigefinger. Ein bisschen wie: So werden Sie glücklich, und nun werden Sies auch gefälligst! Schlägt man das Buch dann auf und liest erst mal den hinteren Klappentext, weiß man sofort, dass an dem Autor Wolf Schneider, auch wenn man noch nie von ihm gehört hat, alles irgendwie beeindruckend ist. Wolf Schneider, ist zu erfahren, wurde 1925 geboren, er war für diverse Zeitungen als Korrespondent oder in gehobener Stellung tätig, er leitete 16 Jahre lang die Hamburger Journalistenschule, er lehrt heute noch an sechs Journalistenschulen. Und verfasste daneben schlappe 26 Sachbücher. Glück! Eine etwas andere Gebrauchsanweisung (Rowohlt Verlag, Reinbek, 2007; 303S, 19,90 €) ist folglich sein 27. Sachbuch.

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Das Namens- und Sachregisters des 27. Sachbuches von Wolf Schneider umfasst rund 500 Stichwörter. Beim Buchstaben R finden sich untereinander beispielsweise: »Rinderwahn, Ringelnatz, Rivalität, Robespierre« Das Literaturverzeichnis umfasst 136 Titel. Es reicht von Spinoza, Kant und Schopenhauer über Musil und Nancy Friday bis zum Dalai Lama. Das Buch Glück! ist sehr gründlich gegliedert, sehr überschaubar und vermittelt den Eindruck themenerfassender Vollständigkeit. Im 30. Unterkapitel geht Wolf Schneider der Frage nach: »Können siamesische Zwillinge glücklich sein?«.

Vielleicht wirkten der Bürokratismus und der Hang zur Besserwisserei weniger irritierend, weniger, nun ja, instettenhaft, wenn es um ein anderes Thema ginge. Vielleicht erwartet man von einem Autor, der sich mit den Bedingungen der Möglichkeit von Glück und Glückserfahrung befasst, einen etwas gelasseneren Umgang mit der Materie. Und vor allem: etwas weniger Energieverschwendung an den Nachweis der Dummheit und Fehlerhaftigkeit von Zeitgenossen und Rivalen. Wolf Schneiders Glücksratgeber nennt sich nicht umsonst im Untertitel Eine etwas andere Gebrauchsanweisung. Gemeint ist wohl: eine etwas bessere. Schneider, so klug und belesen er ist, so elegant er formuliert, kann sich kleinliche Seitenhiebe gegen die Ratgeberprodukte der Bestsellerliste, auf der er selbst angekommen ist, nicht verkneifen. Werner Tiki Küstenmachers Dauerbrenner Simplify your life kriegt alle paar Seiten sein Fett ab. Das kindische Erfolgswerk Liebe dich selbst – und es ist egal, wen du heiratest von Eva-Maria Zurhorst wird streng zur Rede gestellt. Die Utopisten der Weltgeschichte werden so messerscharf zerlegt wie die Pessimisten. Schneider hat, wenn er den Zeigefinger in Schwachstellen philosophischer Gebäude bohrt oder mahnend gegen populären Unfug erhebt, so gut wie immer recht. Aber stellt man sich das geistige Klima der Glücksfrage nicht fern der Rechthaberei vor? Und den geistigen Kontext nicht gefärbt von jener Großzügigkeit, die Glücksmomente ausmacht? Ursula März

Glück!SachbuchEine etwas andere GebrauchsanweisungWolf SchneiderBuchRowohlt Verlag2007Reinbek19,90303
 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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    • Schlagworte Sachbuch | Literatur | Glück | Journalistenschule | Buch | Lama | Reinbek
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