Bundeshaushalt Einfach nur geklaut

Finanzminister Steinbrück setzt seinen Finanzplan durch: Das Kabinett hat gebilligt, dass die Bundesagentur für Arbeit Milliarden an den Bund überweisen muss. Das ist ein Skandal.

Kleine politische Skandale verstecken sich oft in großen Zahlenwerken. Etwa im Bundeshaushaltsplan. Der scheint weit weg zu sein vom normalen Bürger, deshalb interessieren sich die wenigsten dafür, was genau drinsteht. Künftig will die Bundesregierung jedes Jahr fünf Milliarden Euro aus der Kasse der Bundesagentur für Arbeit in den Bundeshaushalt umleiten. Na und, werden da viele denken. Was geht mich das an?

Eine Menge. Es ist einer jener Skandale, die alltäglich geworden sind. Vordergründig geht es bloß darum, dass sich die Bundesagentur finanziell daran beteiligen soll, Hartz-IV-Empfänger wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Bisher hat das der Bund bezahlt. Tatsächlich bedeutet es: Die Kassiererin im Supermarkt finanziert mit ihren Beiträgen an die Arbeitslosenversicherung die Schulungen und Trainingsprogramme für erwerbslose Jugendliche und Langzeitarbeitslose. Der beamtete Professor dagegen wird entlastet – er ist kein Zwangsmitglied der Arbeitslosenversicherung und muss zu den fünf Milliarden Euro nichts beisteuern. Genauso wenig wie Rentner oder Selbstständige.

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Es ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Sozialversicherungen je nach Haushaltslage mit Aufgaben belastet werden, die eigentlich aus Steuern finanziert werden müssten. Die Regierung rechtfertigt sich, früher habe man die Bundesagentur ja mit Milliarden subventioniert. Allerdings musste die Agentur schon immer allerlei versicherungsfremde Aufgaben schultern und zuletzt sogar eine völlig absurde Strafzahlung an den Bund leisten. Tatsächlich greift der Bund seit Jahr und Tag in kaum überschaubarer Weise in die Kassen der Sozialversicherungen. Wo es aber an Transparenz mangelt, fehlt auch die demokratische Kontrolle. Und manche Skandale bleiben unbemerkt.
Kolja Rudzio

 
Leser-Kommentare
  1. Der Kommentar geht schlicht am Thema vorbei. Es gilt, an der Ursache anzusetzen:

    Frage: Weshalb hat das Arbeitsamt soo viel Geld, das man im wegnehmen kann?

    Antwort: Weil über die Jahre hinweg die Arbeitnehmer um ihre Beiträge geprellt und die Arbeitslosen mittels hartz IV enteignet wurden!

    Das ist der Skandal. Tut mir leid Herr Rudzio, aber Ihr Text strotzt nicht gerade vor Sachkunde der grundlegenden Zusammenhänge.

    Der Selbständige zahlt keine Arbeitslosenbeiträge, er erhält auch nichts von der Versicherung. Das ist kein Skandal. Der Arbeitnehmer, der länger als 10 Jahre beschäftigt ist, erhält weniger als die Einzahlung. Das ist ein Skandal.

    korfstroem

  2. Das ist tatsächlich ein Skandal. Ob Rente, GKV oder eben die AV, alle schreien wie teuer sie sind, aber niemand schaut sich die vielen versicheungsfremden Leistungen an, die durch sie bezahlt werden und außerhalb des Solidariätsgedanken dieser Versicherungen liegt.
    @kolfström
    Ihnen ist anscheinend das Prinzip einer AV nicht klar. Es schützt als eine Art Haftpflichtversicherung den Lebensstandard im Schadensfall Arbeitslosigkeit. Sie sparen also nicht wie bei der Rente Ansprüche für den sicheren "Schadensfall" Alter auf. Außerdem erhalten Sie auch bei Ihrer Autohaftpflicht die Beiträge nicht zurück, falls Sie ihr Leben lang unfallfrei fahren. Die Prämien können zwar sinken, aber nur weil es keine Solidarversicherung ist. Die solidarische Komponente ist die Umverteilung zwischen Hochrisikoarbeitnehmer (ungebildet, jung etc.) und sicheren Arbeitsplätzen. Außerdem ist Arbeitslosigkeit oft unverschuldet, deshalb wird sie solidarisch abgesichert.

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    • Anonym
    • 05.07.2007 um 1:15 Uhr

    Ich will mal stark anzweifeln, dass Arbeitslosigkeit generell unverschuldet ist. Schließlich besteht immer noch die Möglichkeit eine "schlechtere" Arbeit oder eine schlechtere Bezahlung zu akzeptieren, falls das bisher gewohnte "Niveau" nicht mehr auftrechterhalten werden kann. Des Weiteren vermindert eine solche Versicherung die Anreize zu arbeiten. Außerdem werden diejenigen durch die Zwangsabgabe für die Arbeitslosenversicherung bestraft, die nicht arbeitslos werden. Sei es, weil sie nie Pech hatten oder immer bereit waren zu ungünstigeren Bedingungen zu arbeiten.

    Schon deshalb ist eine Zwangsabgabe zur Arbeitslosenversicherung als kritisch zu sehen und sollte der persönlichen Entscheidung unterliegen. Alles andere empfinde ich, jetzt mal intuitiv, als ungerecht. Dies ist auch der Grund, warum eine Abschaffung der momentan existierenden Regelung der Arbeitslosenversicherung gefordert wird.

    Eine Umverteilung von Hochrisiko- und sicheren Arbeitsplätzen ist nicht erforderlich. So etwas regelt der Markt. Je höher das Risiko für den Arbeitnehmer ist, desto höher ist ceteris paribus auch der "Stundenlohn".

    MFG

    • Anonym
    • 05.07.2007 um 1:15 Uhr

    Ich will mal stark anzweifeln, dass Arbeitslosigkeit generell unverschuldet ist. Schließlich besteht immer noch die Möglichkeit eine "schlechtere" Arbeit oder eine schlechtere Bezahlung zu akzeptieren, falls das bisher gewohnte "Niveau" nicht mehr auftrechterhalten werden kann. Des Weiteren vermindert eine solche Versicherung die Anreize zu arbeiten. Außerdem werden diejenigen durch die Zwangsabgabe für die Arbeitslosenversicherung bestraft, die nicht arbeitslos werden. Sei es, weil sie nie Pech hatten oder immer bereit waren zu ungünstigeren Bedingungen zu arbeiten.

    Schon deshalb ist eine Zwangsabgabe zur Arbeitslosenversicherung als kritisch zu sehen und sollte der persönlichen Entscheidung unterliegen. Alles andere empfinde ich, jetzt mal intuitiv, als ungerecht. Dies ist auch der Grund, warum eine Abschaffung der momentan existierenden Regelung der Arbeitslosenversicherung gefordert wird.

    Eine Umverteilung von Hochrisiko- und sicheren Arbeitsplätzen ist nicht erforderlich. So etwas regelt der Markt. Je höher das Risiko für den Arbeitnehmer ist, desto höher ist ceteris paribus auch der "Stundenlohn".

    MFG

    • Anonym
    • 05.07.2007 um 1:15 Uhr

    Ich will mal stark anzweifeln, dass Arbeitslosigkeit generell unverschuldet ist. Schließlich besteht immer noch die Möglichkeit eine "schlechtere" Arbeit oder eine schlechtere Bezahlung zu akzeptieren, falls das bisher gewohnte "Niveau" nicht mehr auftrechterhalten werden kann. Des Weiteren vermindert eine solche Versicherung die Anreize zu arbeiten. Außerdem werden diejenigen durch die Zwangsabgabe für die Arbeitslosenversicherung bestraft, die nicht arbeitslos werden. Sei es, weil sie nie Pech hatten oder immer bereit waren zu ungünstigeren Bedingungen zu arbeiten.

    Schon deshalb ist eine Zwangsabgabe zur Arbeitslosenversicherung als kritisch zu sehen und sollte der persönlichen Entscheidung unterliegen. Alles andere empfinde ich, jetzt mal intuitiv, als ungerecht. Dies ist auch der Grund, warum eine Abschaffung der momentan existierenden Regelung der Arbeitslosenversicherung gefordert wird.

    Eine Umverteilung von Hochrisiko- und sicheren Arbeitsplätzen ist nicht erforderlich. So etwas regelt der Markt. Je höher das Risiko für den Arbeitnehmer ist, desto höher ist ceteris paribus auch der "Stundenlohn".

    MFG

  3. 4. @dakra

    Treffender kann man neoliberale Lehrbuchweisheiten nicht ausdrücken. Und ökonomisch ist dies völlig rational: man kann "niedere" Arbeiten annehmen, wenn das Niveau nicht zu halten ist, und je besser die Versicherung, desto geringer die Anreize zu arbeiten (--> siehe Reservationslohn). Und schliesslich hat ja auch unser aller Freund Hans-Werner Sinn, der Präsident des ifo-Institutes, ökonomisch gesehen recht, wenn er noch niedrigere Reallöhne in Ostdeutschland fordert.

    Als langjähriger Brasilienkenner und Gastdozent an der FAAP/Sao Paulo habe ich eine Gesellschaft kennengelernt, in welcher diese ökonomische Rationalität dominiert. Arbeitslos ist dort fast niemand - dennoch leben ein Großteil der Menschen in Armut und Deprivation.

    Unser Hauptproblem - und dies wird durch den dominanten Diskurs wunderbar verdrängt - ist nicht die Arbeitslosigkeit. Unser Hauptproblem ist die steigende Zahl von "working poor". Zu behaupten, Arbeit löse alle Probleme (also Verringerung der Arbeitslosigkeit als Hauptziel) ist einer dieser absurden, "politische korrekten" Diskurse (in einer Reihe zu nennen mit der Klimahysterie, der Killerspieldiskussion etc.), die die tatsächlichen Sachverhalte verdunkeln.
    Wir brauchen ein hohes Sozialversicherungsniveau, um eben genau die Anreize, "niedere Tätigkeiten" anzunehmen, auszuschalten. Dies mag ökonomisch (von der Arbeitgeberperspektive) irrational sein, von einem sozial-politisch ethischen Standpunkt jedoch ein Desiderat.

    Ich wurde in Brasilien immer wieder gefragt - von Schuhputzern bis zu Ökonomen - ob denn in Deutschland wirklich die goldenen Äpfel an den Bäumen hängen und alle ohne Ausnahme in hohem Wohlstand leben - es war immer schwierig, diese Frage kühl und gelassen zu beantworten.

  4. So weit ich weiß, hat Herr Steinbrück die letzten Monate immer wieder betont, dass die Sozialkassen eher über Steuern finanziert werden müssten - hat er das alles wieder vergessen? Oder werden die Pläne erst dann wieder aus der Schublade geholt, wenn ihm - der Demographie wegen - die Einzahler in die Sozialkassen verlustig gehen? Dies wäre doppelt ungerecht: Diese Generation hätte dann sowohl überhöhte Sozialabgaben als auch dann sehr viel höhere Steuern im Alter bezahlt, als dies Generationen vorher getan haben...

  5. Was Ihnen und dem Kommentator entgangen ist:

    Die Arbeitnehmer zahlen einen Beitrag x, um sich für den Fall der Arbeitslosigkeit zu schützen. Wenn die maximal zu erwartende Auszahlung niedriger als die Beitragszahlungen ist, dann ist die Arbeitslosenversicherung keine Versicherung sondern eine Sondersteuer. Genau das ist für den überwiegenden Teil der Arbeitnehmer der Fall.

    Niemand zahlt 400 Euro Jahresbeitrag für eine Rechtschutzversicherung, wenn die Versicherung ihre Erstattungsleistung auf 300 Euro limitiert. Niemand zahlt 100 Euro Jahresbeitrag für eine Haftpflichtversicherung, wenn die Versicherung Schäden nur bis zu einmalig 500 Euro Schadenssumme abdeckt. Spätestens ab dem 5. Jahr wäre die Versicherung unsinnig.

    Bei der Arbeitslosenversicherung wurde ganau dieses Prinzip eingeführt. Die Versicherung ist weder Versicherung noch Sozialleistung sondern eine Sondersteuer zur finanzierung eines öffentlichen Haushalts.

    Präzise ausgedrückt, wurden die Versicherungsnehmer mit Hartz IV um ihre eingezahlten Beiträge betrogen und die Versicherungsnehmer seit Hartz IV für dumm verkauft.

    Niemand erwartet in diesem Land, daß die Arbeitslosenversicherung eine lebenslange Versorgungsleistung übernimmt. Aber in der jetzigen Form ist die ALV eine Fehlkonstruktion zu deren Entlarvung die Grundrechenarten Addition und Multiplikation reichen. Versicherungsnehmer, die sich die Verlustschwelle ausrechnen wollen, benötigen zusätzlich die Subtraktion.

    Die Erbsenzähler, die es genau wissen wollen, benötigen darüber hinaus die Potenzrechnung zur Ermittlung der Zinseffekte.

    Aber das wäre in einem Staat wie dem unseren entschieden zuviel verlangt. Zur Erinnerung: Unsere Bundeskanzlerin kennt nicht den Unterschied zwischen brutto und Netto. In Hessen möchte eine Ministerin die Bibel im Biologieunterricht behandeln. Die Bundestagsabgeordneten haben das Maß für ihre Nebeneinküfte verloren.

    Als Fazit bleibt festzustellen, daß die Überschrift des Artikels "Einfach nur geklaut" richtig gewählt ist. Fast jeder Arbeitnehmer wäre mit einer privaten Rückstellung für den Fall der Arbeitslosigkeit besser bedient.

    korfstroem

    • keox
    • 06.07.2007 um 16:55 Uhr

    das nenne ich mal eine gerade linie. zunächst wird unter federführung der schöder-partei ein gigantisches lohnsenkungsprogamm durchgeknüppelt, dann wird im zweiten schritt die BA geplündert - das nenne ich mittelbaren lohnraub.

    ganz nebenbei: hatz4-empfänger erhalten seit dem 1.7.07 zwei € mehr. jeden monat. das ist eine verhöhnung sondergleichen, insbesondere angesichts eines rund zehn jahre alten warenkorbes, der den berechnungen von AlG II zugrunde liegt.

    das alles ist bekannt und wird mit recht skandalös genannt.

    der eigentliche skandal aber mag manchem erst bei der nächsten krise dämmern. dann nämlich, wenn sich erweist, daß man die rest-solidarität dieser gesellschaft ihrer materiellen basis beraubt hat.

    die nächste krise bietet möglicherweise schon die gelegenheit, sich des lästigen sozialstaates gänzlich zu entledigen. die weichen werden gestellt.

    wenn der gesellschaftliche sondermüll dann dem freien spiel der kräfte endgültig preisgegeben ist, wenn deutsche medien landauf, landab das hohelied von der normativen kraft des faktischen singen, dann mag man vielleicht wieder einmal einen der sinnsprüche des unrasierten adipösen vernehmen. möglicherweise so:"ja, manchmal ist das leben hart, wie das echte leben ja auch."

    danke gerd

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