LASS UNS REDEN

Schön, dass Sie sich mit uns unterhalten über das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Mutter: Ehrlich gesagt gab es gestern noch einen kleinen Disput darüber.

Tochter: Ich hatte mitgekriegt, dass meine Mutter Ihnen am Telefon schon viel von mir erzählt hat, auf welche Schule ich gehe und so.

Dabei wollte ich entscheiden, was ich von mir preisgebe.

Mutter: Das war wohl etwas vorschnell.

Worüber haben Sie sich denn zuletzt gestritten, bevor wir auf den Plan traten?

Tochter: Über meine Hose. Die musste ganz schnell gekürzt werden.

Damit ich die Hose sofort anziehen konnte. Ich habe Elke richtig Stress gemacht. Es war nämlich so: Am Sonntag war beim anderen Teil der Familie, bei meinem Vater, ein Fest. Und darum sollte die Hose schon am Samstag fertig sein.

Mutter: Am Samstag in der Woche davor!

Tochter: Ja, gut. Stimmt.

Mutter: Das ist so ein wiederkehrender Streitpunkt. Ich mache so etwas gerne für dich. Aber ich mag es nicht, wenn du mir dabei ungeduldig im Kreuz stehst oder aufhörst, mit mir zu reden. Ich fühle mich dann immer bestraft von dir.

Tochter: Ich rede nicht mehr, wenn ich merke, dass du gereizt bist.

Wie endete der Hosenstreit?

Mutter: Ich halte einen Streit nicht sehr gut aus. Rebecca ging irgendwann weg. Und als sie wiederkam, war die Hose gekürzt.

Rebecca, würden Sie sagen: Ich gehe öfter als Siegerin aus einem Streit hervor?

Tochter: Ja! Oder?

Mutter: Das ist schon so.

Tochter: Aber ich entschuldige mich auch immer. Also nicht immer, aber oft. Bei der Hose zum Beispiel nicht, da fand ich auch, dass es eher an Elke lag.

ZEIT: Sie nennen Ihre Mutter Elke.

Tochter: Das war mir gar nicht bewusst. Ich sage Elke, wenn ich über sie rede, und Mama, wenn ich mit ihr rede. Ich weiß gar nicht, was dir da lieber ist.

Mutter: Ich habe mich immer als Mutter gesehen. Ich fand es vor allem früher wichtig, in Diskussionen sagen zu können: Ich bin deine Mutter und lege das jetzt so fest.

Die beiden sitzen im Bürgerpark in Bremen. Sie waren noch nicht oft gemeinsam hier.

Ein Beispiel für eine dieser Diskussionen?

Mutter: Wir hatten da diesen Streit um diese Unterhosen, die man oberhalb der Jeans sah Tochter: meine Mutter wollte nicht, dass ich sie trage.

Mutter: Ich fand das nicht gut, weil du damit, als du zwölf warst, viel weiblicher, viel erwachsener aussehen wolltest, als du eigentlich warst. Ich habe mich richtig echauffiert.

Tochter: Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zu bauchfrei oder zu dekolletiert gewesen zu sein.

Mutter: Du wolltest es viel bauchfreier! Viel dekolletierter!

Tochter: Ich habe nie Oberteile gemocht, die den Bauchnabel zeigen.

Aber wenn für dich bauchfrei schon bedeutet, dass man einen Streifen Haut zwischen Hosenbund und Bauchnabel sieht, dann habe ich auch bauchfrei getragen.

Wie gefällt Ihnen denn das, was Ihre Tochter heute trägt?

Mutter: Rebecca hat ihren eigenen Geschmack gefunden. Sie geht sehr mit der Mode, aber das akzeptiere ich. Was mir Schwierigkeiten macht, ist der sehr große Zeitaufwand, was ihr Aussehen anbelangt, ihre Frisur etwa. Morgens und abends und auch, wenn sie nur zum Einkaufen geht.

Tochter: Es ist aber nicht so, dass ich eine Stunde vorm Spiegel stehe!

Mutter: Eine halbe. Und wenn du abends ausgehst Tochter: dann eine dreiviertel Stunde.

Mutter: Ich brauche für die Haare nur sieben Minuten. Ich finde es ja nicht schlimm, wenn man sich mal hübsch macht. Bei dir fehlen mir nur die Zwischentöne. Ich dachte manchmal: Du machst dich jeden Tag zurecht, als gingst du auf deine eigene Hochzeit.

Tochter: Es ist doch schon besser geworden.

Mutter: Das stimmt. Die Zeit des Shoppen, Shoppen, Shoppen ist ja glücklicherweise vorüber. Ich hatte in dieser Zeit das Gefühl, dass es dir peinlich war, mit mir gesehen zu werden, mit mir Straßenbahn zu fahren. Ich dachte damals: Nun habe ich 15 Jahre lang versucht, Sprache zu vermitteln, und nun, wo wir Gespräche führen könnten, spricht meine Tochter nicht mehr mit mir. Das war schwer.

Tochter: Ich habe dir damals schon gesagt, dass du mir nicht peinlich bist. Ich wollte nur Abstand zu dir. Meine Freunde waren mir einfach wichtiger. Ich konnte das nur noch nicht so ausdrücken. Und beim Einkaufen war es halt immer schrecklich. Elke glaubte immer, dass ich mir die Sachen zu klein und zu eng kaufe.

Mutter: Ich wollte, dass du länger etwas von den Kleidern hast. Ich hatte Angst, dass das Haushaltsgeld nicht reicht. Aber ich wollte dir nicht sagen: Wir können uns das nicht leisten.

Tochter: Damals glaubte ich: Das Geld ist einfach da. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht.

Mutter: Das ist so eine Sache: Rebeccas Generation hat hohe finanzielle Ansprüche. Wir hatten früher auch unsere Parkas und Jeans, aber wir waren nicht so konsumorientiert.

Warum, glauben Sie, hat Ihre Generation anders gedacht?

Mutter: Ich gehörte zu den Leuten, die eher verstehen wollten, wie die Welt tickt. Da war der Konsum nicht so wichtig, das war eher das, wogegen wir uns wandten. Heute gibt schon so etwas wie eine Ich-Fixierung. Tochter: Der Konsum hat sicher auch mit der Werbung zu tun, die überall ist. Und dann gibt es das Internet, dort kann ich mir ewig Klamotten und iPods angucken und sie ersteigern.

Mutter: Ich denke, euch wurde auch einfach von Anfang an viel geboten.

So wuchsen die Ansprüche. Das ist so eine Sache, bei der mir immer noch der Bauch grummelt. Ich denke, du könntest dir auch einen Job suchen, um etwas nebenbei zu verdienen Tochter: eigentlich würde ich ja gerne. Nach den Sommerferien fange ich damit an. Es ist eben auch so, dass ich durch die Schule sehr eingespannt bin.

Mutter: Das Argument kenne ich. Das höre ich auch, wenn es um den Haushalt geht.

Tochter: Ich habe eben Stressphasen, da habe ich nicht den Nerv, abzuspülen.

Mutter: Das ist dann auch in Ordnung. Aber ich habe eine 40-Stunden-Woche und mache noch eine Ausbildung. Und ich finde es nicht in Ordnung, wenn ich 90 Prozent dieser Arbeiten erledige: Einkaufen, Kochen, Wäschewaschen, Spülen Tochter: 80 Prozent! Ich gebe zu, dass du mehr machst. Aber 90 Prozent ist übertrieben. Ich muss auch einfach viel für die Schule tun. Andere bekommen gute Noten, ohne sich anzustrengen. Aber ich muss mich da richtig reinhängen. Ich will später mal einen guten Beruf haben und damit gut verdienen.

Mutter: Ich weiß, wie gut du bist. Du bist auch sehr diszipliniert, was die Schule anbelangt. Aber da wünsche ich mir einfach fast mehr, dass du, auch wenn Klausuren anstehen, mal mit deinen Freundinnen rausgehst und dass ihr einfach nur rumlacht. Dass ihr einfach mal richtig Dummheiten macht.

Tochter: Dummheiten? Mache ich doch auch!

Mutter: Ich finde, es wäre für eine 18-Jährige wesentlich normaler, mal zu sagen: Ich gehe jetzt in die Disco, lernen kann ich noch morgen.

Gibt es auch verbotene Dummheiten?

Tochter: Keine!

Mutter: Na ja.

Tochter: Gut. Wenn ich mit Drogen nach Hause käme, würde mir das verboten werden.

Mutter: Das würde Panik geben! Ich möchte auch nicht, dass harte Alkoholika bei uns getrunken werden. Als Rebecca für ihren 18.

Geburtstag eingekauft hat, fand ich die Menge erschreckend.

Tochter: Es ist einfach so, dass ich von allem immer lieber zu viel kaufe als zu wenig.

Das klingt, pardon, wie eine Ausrede Tochter: Ich hatte nur einen Absturz, das war vor drei Jahren, als ich anfing, mit neuen Freunden häufiger Alkohol zu trinken. Einmal hatte ich Wodka getrunken, da konnte ich die Menge und die Wirkung überhaupt nicht einschätzen. Ich war kurz vor einer Alkoholvergiftung. Das war mir unangenehm. Ich hatte Angst.

Mutter: Deine Clique damals hat mir überhaupt nicht gefallen. Das habe ich dir auch gesagt. Aber ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass du in dieser Zeit getrunken hast. Du hattest dich total verschlossen.

Es fängt an zu regnen. Es ist Rebecca, die einen Schirm dabeihat.

Empfinden Sie Ihr Mutter-Tochter-Verhältnis als typisch für die heutige Zeit?

Mutter: Ich glaube, dass wir mit unseren Problemen humorvoller umgehen als gewöhnlich. Ich lernte Eltern kennen, die aus der Ökobewegung kamen und die nicht zulassen konnten, dass ihr Sohn HipHopper wurde.

Aber es stimmt: Ich war auf Demos früher, und ich hätte mir auch gewünscht, dass du dich mehr für die Gesellschaft interessierst.

Tochter: Ich interessiere mich ja inzwischen für Politik. Ich würde auch gerne mal auf eine Demo gehen. Aber ich bin ja größtenteils nicht gegen das, was hier in der Politik passiert. Höchstens eine Demo gegen rechts, das könnte ich mir vorstellen.

Mutter: Was vielleicht auch noch typisch ist für unsere Zeit: Ich bin alleinerziehend. Es gibt bei uns eben auch das Thema: Warum bin ich alleine? Einmal fragte mich Rebecca: Wie kommt es eigentlich, dass du keinen Freund hast? Da habe ich dann lapidar gesagt: Na ja, als Frau mit zwei Kindern Und dann hat sie mich gefragt, ob ich glaube, dass sie und ihr Bruder schuld daran seien.

Es donnert und blitzt. Es schüttet. Die beiden flüchten sich unter einen Baum. Sie wollen weiterreden.

Tochter: Da gab es eine prägende Situation. Aber ich weiß nicht, ob ich davon erzählen soll Mutter: Erzähl ruhig.

Tochter: Ich war noch recht klein, zwölf ungefähr, und eines Abends hörte ich beim Zähneputzen, wie du in deinem Zimmer geweint hast. Das war der Horror.

Mutter: Ich habe gedacht, du und dein Bruder seid im Bett, und habe einfach losgeschluchzt. Dein Bruder hatte damals große Probleme in der Schule, und ich wusste nicht mehr, wie ich das hinkriegen sollte.

Tochter: Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Wir sind dann zu dir gegangen und haben versucht, dich zu trösten. Aber das konnten wir natürlich nicht. Weißt du, früher als Kind, in der Zeit, in der man seine Eltern noch richtig als Vorbild nimmt, wollte ich auch alleinerziehende Mutter werden. Aber jetzt möchte ich es nicht mehr sein. Auf keinen Fall!

Wieso nicht?

Tochter: Dieser Stress, alles muss man alleine machen. Die finanziellen Sorgen. Und dann glaube ich auch, dass es mir in meiner Entwicklung nicht gut getan hat. Ich war lange Zeit nicht sonderlich mutig. Das kommt erst jetzt langsam.

Mutter: Wo du sicher recht hast: Es ist wirklich schwer alleine. Ich wünsche dir auch nicht, dass du einmal in eine solche Situation kommst. Aber ich will, dass, wenn es dir doch passiert, du rechtzeitig gelernt hast, selbstständig zu sein.

Tochter: Vor ein paar Monaten hatte ich zum ersten Mal die Idee auszuziehen. Es hat weniger mit den Konflikten mit Elke zu tun als damit, dass ich den Ikea-Katalog durchblättere und mir denke: So eine Wohnung hätte ich auch gerne.

Wie sollte diese Wohnung denn aussehen?

Tochter: Rosa Wände und weiße Möbel.

Mutter: Ihr Zimmer ist ja auch rosa, und zwar von mir gestrichen. Mein Geschmack ist das nicht. Als ich bei meinen Eltern auszog, wollte ich unbedingt Regale aus alten Brettern und Ziegelsteinen. Bei dir muss alles perfekt sein, und dieses Perfekte nervt mich. Es ist so puppenstubenmäßig! Diese Festlegung als Frau ist so konservativ, so mutlos so rosa!

Tochter: Das hat noch nichts mit konservativ zu tun. Ich finde es nur schön, wenn alles geregelt ist, dass alles seine Ordnung hat.

Mutter: Ich habe immer noch Möbelstücke, die ich irgendwann mal vom Sperrmüll geholt habe. Auch wenn ich ein anderes Budget gehabt hätte: Ich hätte mir nie eine Schrankwand oder eine Couchgarnitur gekauft.

Ich glaube, dass das deshalb für dich immer einen besonderen Reiz gehabt hat. Du willst es klassischer. Auch dass Mütter nicht unbedingt arbeiten gehen, dass man sein Häuschen hat Tochter: Das ist nicht meine Einstellung! Dass Frauen nicht arbeiten sollen. Wirklich nicht! Sie sollen in der Ehe eine gewisse Selbstständigkeit behalten.

Mutter: Gut. Dann war das nur früher so.

Wie weit sind die Auszugspläne nun gediehen?

Mutter: Das wird erst einmal nichts werden. Ich könnte ihr die Wohnung nicht finanzieren. Ich müsste mir dann eine 1,5-Zimmer-Wohnung suchen und unsere Wohnung, die ich sehr gerne mag, verlassen, um meiner Tochter eine Wohnung zu bezahlen. Das ist für mich nicht stimmig.

Tochter: Ja, du hast recht. Ich bin ja auch ein bisschen verantwortlich für dich und dafür, dass ich erst ausziehe, wenn gesichert ist, dass du in unserer Wohnung bleiben kannst.

Mutter: Also, wenn ich höre, dass sich meine Tochter für mich verantwortlich fühlt, dann macht mich das schon traurig.

Tochter: Verantwortlich, das ist ja auch übertrieben. Ich denke einfach, es ist fair.

+ Das Gespräch führten Friederike Gräff und Matthias Stolz

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.M45
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