Medizin Organ gegen Spende
Ein Chefarzt in Nordrhein-Westfalen ist ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Er soll von Patienten, die eine Organspende brauchten, Geld verlangt haben.
Essen
Das Ganze, sagt der Chefarzt, sei »vollkommener Quatsch«. Die Vorwürfe der Patienten, die Kritik in den Medien, das alles sei schlichtweg eine »Sauerei«.
Professor Dr. Christoph Broelsch, der berühmte Organtransplanteur, der Mann mit den goldenen Händen, der Leibarzt des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau und Chefchirurg des Essener Universitätsklinikums, ist wieder einmal in die Schlagzeilen geraten. Erneut ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ob eine Anklage erhoben werden wird, ist gegenwärtig nicht absehbar. Es wäre das erste Mal. Die früheren Fälle fasst Broelsch in zwei knappen Sätzen zusammen. Die Vorwürfe seien völlig haltlos. Und es habe ihm nie etwas bewiesen werden können.
Diesmal geht es um den Verdacht der Vorteilsannahme und schwerer Verstöße gegen das Transplantationsgesetz. Broelsch soll als Chefarzt und Spezialist für Lebertransplantationen in etlichen Fällen von Patienten vor ihren Operationen Spenden in Höhe von mehreren Tausend Euro verlangt haben. Bei der Staatsanwaltschaft ist von rund 80 Verdachtsfällen die Rede. Die Ermittlungen zu einem besonders schweren Verdacht laufen schon seit August vergangenen Jahres. Die Söhne einer schwer krebskranken Frau sollen 60000 Euro bezahlt haben, um ihrer Mutter schneller zu einer Spenderleber zu verhelfen und eine Transplantation zu ermöglichen.
Inzwischen hat die Essener Staatsanwaltschaft eine Sonderkommission eingerichtet; 13 Ermittler gehen den Vorwürfen nach. Broelsch selbst hat zur Klärung des Sachverhalts im eigenen Fall ein Disziplinarverfahren eingeleitet, setzt aber seine Arbeit unangefochten fort. Offenbar ist er für das Universitätsklinikum unentbehrlich – eine Dienstenthebung, teilt die Klinik mit, würde den Betrieb in der Chirurgie erheblich beeinträchtigen.
Kann der Chefarzt angesichts von 80 Verdachtsfällen noch gut schlafen? »Ja, sicher«, sagt Broelsch gelassen. Die Staatsanwaltschaft habe die Krankenakten, »das können die jetzt mal schön untersuchen.« Die Frau, deren Familie angeblich für eine Spenderleber bezahlen musste, habe er nicht behandelt. Was der Chefarzt nicht bestreitet, aber auch nicht weiter verwerflich findet: Wenn Kassenpatienten Wert auf Behandlung durch ihn persönlich gelegt und diese auch erhalten hätten, habe er sie seinerseits um Spenden auf ein Drittmittelkonto für Forschung und Lehre gebeten. Sein Arbeitgeber, sagt Broelsch, habe keinerlei Grund, sich von dieser Praxis zu distanzieren. »Das Klinikum hat zu den Spenden meiner Patienten nicht ein einziges Mal gesagt: Nein danke, wir brauchen das Geld nicht.«
- Datum 09.07.2007 - 13:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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