Operette Porzellanherz
Napoleon, Stalin und Idi Amin in Berlin: Peter Konwitschny inszeniert Léhars »Land des Lächelns« als G8-Gipfel der Geschichtsungeheuer.
Immer nur lächeln und immer vergnügt, immer zufrieden, wie’s immer sich fügt«, singt der Prinz Sou Chong und zeigt auf sein Herz: »Doch wie es da drin aussieht, geht niemand was an.« So geht es zu in den Operetten von Franz Lehár: Der schöne Schein muss gewahrt bleiben – über alle Unglücke hinweg. Altwiener Herrschaften träumen sich in die Pappkulisse eines chinesischen Anderswo, und Richard Tauber singt: Dein ist mein ganzes Herz. Da kann man es gut verstehen, wenn die modernen Opernregisseure bei Lehár am liebsten den Hammer zur Hand nehmen, um nachzusehen, was sich im Porzellanherzen des Prinzen Sou Chong denn nun verbirgt. Sie entdecken nackte Verzweiflung hinter der Hochstimmung, den Geist der Intoleranz in der Leichtlebigkeit und dass es garantiert doppelt so schlimm ist, wenn der Buffo zu trällern beginnt: »’s ist alles halb so schlimm.«
Peter Konwitschny hat das in seiner Land des Lächelns- Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin nicht anders gemacht. An der schmerzlich schönen Partitur mit ihren bittersüßen Melodien interessieren ihn nur der Schmerz und das Bittere. Schon bei der ersten Verlogenheit (»Da kann man nix machen«) kracht bei ihm der schwere Kristalllüster von der Bühnendecke. Das einzige Herz, das verschenkt wird, ist ein Ziegelstein, und einmal schlägt der berühmteste aller Lehár-Fans, Adolf Hitler, höchstselbst die Hacken zusammen und spricht: »Immmerrrr nurr lächeln.« Das ist in der Balletteinlage im zweiten Akt, in der die Fürsten am chinesischen Hof erscheinen, ein Höhepunkt der Aufführung. Konwitschny hat daraus einen G8-Gipfel aller Ungeheuer der Weltgeschichte gemacht. Es tanzen Hitler und Stalin, Nero und Napoleon, Karl der Große und der grausame Neandertaler. Idi Amin will jedem in die Hand beißen, und Ronald Reagan gewinnt den Phalluswettbewerb: Er hat die Atombombe, also den Größten.
Überall werden an diesem Abend die Illusionen abgeräumt: Sou Chongs Palast ist eine schmucklose Baugerüst-Pagode aus Einzelzellen, in der die Jalousien wie Guillotinemesser herabsausen. Die unglücklich Liebenden ziehen sich irgendwann frustriert die Perücken vom Kopf und wischen sich die Schminke aus dem Gesicht. Vom Bühnenbild bleibt am Ende nur ein Gerippe, wie Mottenfraß in einer alten Gardine macht sich hässliches Schweigen zwischen den Gesangsnummern breit, und zuletzt tritt die ganze Gesellschaft an die Rampe – und lächelt nicht mehr.
Natürlich ist es sehr gekonnt, wie Konwitschny (nach seinem Csardasfürstin- Skandal vor sieben Jahren in Dresden) einmal mehr die Operettenglückspille als Wahrheitsserum verabreicht. Aber ist der Antischwung, den er in allem Tänzelnden erkennt, sind die Depressionsgesten, die sich hinter der Hochstimmung verbergen, nicht auch nur Gegenklischees eines gestanzten Genres? Hat der Trümmerhaufen der menschlichen Beziehungen, auf den das Publikum blickt, nicht auch etwas Kulissenhaftes? Wenn da wenigstens die Musik weiterhelfen würde. Kyrill Petrenko weiß zwar ganz genau, wie man den Lehár-Esprit aus dem Orchester hervorkitzelt, aber der Rausch will einfach nicht aufs Publikum übergreifen. Nachdem der mäßig gute Tenor Stefan Rügamer das unsterbliche Dein ist mein ganzes Herz geschmachtet hat, regen sich im Parkett nur wenige Hände zum Szenenapplaus. Zu Richard Taubers Zeiten war das anders.
- Datum 05.07.2007 - 12:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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