Lieber Herr Schmidt
Lieber Herr Schmidt, es gibt ein berühmtes Wort von Ihnen, das mich immer geärgert hat. Die Generationen nach Ihnen seien nicht durch die Scheiße gegangen...
Nicht alle Generationen nach mir, sondern die nächste Generation.
Jedenfalls klingt dieser Satz wie ein Vorwurf an die Jüngeren.
Nein, die haben ja Glück gehabt. Das kann man ihnen doch nicht vorwerfen.
Aber Sie sagten zugleich, sie seien deswegen auch nie ganz erwachsen geworden.
Nein, das ist nicht der Sinn dieser Bemerkung gewesen. Wenn darin ein Vorwurf enthalten war, dann an die Generation derjenigen, die heute regieren, weil sie in meinen Augen allzu leichtfertig bereit sind, mit militärischen Mitteln in anderen Ländern zu intervenieren. Leute, die nicht wie ich Krieg erlebt haben, wohl aber selbst Krieg führen oder provozieren, wissen nicht, was sie Furchtbares anrichten.
Reden Sie gelegentlich noch mit jungen Leuten?
Das mache ich jedes Jahr viele Male. In diesen Tagen traf ich zum Beispiel junge Studenten der Harburger Technischen Universität.
Interessieren die sich noch für Politik wie in den Jahren, als Sie in der Politik waren?
Die damalige Jugend war etwas stärker politisiert nicht notwendig parteipolitisch engagiert durch die Medien und durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich aus dem Kalten Krieg ergab. Andererseits gab es nach der Nazizeit für die Deutschen ziemlich ungewöhnliche innenpolitische Kämpfe zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten.
Die Bundestagsdebatten füllten die Medien - heutzutage finden sie nur noch auf Seite 4 der Tageszeitungen statt.
Waren Sie selbst als Jugendlicher jemals rebellisch?
Wenn ich rebellisch gewesen wäre, dann wäre ich im Konzentrationslager gelandet oder vor dem Volksgerichtshof geendet und umgebracht worden.
Aber ich war natürlich gegen die Nazis, das war schon deswegen, weil ich einen jüdischen Großvater hatte und meine sogenannte arische Abstammung nicht in Ordnung war.
Haben Sie nach Kriegsende mal was nachholen wollen an Rebellischem?
Nein, dazu war ich inzwischen zu erwachsen.
Auch nicht bei den jungen Genossen vom SDS?
Der SDS zu meiner Zeit, ich war Bundesvorsitzender in den Jahren 1947 und 1948, der ist mit dem, was heutzutage mit diesem Namen verbunden wird, nicht zu vergleichen. Wir waren in den ersten Nachkriegsjahren zutiefst geprägt von der Ablehnung der Diktatur durch die Nazis, wir waren ähnlich negativ von der Diktatur durch die Kommunisten geprägt - und wir bemühten uns, Demokratie zu lernen.
Kein Bedürfnis nach Feiern, nach Unbeschwertheit?
Doch, wir haben auch einen sehr, sehr kleinen Teil der Jugend nachgeholt, die wir vorher verpasst hatten.
Haben Sie Ihre Tochter als Jugendliche immer verstanden?
Es gab auch eine schwierigere Phase. Meine Tochter lebte hier in Hamburg, später in einer anderen Universitätsstadt, und ich war in Bonn. Das heißt, es gab ein Familienleben nur an jedem zweiten Wochenende. Schon die räumliche Distanz: Damals flog man nicht mal eben von einer Stadt in die andere, das gab es nicht, das konnte man sich nicht leisten. Sehr viel später, also im Laufe der letzten 30 oder 40 Jahre, hat sich dann eine sehr herzliche Freundschaft ergeben.
Dann haben Sie etwas nachgeholt.
Wir hatten zwei Kinder. Der Junge ist relativ früh gestorben. Wenn es nach meiner Frau und nach mir gegangen wäre, hätten wir vielleicht fünf Kinder gehabt, jedenfalls mindestens drei. Das ist so leider nicht gekommen.
Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.M62
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







