Lok um Lok
Zum Beispiel Sven Blühdorn. 37 Jahre, verheiratet, die beiden Söhne sind ein und zwei Jahre alt. Seit 19 Jahren ist er Lokführer, zuletzt im Fernverkehr. Von Hamburg fährt Blühdorn den Intercity oder den Intercityexpress nach Frankfurt, nach Dortmund, mitunter auch nach Leipzig oder Dresden. Seine Schicht beginnt manchmal morgens um drei, dann wieder mittags um zwölf, oft kommt er erst in der Nacht nach Hause. Das kann täglich wechseln. Mehr als zwei freie Wochenenden pro Monat gibt es kaum einmal. Inklusive aller Zulagen liegt Blühdorns Nettoeinkommen bei 1800 bis 1900 Euro. Viel mehr wird es auch in Zukunft nicht sein, da er sich bereits in der tariflichen Endstufe befindet. Keine Perspektive also, bis zur Rente.
Blühdorn war am vergangenen Dienstag dabei, als seine Gewerkschaft in der halben Republik den Zugverkehr lahmlegte. Und er will weiterstreiken, falls die Deutsche Bahn wirklich wahr macht, was sie immer wieder angekündigt hat: keine Sonderbehandlung für Lokomotivführer, kein Spartentarifvertrag mit Blühdorns Gewerkschaft, schon gar nicht Lohnsteigerungen um rund 30 Prozent, wie sie die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gefordert hat. » Wann haben Sie das letzte Mal Urlaub gemacht?«, fragt Blühdorn. » Ich schon lange nicht mehr.«
Für den Lokführer ist die Sache einfach: Mehr Geld, das wäre nur gerecht. Für Bahnkunden stellt sich die Angelegenheit ebenfalls recht simpel dar: Streik heißt ausfallende Züge, das ist ärgerlich. Allein am Dienstagmorgen warteten Hunderttausende Berufspendler vergeblich auf ihre Regional- oder S-Bahn. Tatsächlich aber verbirgt sich hinter den Ausständen, die auf den Bahnhöfen zum Chaos führten, sehr viel mehr. Es geht nicht nur um Geld, um ausfallende Züge und die Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber. Es geht bei diesem Streit auch um Gewerkschaften, die gegeneinander kämpfen um Einfluss und Mitgliedermacht. In diesem Kampf entscheidet sich, ob auch Deutschland in Zukunft immer wieder erleben wird, was in anderen Staaten längst gang und gäbe ist: dass kleine, schlagkräftige Arbeitnehmerorganisationen alle Räder stillstehen lassen.
Den Reigen kurzzeitiger Arbeitsniederlegungen eröffnet hatten am Montag zunächst einige Hundert organisierte Beschäftigte der beiden Bahngewerkschaften Transnet und GDBA. Sie führen die Tarifverhandlungen für insgesamt 134000 Beschäftigte Zugbegleiter, Reiseberater, Techniker und einen kleineren Teil der Lokführer.
Transnet und GDBA fordern sieben Prozent mehr Lohn, was der Deutschen Bahn schon viel zu viel ist. Am Dienstag folgte dann die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer Blühdorns Verein. Sie bewies, dass man mit wenigen Beschäftigten, strategisch eingesetzt, sehr viel Wirkung erzielen kann. Die GDL verlangt einen gesonderten Spartentarifvertrag für Lokführer und Zugbegleiter, der für das Fahrpersonal das Einstiegsgehalt von 1940 auf 2500 Euro erhöht und je nach Alter und Betriebszugehörigkeit Steigerungen auf bis zu 2999 Euro brutto vorsieht. Vordergründig sind das fast 30 Prozent mehr. In Wirklichkeit ist es weniger, da einige Zulagen im Tarifvertrag verrechnet würden.
Transnet-Chef Hansen unterstützt die Privatisierungspläne der Bahn
Die GDL ist eine kleine Berufsgewerkschaft. In ihr sind unter anderem drei Viertel der 20000 bei der Bahn beschäftigten Lokomotivführer organisiert, insgesamt hat sie gerade einmal 34000 Mitglieder. Ihr Vorbild sind Gewerkschaften wie Cockpit oder der Marburger Bund.
Sowohl die Piloten wie auch die Ärzte haben in ihren Tarifauseinandersetzungen hohe Abschlüsse erzielt höhere jedenfalls als unter dem Dach von Großgewerkschaften wie ver.di.
»Identische Tarifverträge quer über viele Berufsgruppen werden einzelnen Beschäftigten nicht mehr gerecht«, begründet auch GDL-Chef Manfred Schell sein Ausbrechen aus einer gemeinsamen Tariffront.
Während der Tarifrunde 2003 hatte Schell das schon einmal versucht, damals noch mit mäßigem Erfolg. Immerhin aber brachte die Auseinandersetzung vor vier Jahren bundesweit Aufmerksamkeit, was sich auch auf die Zahl der Mitglieder auswirkte. Die GDL hat ihren Organisationsgrad gehalten, traditionelle Gewerkschaften dagegen verlieren seit Jahren Mitglieder.
Auch Transnet geht es so: 2001 zählte die Bahngewerkschaft 306000 Organisierte, jetzt sind es noch 250000 und die Hälfte davon ist pensioniert. Nicht nur die GDL tritt als Konkurrenz auf. Seitdem die Deutsche Bahn Logistikunternehmen wie Schenker und Stinnes zum Konzern zählt, ist auch die noch immer mächtige Dienstleistungsgewerkschaft ver.di mit von der Partie. Während Bahn-, Schifffahrts- und Logistikfirmen zusammenwachsen, bleibt die gewerkschaftliche Vertretungsmacht damit zersplittert. Kein Wunder also, dass Transnet-Chef Norbert Hansen seine Organisation zu einer großen »Verkehrsgewerkschaft« weiterentwickeln möchte. Alle unter dem Transnet-Dach das bedeutet Macht und Mitglieder. Nur: Das schmeckt ver.di nicht.
Ein guter Abschluss würde Hansen helfen, auch deshalb, weil er innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes ziemlich isoliert ist, seitdem er sich als einziger deutscher Gewerkschaftschef hinter die Privatisierungspläne von Bahnvorstand Hartmut Mehdorn gestellt hat.
Mehdorn und der Transnet-Vorsitzende gelten als enge Verbündete, Hansen ist zudem stellvertretender Aufsichtsratschef des jetzt von ihm bestreikten Unternehmens. Was die GDL angeht, sind sich Transnet und Deutsche Bahn ohnehin einig: Spezielle Tarife etwa für die Lokomotivführer dürfe es nicht geben, man könne nicht »Beschäftigte erster und zweiter Klasse« haben, sagt ein Bahnsprecher. Die GDL spalte die Belegschaft, gefährde mit ihrer Tarifforderung die Unternehmensentwicklung und vernichte damit möglicherweise Arbeitsplätze, sekundiert Transnet.
Wenn es zum Streik kommt, müsste der Beamtenbund zahlen
Fraglich ist freilich, ob solche starken Worte Wirkung haben werden.
Vorerst gehen die Bahngewerkschaften getrennte Wege. Die GDL hat sich mit einer Forderung durchgesetzt: An diesem Donnerstag trifft sie sich allein mit Vertretern der Bahn, um über einen Ausweg aus dem Konflikt zu reden. Dritte am Tisch neben Transnet und GDBA wolle die GDL nicht sein, begründete Schell den Alleingang. Seine und die anderen Gewerkschaften hätten »völlig unvereinbare tarifliche Ziele«. Die anderen beiden Eisenbahngewerkschaften verhandelten deshalb bereits am Mittwoch weiter. » Wir sind zu Gesprächen bereit, die dazu dienen, eine weitere Eskalation des Tarifkonflikts zu vermeiden«, erklärte Transnet-Chef Norbert Hansen.
Der zentralen Forderung der GDL nach einem eigenen Spartentarifvertrag will die Bahn allerdings auf keinen Fall nachkommen. Möglich also, dass sich zwei Arbeitnehmerorganisationen über kurz oder lang mit ihrem Arbeitgeber einigen, während die dritte am Ende doch noch in einen regulären Streik zieht.
Ein pikantes Detail ist dabei, dass die GDL genauso wie die mit Transnet verbündete GDBA Mitglied des Deutschen Beamtenbundes ist. Der hatte die Strategie der Lokführergewerkschaft im Vorfeld der Warnstreiks in einem internen Papier heftig kritisiert und davor gewarnt, dass deren finanzielle Forderungen nur auf Kosten anderer Arbeitnehmer zu erfüllen wären. Im Falle eines regulären Ausstands wäre der Beamtenbund dennoch gezwungen, die Streikkasse der Lokführergewerkschaft zu füllen dazu verpflichtet ihn die eigene Satzung.
Finanziell sei ihre Organisation damit sehr wohl in der Lage, einen langen Streik durchzuhalten, sagte eine GDL-Sprecherin am Dienstag.
Lokführer Sven Blühdorn hätte damit kein Problem: »Das Gehaltsniveau bei der Bahn ist insgesamt zu niedrig. Wir kämpfen für unsere Sache.
Andere sollten es für ihre tun.«
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.4
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