Zürich, Mittwoch, 20. Juni 2007

Was mache ich hier? Gute Frage für einen 35-jährigen, ledigen und gesunden Mann – in einer Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Ich sitze im Wartezimmer des Frauenarztes Christian Breymann in Zürich. Er will mir ein Medikament verabreichen, das er sonst gebärenden Müttern nach starken Blutverlusten gibt: das Hormon Erythropoetin, kurz Epo.

Furore machte Epo fernab seines zugedachten therapeutischen Zwecks: als eines der wirkungsvollsten Dopingmittel in der Geschichte des Sports. Im Radsport begann eine neue Zeitrechnung, als Ende der achtziger Jahre rekombinantes, also mittels genetisch veränderter Bakterien hergestelltes Epo verfügbar wurde. Neue Fahrer tauchten wie aus dem Nichts auf, zogen den alten Granden davon. Ein Jahrzehnt lang, bis zum Festina-Skandal bei der Tour de France 1998, spritzten sich viele Radprofis so viel Epo, wie sie kriegen konnten, nahezu ohne Strafrisiko. Inzwischen sind die Kontrollen deutlich schärfer, die Dosierungen deutlich vorsichtiger. Doch der Spuk ist keineswegs vorbei. Die jüngste Serie von Epo-Geständnissen deutscher Radprofis und Betreuer, zuletzt die Beichte von Jörg Jaksche im Spiegel, lässt das Ausmaß des Dopingsystems ahnen. Bewegt haben die Bekenntnisse wenig. Es wäre ein Wunder, wenn die Tour de France am nächsten Samstag nicht Epo-beschleunigt starten würde.

Breymann interessiert sich nicht sonderlich für Sport, aber sehr für die Wirkungen von Epo. Seit Anfang der neunziger Jahre erforscht er die physiologischen Effekte des Hormons. Derzeit führt der Epo-Experte gemeinsam mit dem Sportphysiologen Urs Boutellier von der Universität Zürich eine Studie an 40 Hobbysportlern durch, die den leistungssteigernden Effekt von Epo klären soll.

Wir alle sind von Natur aus Epo-getrieben. Jede gesunde Niere produziert das Hormon und schüttet mehr davon aus, wenn der Körper starken Sauerstoffmangel erfährt. Daher ist der traditionelle (und legale) Weg für Sportler, ihren Epo-Spiegel zu steigern, das Training in großen Höhen: "mindestens 2650 Meter über Meeresniveau", sagt Boutellier, "sonst wirkt es nicht". Mit der Spritze geht es komfortabler. Erfahrene Doper berichten, dass Epo schon schneller und ausdauernder macht und die Erholungsfähigkeit verbessert, bevor es sich messbar auf die Blutzusammensetzung auswirkt. Warum der Epo-Kick so schnell kommt, können Mediziner noch nicht sagen.

Gewiss ist nur, dass die übliche Erklärung für den Dopingeffekt von Epo zu einfach ist. Die zusätzlichen roten Blutkörperchen erhöhten die Sauerstoff-Transportfähigkeit des Bluts, mithin wirke Epo sozusagen als Blasebalg auf die muskulären Kraftwerke. "Diese Geschichte kann nicht stimmen", sagt Boutellier. Zumindest kann sie nicht mehr als die halbe Wahrheit sein. Denn der beste Blasebalg hilft wenig, wenn nicht auch die Brennstoffzufuhr und die Kapazität der Kraftwerke erhöht werden. Aus Tierversuchen und der klinischen Praxis ist bekannt, dass Epo viel mehr bewirkt, als die roten Blutkörperchen zu vermehren. Es steigert den Blutdruck und den Tonus der Blutgefäße, fördert die Bildung feinster Blutgefäße in Muskeln und Gehirn. Seine physiologische Aufgabe ist es, die wertvollsten Gewebe des Körpers vor Sauerstoffmangel zu schützen. Darunter auch die Fortpflanzungsorgane: Zellen in Hoden und Gebärmutter tragen Epo-Rezeptoren.

Die Sportwelt diskutiert über ein Hormon, dessen Wirkmechanismen noch ein Rätsel sind – und über dessen subjektive Wirkung jene, die sie kennen, schweigen. Über Erfahrungen mit Heroin, Cannabis und anderen Drogen findet man ganze Bücher. Aber weltweit Hunderttausende Epo-User bleiben wortkarg.