Doping Superheld für acht TageSeite 5/5

Abends mache ich eine halbe Stunde Krafttraining. Meine Muskeln fühlen sich williger an als sonst. Pro Maschine schaffe ich ein bis zwei Wiederholungen mehr, und trotz eines erweiterten Übungsprogramms ermüde ich langsamer. Überhaupt fällt mir auf, dass meine gefühlte Ermüdungskurve unter Epo flacher abfällt. Annaheim und Boutellier beobachteten bei den Probanden ihrer Studie einen dramatischen Anstieg der Ausdauerleistung. Manche von ihnen, die bei intensiver Belastung auf dem Standrad schon nach einer Viertelstunde schlappmachten, wollten unter Epo gar nicht mehr absteigen.

München, Dienstag, 26. Juni 2007

Zur Abwechslung mal Laufen: 17 Kilometer mit einem Freund durch den Forstenrieder Park im Münchner Süden. Für mich fühlt es sich nicht flotter an als sonst, für meinen Freund, der nichts von meinem Selbstversuch weiß, offenbar schon. »Bist du gedopt?«, fragt er mich. Verlegen murmele ich etwas von »B-Probe abwarten«.

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München, Mittwoch, 27. Juni 2007

Sportlicher Ruhetag, irgendwann muss auch dieser Artikel geschrieben werden. Forscher des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin und des DFG-Forschungszentrums Molekularphysiologie des Gehirns fanden im vergangenen Jahr heraus, dass Epo die kognitive Leistung von Schizophreniepatienten verbessert – vermutlich weil es die Nervenzellen vor der Degeneration schützt und das Wachstum neuer Neuronen und Synapsen anregt. Obwohl sich solche Befunde, und ähnliche bei Schlaganfallpatienten, nicht ohne Weiteres auf Gesunde übertragen lassen, ist Epo inzwischen in den Ruf eines Hirndopingmittels geraten und zu einem Modemittel der Anti-Aging-Szene avanciert. Ich merke nichts davon, dass mir das Schreiben leichter von der Hand ginge als sonst.

Schäftlarn, Donnerstag, 28. Juni 2007

Nun müsste die Kur voll anschlagen. Die ersten zusätzlichen roten Blutkörperchen müssten herangereift und aus dem Knochenmark in die Adern gespült sein. Epo regt diesen Prozess nicht nur an, sondern beschleunigt ihn auch. Ich mache die Probe und messe meine Zeit an einem Berg von zwei Kilometern und ungefähr 100 Höhenmetern, für den ich in meiner vorherigen Form stets länger als viereinhalb Minuten brauchte. Die Uhr bleibt bei vier Minuten, drei Sekunden stehen – Bestzeit, und ich bin oben weitaus weniger außer Atem als nach meinen Testfahrten vor Epo.

Letztes Jahr hatte ich so fleißig trainiert, dass ich an manchen Bergen immerhin mit Profis der dritten Garnitur mithalten konnte. Dieses Jahr bin ich faul – aber nicht langsamer. Drei Spritzen zu ein paar Hundert Euro haben mir mehrere Tausend Trainingskilometer erspart. Ich beginne zu verstehen, was Epo im Radsport bewirkt hat.

Und gleichzeitig beginne ich, mich auf den Rückgang meines Epo-Pegels auf Normalniveau zu freuen. In vier Monaten wird die Wirkung verflogen sein, so lange leben rote Blutkörperchen im Organismus. Ich habe erfahren, wie pervers einfach Doping sein kann, und wie groß die Verlockung in einem System sein muss, in dem es fast alle tun. Eine Zeitlang lebt es sich ganz gut mit übernatürlichen Kräften. Lieber aber bin ich wieder ganz ich selbst.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. epo

    sehr geehrter herr hürter,
    vielen dank für ihren artikel. er liest sich wirklich gruselig. wollen wir hoffen, daß es viele lesen die es angeht.
    m.f.g. frank reusch

    • Fiesko
    • 05.07.2007 um 20:39 Uhr

    Interessanter Bericht. Dennoch: Wäre es bei einem solchen Test nicht sinnvoll, weder Probanden noch Arzt wissen zu lassen, ob EPO oder ein Placebo verabreicht wurden?

  2. Mir ist nicht zur Gänze klar, ob der Artikel absichtsvoll episodenhaft und etwas naiv geschrieben wurde, um die Beiläufigkeit der darin enthaltenen Dramatik zu erhöhen. Die Parallele zu Junkie-Schilderungen ist jedenfalls frappierend und liefert eigentlich ein Argument, die Doping-Gesetzgebung (jetzt schon!) einer erneuten Überprüfung zu unterziehen. Wenn der Konsum/Besitz von Kannabis grundsätzlich strafbar ist, von anderen Drogen ganz zu schweigen, weil gesundheitsschädlich, sozial unverträglich etc.pp., so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies auch auf EPO, von anderen leistungsfördernden Mitteln ganz zu schweigen, zutrifft. Das schicke Berlin der 30-er oder das Lower-East-Sider der 90-er fand Kokain durchaus anregend und geistig fördernd. Sherlock Holmes spritzte, wenn er sich langweilte und anderweitige Stimulation benötigte. Hodenkrebspatienten auf Rennsätteln verdienen damit Millionen. Analogien, die die Phantasie beflügeln: Warum nicht den Sport generell mit einem Hemmschuh versehen, den sportelnden Betrüger kriminalisieren und nicht nur seine Hintermänner? Aber möglicherweise liegt es an den diversen Schirmherren, die gleichzeitig die Gesetzesmacher sind, nicht die Verbandsmitglieder und damit sich selbst zu desavouieren.

  3. Epo Rezeptoren in den Geschlechtsorganen- gibt es etwa guten Epo Sex? Wurde dieses Gebiet beim Selbstversuch bewusst ausgelassen, oder schweigt hier nur des Sängers Höflichkeit?

  4. Nach diesem Artikel habe ich den Eindruck, Epo hat auf die Sportler im Ausdauerbereich eine ähnliche Wirkung wie Kaffee für Morgenmuffel: die erwünschte Wirkung erzielt einen leichten Suchteffekt, ein paar wenige vertragen es nicht, wer zuviel davon nimmt, ist selbst schuld an der Magenverstimmung und ein bisschen blöde dazu.

    Von welchen unerwünschten Nebenwirkungen hatte der Autor berichtet? Keine.

    Warum sollte Epo also verboten bleiben, nachdem jetzt die Therapie besser geworden ist nach Jahren der illegalen und legalen Tests?

    Mit welchem Argument kann man einen jungen Ausdauersportler noch von Epo abhalten (ausser: es steht auf der Dopingliste). Epo markiert das Ende des verantwortlichen Leistungssports im Ausdauerbereich, Dieses Jahr Radsport, nächsten Winter packen die Langläufer und Biathleten aus dank der mittlerweile interessanten Honorare, in 2008 dann die Triathleten und so weiter... Da hilft auch keine neue Jugendolympiade.

    • Juni29
    • 06.07.2007 um 18:13 Uhr

    ich meine die radsportler sind doch schon fit... ich hingegen könnte es gebrauchen... ehrlich *g*. mein tempo beim joggen ist erbärmlich und so richtig gute laune dabei hab ich auch nur, wenn ichs drei mal die woche mach (dann kommt es allerdings vor, dass ich mit verklärtem grinsen im schneeregen berge hochjogge, während meine haut von graupel perforiert wird... hm.)
    außerdem hat mich das mit der fettverbrennung fasziniert, da plag ich mich, so langsam und lange zu joggen, dass ich fett verbrenne statt kohlenhydrate, aber immer und immer wieder werde ich mit einer längeren strecke automatisch schneller... und dann wirkt es sich auch noch leistungssteigernd aufs gehirn aus... wo genau wohnt der arzt, von dem der autor die spritzen bekommen hat? ;)
    ich gesteh ehrlich: ich bin neidisch! *g*

    vielleicht könnten wir eine initiative gründen: epo für die bedürftigen oder so. also alle die schwere defizite in ihrer leistung zeigen, sowohl körperlich als auch mental hätten ein recht auf etwas epo... tolle idee. wobei.... dann dürfte im leistungssport alles bleiben, wie es ist ;) :D

    ne also scherz beiseite: der artikel war sehr interessant zu lesen!

    • 3bike
    • 10.07.2007 um 20:48 Uhr

    Der Artikel ist in höchstem Masse selbstdarstellerisch sowie unkritisch/verharmlosend gegenüber Epo. Epo als Lifestyle-Droge oder was? Seit wann macht DIE ZEIT Werbung für Doping? Die Nachamungseffekte dürften sie ganz schön unterschätzt haben, wie das Echo in Sportlerforen durchaus zeigt.

  5. Guter Text, schlechter Journalismus. In einem Zeitgeist-Magazin wär das ein Spitzen-Beitrag, ein wenig fad vielleicht.
    Hier ist aber die ZEIT und ich erwarte mir etwas mehr als einen locker lesbaren Text, der nonchalant Behauptungen von sich gibt, angebliche Fakten mit der linken Hand abfeuert und alles behauptet, was der Chefredakteur von ihm wollte.

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