Lebenszeichen Mein Leben als Sohn
David Martenstein sorgt dafür, dass sein Vater ein geordnetes Leben führt und auch mal etwas anderes als Wein und Knäckebrot im Kühlschrank hat.
Oft werde ich gefragt, wie das Leben mit einem berühmten Vater so sei. So berühmt kommt er mir aber nicht vor. Er ist auch nur ein Erziehungsberechtigter, der versucht, alles auf die Reihe zu bekommen und einem Pubertisten die Welt zu erklären. Dass fast jeden Tag etwas von ihm und oft über mich in der Zeitung steht, bekomme ich nicht mit, da ich nur Sportberichte lese.
Eines weiß ich aber: Es ist manchmal sehr peinlich. Ich erinnere mich nur ungern daran zurück, wie er über meinen angeblichen Schuhtick geschrieben hat. Als ich die Geschichte zum ersten Mal auf einer Lesung hörte, guckten alle auf meine Füße, und ich wäre am liebsten unter den Teppichboden gekrochen. Aber es ist okay. Immerhin verdient er damit das Geld für meine Schuhe. Und jetzt soll ich auf einmal seinen Job übernehmen. Mir wurde gesagt, nun könne ich ihm alles heimzahlen.
Aber das will ich nicht, da er auch nie etwas gegen meinen Willen schreiben würde. Ich bin wirklich dankbar dafür, einen Redakteur als Vater zu haben; ab und zu nimmt er mich mit auf seine Reisen in die entlegensten Regionen Europas, damit ich ihm gelangweilte, trotzige und besserwisserische Kommentare vorlege. Das kann ich ziemlich gut, und manchmal benutzt er tatsächlich ein paar meiner Mäkeleien für seine Texte.
Ich gebe zu, dass ich Lesen meistens schrecklich finde, weshalb mich mein Vater, der ein Buch nach dem anderen verschlingt, manchmal zwingt, eines in die Hand zu nehmen. Zur Begründung sagt er gern, mein Gehirn würde sonst schrumpfen wie die Muskeln eines mit Steroiden vollgepumpten Bodybuilders, der anstatt ins Fitnessstudio zu McDonald’s geht.
Auch wenn ich zu oft am Computer sitze, sorgt er sich um mein Gehirn. Mantraartig listet er mir die 97 negativen Auswirkungen des häufigen Computergebrauchs auf. Dabei hockt er selbst jeden Tag mehrere Stunden vor dem Bildschirm und haut in schwindelerregendem Tempo auf die Tastatur ein. Ein Wesen von einem anderen Planeten würde ihn bei diesem Anblick für verrückt halten. „Regelmäßiges Benutzen des Computers verbessert die Reaktionsschnelligkeit, das problemorientierte Denken und die Mathekenntnisse“, sage ich gern zu ihm. Man muss wissen, dass er in Mathe nie so gut war. Ich habe in Mathe ganz gute Noten.
Wenn wir uns nicht gerade über Computer streiten, sind wir ein ganz gutes Duo, mein Vater und ich. Er kümmert sich um meine Bildung (eine unserer letzten Exkursionen ging nach Weimar, was so langweilig war, wie es klingt). Und ich sorge dafür, dass er ein geordnetes Leben führt. Meine Eltern sind getrennt, und wenn ich bei meinem Vater bin, kümmert er sich viel mehr um den Haushalt als sonst. Ich muss gar nichts tun, meine pure Anwesenheit reicht, und schon sieht’s ordentlich aus.
Nur der Kühlschrank ist ein Problem. Entweder er ist total voll, oder bis auf Wein und Knäckebrot ist nichts drin. Dann heißt es erfinderisch sein. Aber glücklicherweise hat er mir, jedenfalls was das Kochen betrifft, ein bisschen was von seiner Kreativität vererbt.
David Martenstein ist 15 Jahre alt und Sohn unseres Kolumnisten Harald Martenstein
- Datum 04.07.2007 - 07:51 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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