Hochschule Die klugen Migranten

Deutschland entdeckt eine neue Studentenelite. Doch viele Einwandererkinder brechen ihr Studium ab. Es fehlt an Förderung.

Akyildiz Selcuk war vor Kurzem zu Besuch im Kanzleramt. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen gab der türkischstämmige Student Angela Merkel Ratschläge für eine bessere Integrationspolitik. Katheesan Lingeswaran bekam eine Einladung vom Bundespräsidenten. Horst Köhler wollte wissen, wie es der Einser-Abiturient, der einst mit seinen Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland kam, so weit gebracht hatte. Und Derya Aydin aus Esslingen, auch sie mit einem Abitur von 1,2, traf Annette Schavan. Die 17-Jährige erzählte der Bundesbildungsministerin von ihren Studienplänen.

Akyildiz Selcuk, Katheesan Lingeswaran, Derya Aydin – die Namen der zukünftigen deutschen Führungskräfte sind noch etwas ungewohnt. Aber die Politiker üben schon. Unabhängig voneinander baten gleich drei hohe Vertreter des Staats besonders vielversprechende Einwandererkinder in den vergangenen Wochen zum persönlichen Gespräch. Die Politiker waren beeindruckt von der Eloquenz und dem Selbstbewusstsein der Ausnahmetalente. Annette Schavan schwärmte von »Vorbildern für viele andere«. Horst Köhler sprach von einem »Schatz, den zu pflegen Deutschland gut beraten ist«.

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Bis vor Kurzem freilich wusste niemand, dass dieser Schatz überhaupt existiert. Kaum jemanden interessierte es, wie erfolgreich Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule sind und dass viele sogar einen Studienabschluss schaffen – wenn sie entsprechend unterstützt werden. Denn um sich die Bildungsleiter emporzuarbeiten, brauchen Migranten Orientierung und Sprachförderung auf jeder einzelnen Stufe. Selbst an der Universität kämpfen sie mit Problemen, die deutsche Muttersprachler aus gehobenen Schichten nicht kennen.

Andere Nationen versuchen seit Langem, die Zahl der Akademiker aus ethnischen Minderheiten mit gezielten Programmen zu erhöhen (siehe Kasten). In Deutschland dagegen bleibt die politische Aufmerksamkeit der Generation Rütli vorbehalten: den türkischen Kids von der Hauptschule, den russlanddeutschen Jugendlichen ohne Ausbildung, den Kita-Kindern mit schweren Deutschdefiziten.

Die »Deukische Generation« will das Image von Migranten verbessern

Übersehen werden dabei Jugendliche wie Akyildiz Selcuk. Seine Eltern kamen einst nach Alemanya, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Dennoch sorgte seine Mutter stets dafür, dass die Schulaufgaben erledigt wurden und die »Kinder nicht zu lange auf der Straße herumhingen«, erinnert sich der Sohn. Heute studiert der 21-jährige Berliner Wirtschaftsrecht. Ist in den Medien von Migranten die Rede, hat er immer das Gefühl, nicht gemeint zu sein. »Da ist nur von Problemen die Rede, nie von Erfolgen.« Um das miserable Image zu korrigieren, hat Selcuk mit Gleichgesinnten die »Deukische Generation« gegründet, einen Zusammenschluss türkischstämmiger Abiturienten und Studenten in Deutschland. Mit Forderungen an die Gesellschaft (»Schafft die Hauptschule ab!«) und Appellen an die eigene Gemeinschaft (»Eltern, kümmert euch mehr um eure Kinder!«) wollen sie sich Gehör verschaffen. Und sie werden beachtet: Gleich drei der Initiatoren der Deukischen Generation waren Anfang Mai beim Jugendgipfel im Kanzleramt dabei. Es scheint, als habe man hierzulande auf die »guten Migranten« gewartet, plötzlich sind sie überall gefragt. Deutschland ist auf der Suche nach einer neuen Migrantenelite. Vorreiter sind die Stiftungen. Seit fünf Jahren unterstützt die Hertie-Stiftung besonders begabte Schüler aus ausländischen Familien mit Geld und Beratung. Etwas später im Lebenslauf setzt die Vodafone-Stiftung an. Sie fördert »außergewöhnliche Migrantenkarrieren« an privaten Universitäten.

Die Begabten-Förderwerke werben gleichfalls um die zukünftige Ausländerelite. So appelliert die Friedrich-Ebert-Stiftung in Anzeigen an Schüler und Studenten mit Migrationshintergrund, sich für ihr Stipendienprogramm zu bewerben. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schickt Briefe an Gymnasien mit einem hohen Ausländeranteil. »An diese Zielgruppe wollen zurzeit alle heran«, sagt der Leiter der Studienförderung, Gerd-Dieter Fischer.

Auch der Nationale Integrationsplan, den Angela Merkel am kommenden Donnerstag verkünden wird, soll das unausgeschöpfte Begabungspotenzial beschwören, das in Deutschlands Migrantenjugend schlummert. Vorab verspricht Bildungsministerin Schavan schon einmal, die Zahl der Studenten aus Zuwandererfamilien in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist das auch bitter nötig. Denn glaubt man einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Bericht der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), droht Deutschland bereits in wenigen Jahren ein gravierender Fachkräftemangel. Schon heute suchen viele Unternehmen verzweifelt nach Ingenieuren, zahlt der Siemens-Konzern für jeden erfolgreich vermittelten Fachmann Kopfprämien von 3000 Euro. Gleichzeitig wächst die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund von Jahrgang zu Jahrgang in einem enormen Tempo. Bei den unter Fünfjährigen beträgt ihr Anteil bereits 32 Prozent, in Großstädten wie Nürnberg, Frankfurt oder Stuttgart gar das Doppelte. Zwei Drittel der Kinder haben mindestens einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren ist. Die Botschaft solcher Zahlen ist klar: Ohne einen gut ausgebildeten Einwanderernachwuchs hat Deutschlands Wirtschaft kaum eine Zukunft.

Bisher jedoch kommt nur ein Bruchteil der Schüler mit ausländischen Wurzeln zu akademischen Weihen. Gerade einmal sieben Prozent der Studenten haben einen Migrationshintergrund, wie die neueste Sozialerhebung des Studentenwerkes feststellt. Welche intellektuellen Ressourcen da brachliegen, rechnet ein Vorbereitungspapier für den Integrationsgipfel vor: Hätten die Migranten die gleichen Chancen in Schule und Hochschule wie ihre deutschen Alterskollegen, so könnten jedes Jahr rund 25000 Ingenieure zusätzlich die Hochschulen verlassen.

Die meisten Einwandererschüler scheitern heute bereits in der Grundschule. Wie schwer der Weg in die oberen Ränge der deutschen Bildungshierarchie ist, machten die Abiturienten und Studenten während des Schlossgesprächs beim Bundespräsidenten klar. Viele von ihnen waren die einzigen Nichtdeutschen auf ihrem Gymnasium. Andere sollten ursprünglich nicht einmal dorthin kommen. Für Katheesan Lingeswaran aus Sri Lanka etwa hatte seine deutsche Grundschullehrerin eine andere Zukunftsempfehlung bereit: die Hauptschule. Heute bekommt er ein Hochbegabtenstipendium von der Robert-Bosch-Stiftung und will Kernphysiker werden.

Leser-Kommentare
  1. es ist doch eine Tatsache dass viel mehr Laerm gemacht wird um die 'Misserfolge' unter dem Migranten Nachwuchs.
    ob Zeitungen oder Abendnachrichten,sie beschaeftigen sich immer oefter mit kriminellen Taten und Brutalitaet in Schulen mit hohen Migranten-Anteilen und Jugendlichen die aus fremden Laendern kommen.Niemand kann behaupten dass sie nicht intelligent sein koennten nur wird aus ihrer Faehigkeit nichts.Sie machen eher durch Ueberfaellen,Messerstechereien usw.,Schlagzeilen.Selbst die Migranten Gesellschaft macht nicht viel davon dass unter ihnen gute Schueler leben,die sich durch Bildung eine gute Zukunft erarbeiten wollen und bestrebt sind das Beste aus allem heraus zu holen.Dass in den staatlichen Schulen mehr Geld,Zeit und Energie fuer die anderen Schueler investiert wird kann keinen wundern,es liegt am Schulsystem wo man alle Schueler foerdern muss und das oft zum Nachteil begabten Kinder. Wenn Kinder erfolgreich sind in der Schule ,egal welcher Background dann liegt es aber auch an der Familie.Ganz offensichtlich kann auch das beste Foerderungsprogram diese Defizite im Elternhaus nicht eliminieren.Aus den Kommentaren der befragten Kandidaten kann man aber auch erkennen dass abschotten von der Gesellschaft fuer Migranten viele Nachteile haben kann.

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