Bioinvasion Erreger auf Reisen

Klimawandel und Globalisierung helfen tropischen Krankheitserregern, auch in Europa heimisch zu werden.

Die Tigermücke reist bescheiden: in gebrauchten Autoreifen. Dunkel und feucht müssen ihre Bruthöhlen sein – das reicht. Auf diese Weise ist sie als blinder Passagier schon ganz schön herumgekommen: aus ihrer südostasiatischen Heimat über Japan und die USA bis nach Italien. In manchen Ecken Washingtons oder Roms brauchen Cafébesitzer nachmittags keine Stühle auf die Terrasse zu stellen, weil die aggressive Mücke die Gäste mit ihren Stichen nach drinnen treibt, so sehr ist sie zur Plage geworden.

In Deutschland gibt es die Quälgeister nicht – noch nicht. Aber der Biologe Björn Pluskota von der Universität Heidelberg glaubt, dass das Insekt auf dem Sprung in unsere Breiten ist, und lauert ihm an der Autobahn A5 bei Karlsruhe mit Mückenfallen auf. Die Wohnmobile, die am Ende der Pfingstferien über die Alpen gekommen sind, könnten sie nach Deutschland eingeschleppt haben. Noch sind Pluskotas Mückenfallen leer. Aber der Doktorand ist sicher: »Irgendwann wird die Tigermücke in Deutschland auftauchen.«

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Große Beachtung genießt das Insekt jedoch nicht, weil es eine Belästigung an lauen Sommerabenden ist. Tropenmediziner haben Angst, dass mit dem Insekt gefährliche Krankheiten nach Deutschland kommen. In Zeiten des Klimawandels könnten bei uns neue, bislang exotische Erreger heimisch werden. Von der Tigermücke weiß man, dass sie über zwanzig Viren übertragen kann, sieben davon werden auch dem Menschen gefährlich, darunter das Dengue-Fieber. Noch sieht das Robert-Koch-Institut (RKI) keinen Grund zur Sorge, Dengue könne in Deutschland heimisch werden: »Für Krankheiten wie Dengue ist dies so lange nicht zu erwarten, wie in Deutschland die Temperaturen nicht höher und keine Überträgerinsekten in großer Zahl vorhanden sind«, sagt Klaus Stark, der am RKI das Fachgebiet für tropische Krankheiten leitet. Fände Björn Pluskota frei lebende Tigermücken, dann müsste man die Gefahr allerdings neu bewerten.

Ein anderer tropischer Erreger ist bereits da. Er befällt nur Tiere und löst bei Rindern und Schafen die sogenannte Blauzungenkrankheit aus: Kühe bekommen Bläschen im Maul und an der Nase und blutrote Flecken am Euter. Während die Rinder meist wieder genesen, stellt das Virus für Schafe eine echte Bedrohung dar; im Schnitt sterben vier von fünf kranken Tieren. Die Krankheit hat im vergangenen Sommer 966 Tiere in Deutschland befallen.

Wie das Virus, das bisher ausschließlich südlich der Sahara vorkam, nach Europa gekommen ist, weiß kein Mensch. Vermutlich ist es mit Tiertransporten nach Belgien oder in die Niederlande gelangt. Weiter übertragen wurde es von Mücken der Gattung Culicoides, die auf Deutsch Gnitzen heißen und gerade mal ein bis drei Millimeter winzig sind. Der tropischen Imicola-Gnitze, die das Virus in Südafrika überträgt, ist es allerdings in Deutschland zu kalt. Heinz Mehlhorn, Parasitologe an der Universität Düsseldorf, ist sicher, dass die heimische Obsoletus-Gnitze die Lücke gefüllt hat und das Blauzungenvirus in den Niederlanden, Belgien und Deutschland verteilt hat.

Bereits 2001 untersuchten Wissenschaftler im Auftrag des Umweltbundesamtes (Uba) mögliche Auswirkungen von Klimaveränderungen auf Krankheitserreger, die von Ungeziefer übertragen werden. »Am Wissensstand hat sich seit der Uba-Studie nichts geändert«, klagt Helge Kampen von der Universität Bonn, der an der Studie mitgearbeitet hat. Immerhin ist im April ein bundesweites Monitoringprogramm unter Federführung der Universität Düsseldorf angelaufen. Auf 90 Höfen im ganzen Land stehen Insektenfallen. Mitte Juni meldete das Bundeslandwirtschaftsministerium, dass bei Hückeswagen im Bergischen Land ein neuer Blauzungenfall aufgetreten ist. Das Virus hat den extrem milden Winter offenbar überlebt.

 
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