Neue Parteimitglieder

DIE ZEIT: Soeben wurde bekannt, dass Martin Walser, Siegfried Lenz und Dieter Hildebrandt Mitglieder der NSDAP waren. Alle drei sagen, sie hätten nichts davon gewusst. Der Kabarettist Hildebrandt spricht von Rufmord. Doch kein Publizist hat bisher die berühmte »Moralkeule« geschwungen, von der Walser im Zusammenhang mit Auschwitz behauptete, sie sei ein jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel.

Norbert Frei: Es besteht auch kein Anlass, irgendeine Keule zu schwingen. Es handelt sich hier um das ebenso traurige wie banale Geschehen, dass in der zweiten Kriegshälfte halbe HJ-Jahrgänge kollektiv in die Partei überführt wurden.

Zeit: Ist es glaubhaft, dass die drei nichts von ihrem NSDAP-Beitritt wussten?

Frei: Warum sollten sie die Unwahrheit sagen? Hildebrandt und Walser haben sich selbst als Hitlerjungen beschrieben. Angesichts der Aufnahmen per Sammellisten halte ich unwissentliche Mitgliedschaften prinzipiell für möglich. Es gab augenscheinlich beides: die strenge Ordnungsrhetorik des Aufnahmeprozederes und die schlampige Realität der Aufnahmen, vor allem in der zweiten Kriegshälfte. Die Weisungen geben Auskunft darüber, was man sich an oberster Stelle wünschte, sie sagen aber nichts über die Praxis.

ZEIT: Ihr Kollege Michael Buddrus sieht es anders. Er hält Beitritte ohne persönliche Unterschrift für unwahrscheinlich. Wieso sind Sie sich uneins?

Frei: Weil wir keine gute Quellenlage haben. Gesicherte Erkenntnisse über die soziale Praxis fehlen. Selbst wenn wir Hinweise darauf hätten, dass das Regelwerk in vielen Fällen exakt eingehalten wurde, ist damit nicht ausgeschlossen, dass es des Öfteren eben nicht eingehalten wurde. Dass es kollektive Aufnahmen gab, ist unstrittig.

Hildebrandt sagt, beide Eltern seien Parteimitglieder gewesen. Es ist durchaus denkbar, dass die Mutter für den Sohn den Aufnahmeschein unterschrieb, wenn der HJ-Führer damit vor der Tür stand.

ZEIT: Walser vermutet, dass ihn in seinem Heimatort Wasserburg ein beflissener HJ-Führer zum Parteimitglied machte.

Frei: Auch das ist denkbar. Bereits 1942 gab es die Weisung, mindestens 30 Prozent der Jungen des Jahrgangs 1924 aus der HJ in die NSDAP zu übernehmen.

ZEIT: Spielt es eine Rolle, ob die damals so jungen Männer von ihrer Parteimitgliedschaft wussten?

Frei: Ich finde es schon mühsam, dass wir die Diskussion, die vor vier Jahren über Walter Jens und andere geführt wurde, jetzt wiederholen.

Wieder wird in den Medien lediglich das vermeintlich Skandalöse annonciert. Die Frage, was wissentliche oder unwissentliche Mitgliedschaft bedeutete, wird nicht gestellt.

ZEIT: Wo sehen Sie eine Skandalisierung?

Frei: Nennen wir es meinethalben nicht Skandal, sondern Klatsch.

Seriöse Informationsgebung müsste versuchen zu erklären, was die Parteimitgliedschaft von halben Kindern bedeutete. Und man könnte weiter fragen, welche Rolle es in unseren gegenwärtigen Debatten spielt, dass die HJ-Generation inzwischen die letzte ist, die noch eine unmittelbare Verbindung zur NS-Zeit verkörpert.

ZEIT: Enthält der Klatsch auch ein Element der Verharmlosung? Sowohl Grass als auch Hildebrandt legen Wert darauf, dass Joseph Ratzinger Wehrmachtsangehöriger und NSDAP-Mitglied war. Das heißt: Sogar der Papst, also im Grunde Gott, war verstrickt. Ein Entschuldungsargument?

Frei: Das ist wohl eher ein Verniedlichungsversuch, vielleicht sogar komisch gemeint. Wenn wir die hohe soziale Integrationskraft des Nationalsozialismus endlich zur Kenntnis nehmen, dann wird auch klar, was für eine Aufgabe die Verwandlung der NS-Volksgenossen in die Bürger der Bundesrepublik gewesen ist. Immerhin blieb die einstige Funktionsgeneration des Nationalsozialismus bis in die siebziger Jahre hinein gesellschaftlich bestimmend und gegen die stand, zumal in der Frage der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die »skeptische« oder Flakhelfergeneration der Walsers und Grassens.

ZEIT: Bezog sich die Skepsis dieser Generation auch auf die eigene ideologische Prägung?

Frei: Natürlich kann man sich fragen, warum Walser in seiner berühmt-berüchtigten Rede plötzlich davon spricht, jahrzehntelang im »Erinnerungsdienst« gestanden zu haben. War das also alles nur äußerliche Anverwandlung? Wurden die seit 1945 vermittelten demokratischen Werte gar nicht verinnerlicht? Ich fände es leichtfertig, die Einlassungen eines einzelnen (oder auch mehrerer) »Großschriftstellers« für die Selbstbeschreibung einer ganzen Generation zu nehmen.

ZEIT: Walser ist in der Paulskirche zur Galionsfigur einer neuen Schlussstrichdebatte geworden. Führt nicht gerade die intensive Beschäftigung mit der NS-Zeit erst zu solch differenzierten Urteilen wie jetzt über Walsers NSDAP-Mitgliedschaft?

Frei: Walsers Bekenntnisse kamen zu einem Zeitpunkt, da sich, gerade auch in den Medien, die Auffassung breitmachte, Geschichte gehe in Erinnerung auf. Wer das glaubt, unterliegt einem schweren Irrtum auch wenn er der sogenannten Erlebnisgeneration angehört. Zur Erinnerung muss historisches Wissen und methodische Reflexion hinzukommen, wenn entstehen soll, was wir dringend brauchen: kritisches Geschichtsbewusstsein. Jetzt, da die letzten »Zeitzeugen« wegsterben, erfährt ihre Erinnerung eine geradezu auratische Aufladung, und generationell dominiert zwangsläufig die Perspektive der damals unschuldigen oder ideologisch verführten Kinder. Im Übrigen hat Walser, als er sich selbst vom Erinnerungsdienst dispensierte, nicht begriffen, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit prinzipiell unabschließbar ist.

Die Fragen stellte Evelyn Finger

Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Zuletzt erschien von ihm »1945 und wir« (C. H. Beck)

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.48
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