Patchwork-Familien Leben in zwei Welten
Jerome Graff, 14, hat zwei Zimmer. Unter der Woche wohnt er bei der Mutter, jedes dritte Wochenende beim Vater. "Wo mein Zuhause ist", erzählt er, "kann ich schwer sagen".
Es ist natürlich cooler, einfach Poster an die Wand zu kleben. Ein gerahmtes Bild würde ich mir selbst nie aufhängen. Aber bei meinem Vater geht das nicht, er hat zwei Katzen, die an den Wänden kratzen und alles zerfetzen, was ihnen unter die Krallen kommt. Mein Zimmer bei ihm hat er eingerichtet, weil er es auch für Gäste nutzt, wenn ich nicht da bin. Und da macht sich so ein Roy Lichtenstein natürlich besser als das Bild eines ermordeten Gangsta-Rappers wie Tupac Shakur. Der hängt dafür bei meiner Mutter.
Ich pendle seit sechs Jahren zwischen zwei Zimmern. Jedes dritte Wochenende verbringe ich zusammen mit meiner elf Jahre alten Schwester bei meinem Vater. Montagmorgen bringt er uns in die Schule, und von dort aus fahren wir wieder zu unserer Mutter. Wir sind eine Patchworkfamilie: Vater wohnt mit seiner Freundin in einer Altbauwohnung in Berlin-Tempelhof, das ist mitten in der Stadt. Meine Mutter lebt mit unserem Ziehvater und unserer zwei Jahre alten Schwester in Zehlendorf. Das ist ein ruhiger Stadtteil, in dem fast nur Omas wohnen. Zumindest kommt es mir so vor, manchmal gehe ich einen Kilometer, bis mir jemand begegnet.
Bei so viel Ruhe bin ich ganz froh, dass ich immer wieder zu meinem Vater in die Stadt fahre. In meiner Klasse hat niemand zwei Zimmer außer mir, aber ich würde nicht mit den anderen tauschen wollen. Ich pendle gerne, weil ich dadurch beides habe: Natur und Stadt. Später möchte ich auch mal zwei Wohnungen haben, eine in der Stadt, wo was los ist, und eine im Grünen zum Chillen.
Wo nun mein Zuhause ist, kann ich schwer sagen. Meine Mutter hat die Wohnung, in der meine Eltern früher zusammen mit uns gewohnt haben, irgendwann nach der Trennung aufgegeben. Vielleicht sollte ich eher Zehlendorf mein Zuhause nennen, wo wir mit meinem Ziehvater hingezogen sind. Da ist nämlich alles, was ich zum Sprayen und Zeichnen brauche, meine große Leidenschaft. Ich habe einen Schrank voller Farben, Stifte, Spraydosen und verschiedener cabs, so nennt man die Aufsätze für die Dosen, die den Sprühstrahl regulieren.
Zehlendorf ist natürlich viel zu ordentlich und sauber, als dass man da sprayen dürfte, aber in der Stadt gibt es Wände an einer S-Bahn-Station, wo ich das legal machen kann. In meinem Zimmer in Zehlendorf, über dem Bett, hängt ein Grafitto, das ich selbst gemacht habe. Daneben hängen Musikposter, auch eins von Christina Aguilera, obwohl ich ihre Musik gar nicht höre, ich finde sie aber ganz hübsch. Ich stehe mehr auf Soul und Rap, auf Tupac Shakur, Snoop Doggy Dog und so. Über meinem Bett gibt es auch ein Poster mit dem Titel Lost Souldiers, da sind berühmte Rapper drauf, die in den letzten Jahren gestorben sind.
Ich mache selbst Musik, spiele E-Gitarre in der Schulband. Das Ding muss immer mit, wenn ich zu meinem Vater fahre. In seiner Wohnung hat er auch einen Verstärker, weil er auch Gitarrist ist in einer Band. Wichtig ist mir außerdem mein Basketball, in jeder Wohnung liegt einer. Doppelt habe ich ansonsten nur meine Zahnbürste und meinen Schlafanzug. Leider vergesse ich immer irgendwas, wenn ich zu meinem Vater fahre, meistens die Socken. Mir fehlt einfach die Zeit zum Packen, weil ich lieber mit Freunden Basketball spiele, bis mein Vater uns mit dem Auto abholt. Dann schmeiße ich nur schnell ein paar Klamotten in meinen Rucksack, und los geht’s.
Das Zimmer bei meinem Vater hat leider einen Nachteil: Ich muss es mir mit meiner kleinen Schwester teilen. Wenn sie schlafen will, würde ich noch gerne aufbleiben, und wenn ich mal früher schlafen will, möchte sie garantiert noch lesen. Das scheint eine Grundregel bei Geschwistern zu sein. Dafür lagert in dem Zimmer in Tempelhof ein großer Schatz: die Comic-Sammlung meines Vaters. Er hat um die 500 alte Marvel-Comics, so heißt der berühmte Comic-Verlag aus Amerika, bei dem auch Spiderman erschienen ist. Immer wenn ich da bin, lese ich eines der Hefte.
Das Zimmer hat auch noch einen anderen Pluspunkt: den Fernseher. Wir können gucken, wann wir wollen. Ich weiß, dass das eigentlich nicht gut ist für uns, aber es macht eben Spaß, im Bett zu liegen und zu glotzen. Ich sehe nur MTV, meine Lieblingssendung ist Jackass, da machen ein paar Typen ziemlich waghalsige Stunts und Mutproben, die schwimmen zum Beispiel in einem Pool mit Krokodilen.
Meine Mutter mag es gar nicht, wenn wir zu viel fernsehen. Bei ihr ist alles etwas strenger, das Essen ist gesünder. Es gibt viel Salat, und der ist Bio. Ich kann schon verstehen, warum wir bei meinem Vater mehr dürfen, bei ihm verbringen wir ja nur ein Wochenende oder mal eine Woche in den Ferien. Bei ihm ist es gemütlicher, und es gibt auch keine zwei Jahre alte Schwester, die ins Zimmer reinplatzt und irgendwas will. Aber jetzt, wo ich so drüber nachdenke: Wenn ich nach Zehlendorf zurückfahre, freue ich mich am meisten auf meine kleine nervige Schwester Telli.
Aufgezeichnet von
Annabel Wahba
- Datum 06.07.2007 - 06:52 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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