Peng, peng, Hände hoch und wir tanzen

Die Party beginnt mit einem Anruf bei einer konspirativ weitergereichten Handynummer. Die Mailbox springt an: Peng Peng. Wie ihr seht, regnet es in Berlin.

Wir treffen uns deshalb doch nicht im Schlesischen Busch, sondern auf der Oberbaumbrücke. Bis gleich. Wer dieser Einladung schnell folgt, sieht vielleicht noch, wie vier Kleinwagen auf der Brücke über der Spree halten. Zwölf junge Leute springen raus und tragen ihre Utensilien auf den überdachten Bürgersteig. Einer baut zwei Tapeziertische auf, ein Mädchen mit langem blondem Zopf stellt zwei Turntables darauf ab, einen Regler, zwei Laptops. Ein junger Mann schleppt einen Generator und verlegt Kabel, zuletzt werden Getränkekästen aus den Autos geladen: Bier und Bionade, keine Cola.

Die Veranstalter sind geübt im Aufbauen, jeder Handgriff sitzt: Es muss schnell gehen, schließlich wissen sie nicht, wie viel Zeit ihnen bleibt, bis die Polizei kommt. Es ist Samstagnachmittag, halb vier, elektronische Musik schallt über die Brücke, zur einen Seite in Richtung Kreuzberg, zur anderen in Richtung Friedrichshain. Die illegale Party Peng Peng kann beginnen.

Einige Wissende nähern sich, nicken zur Begrüßung und fangen an zu wippen. Ihre T-Shirts sind verwaschen, die Nähte ausgefranst, die Hosen altmodisch kariert, die Frisuren akkurat wie die von braven Schuljungs. Mittellos sehen die Feiernden nicht gerade aus, jeder Riss und jeder Graustich in der Kleidung hat Methode und wurde teuer bezahlt. Das ist nicht die Uniform der Unterschicht, das ist Understatement. Diese Jugendlichen fühlen sich als Avantgarde. Sie treffen sich an einem Nachmittag auf einer Brücke, weil ihnen das übliche Feiern in Clubs, Bars, Discos zu langweilig geworden ist. Sie wollen nicht nur trinken, tanzen und Telefonnummern sammeln, sie wollen was erleben. Eine neue Erfahrung, etwas Nervenkitzel, ein bisschen Stadtrallye.

Open-Air- und Spontanpartys werden in diesem Sommer überall in der Hauptstadt gefeiert, ohne Eintritt, mit billigen Getränken statt teurer bunter Cocktails, und wie das bei Partytrends üblich ist, dürfte auch dieser bald in den großen Städten des ganzen Landes nachgeahmt werden. Der Reiz an den Spontanpartys ist, dass sie direkt von null auf hundert gehen. Rumstehen, langweilen, erst mal drei Wasser trinken und die Lage sondieren das ist hier nicht drin. Die verbotene Party könnte ja jederzeit aufgelöst werden. Neu ist die Idee, illegal zu feiern, nicht, aber die neue Riege der Veranstalter macht es anders. Sie versteckt sich und ihre Gäste nicht länger in verlassenen Fabrikhallen oder auf dem Acker hinter entlegenen Vororten. Sie erobert für ihre Partys den urbanen Raum zurück: Plätze, an denen man vorbeikommt, die zentral liegen und wo man sie sehen kann.

Ein junger Mann tanzt ausgelassen neben einer der zwei Boxen auf der Oberbaumbrücke. Er trägt Jeans, ein dunkelgrünes Leinenhemd und dazu grüne Chucks. Sein Stil wirkt latent ranzig, was wohl gewollt und zumindest nicht notwendig ist: Student Marc wird von seinem Vater finanziert, der ist Professor in Berlin. Marc ist 21. Er hat rötliche, gewellte Haare und strahlend helle Haut und trägt einen stoppeligen Backenbart. Marc geht häufig zu illegalen Partys. Sie heißen Wir sind Park, Club der Dilettanten, Reclaim the Sparkasse, Reclaim the Hinterhof und Peng Peng. Dass Marc überhaupt weiß, wann und wo diese Partys beginnen, zeichnet ihn als Mitglied einer exklusiven Gemeinschaft aus.

Marc erzählt, wie das System funktioniert. Schritt eins: sich bei den Internetforen freundeberlins.net oder restrealitaet.de anmelden, zu denen nur Zutritt bekommt, wer einen Bürgen hat, der bereits angemeldet ist. Dort eingeloggt, erhält man eine Handynummer und erfährt ein Datum und eine Uhrzeit. Schritt zwei: wenige Stunden vor dem Termin unter der Nummer anrufen und ein kleines Rätsel anhören, zum Beispiel dieses: Mit einem großen Gefährt der Nummer 104 geht es zu einem Ort, wo der Tod zu Hause ist. Schritt drei: Wegbeschreibung entschlüsseln (mit Bus 104 bis zum Friedhof) und zum Ort der Party fahren. An diesem Abend, sagt Marc, war es etwas einfacher. Weil die Party verlegt wurde, hatten die Organisatoren keine Zeit mehr, sich ein Rätsel auszudenken.

Die Veranstalter wissen: Je höher der Aufwand, desto glücklicher sind diejenigen, die es geschafft und die Party gefunden haben. Sie dürfen sich als Abenteurer fühlen. Irgendwann später kann ich sagen, dass ich bei einer historischen Bewegung dabei war, sagt Marc und zeigt, wie groß die Sehnsucht dieser Partygänger ist, etwas zu schaffen wie die Nachfolge von Woodstock oder doch wenigstens der Love Parade.

Bloßes Mitglied einer Spaßgesellschaft will hier niemand sein. Man will Höheres, Größeres und übt sich in Sofortverklärung und darin, dem eigenen Handeln Bedeutung zu geben. Auch wenn der Verdacht bleibt, dass es vor allem um den Event geht, die passende Message dazu findet sich schon. Tino, der gemeinsam mit elf Freunden die Peng-Peng-Partys veranstaltet, hat diese hier zu verkünden: Wir wollen uns ein Stück Stadt zurückholen. Seine dunklen und vollen Haare schauen unter einer karierten Ballonmütze hervor, sein Blick ist wach und schelmisch.

Auskunft über die Party und die Idee dahinter gibt der 29-jährige Bioinformatik-Student nur ungern. Er lässt sich zunächst ein wenig bitten, aber den Stolz auf sein Projekt kann er nicht leugnen, und so redet er doch. Wir ergaunern ja nur, was uns eigentlich gehört, wir sind schließlich Bürger von Berlin, sagt er und grinst mit dem Charme eines netten Räubers. Über die Idee der Gauner kamen wir dann auch zu dem Namen für unsere Partyreihe, erzählt er. Peng, peng, Hände hoch, wir wollen hier tanzen: ein paar Quadratmeter öffentlichen Raum okkupieren und dort gute Laune demonstrieren.

Diese kleine Revolution soll allerdings nicht zu wild sein. Die Peng-Peng-Leute wollen nichts kaputtmachen, niemanden provozieren oder stören, sondern einfach Partys ausrichten, bei denen niemand reich wird, dafür aber jeder glücklich. Partys ohne Werbebanner.

Ohne Werbung, das stimmt natürlich nicht ganz, aber man kann Werbung ja auch ironisch für sich nutzen: Marc erzählt von einer anderen Party neulich, im hell beleuchteten Vorraum einer Sparkassen-Filiale in Prenzlauer Berg. Die Bässe wummerten aus zwei Boxen, die Leute schwitzten hinter beschlagenen Scheiben, im Blick die Turntables auf einem Klapptisch, im Rücken die Geldautomaten mit dem Sparkassen-Zeichen darauf und die Werbeplakate für eine kostenlose Anlageberatung. Die Absätze der Mädchen stocherten nicht wie sonst auf der Disco-Tanzfläche in Dreck, Scherben und Alkohol, sondern sie klackerten auf glänzendem Steinboden. Marc fand, das hatte Stil.

Die Veranstalter der Partyreihe Reclaim the Sparkasse ziehen von einer Filiale zur nächsten. Die Wahl der Orte hat einen gewissen Hintersinn, bewerben die Sparkassen doch ständig irgendwelche Jugendveranstaltungen: den Vorlesewettbewerb in der Schule, die Party im Pfarrhaus und das kleine Konzert im Ort. Beinahe jeder Schüler oder Student trägt eine Sparkassen-Karte mit sich herum, die Zutritt zu den Geldautomatenräumen verschafft. Daran haben sich die Veranstalter erinnert.

Die Sparkasse sieht es gelassen. Solange niemand belästigt und kein Eigentum beschädigt werde, greife sie nicht ein, sagt Constanze Stempel, die Pressesprecherin der Berliner Sparkasse. Und falls es doch mal dazu komme, seien die Feiernden immer sehr einsichtig, bisher jedenfalls.

Auf der Oberbaumprücke hat es aufgehört zu regnen, dafür beginnt gegen halb neun ein Polizeiauto auf und ab zu fahren. Fünf Minuten später stehen zwei Streifenwagen am Fahrbahnrand - die Beamten beobachten die Tanzenden.

Einige Anwohner aus Kreuzberg hätten sich beschwert, die Party sei sofort zu beenden. Wären die zum Ordnungsamt gegangen und hätten das angemeldet, müssten sie jetzt nur leiser stellen, aber die wollten ja was Illegales machen, weil sie das irgendwie aufregend finden. Jetzt is vorbei mit aufregend, sagt der Polizist und braucht keine Angst vor fliegenden Steinen zu haben. Ein Feind scheint er für die Partyleute nicht zu sein, eher ein freundlicher Gendarm, den die Räuber austricksen wollen. Sie räumen stoisch ihre Sachen zusammen und laden alles wieder in die Kleinwagen. Auch die Partygäste bleiben ruhig, sie wissen, was zu tun ist. Schnell entfernen sie sich, laufen in alle Richtungen davon und rufen wenig später bei der geheimen Handynummer an. Ein wenig irritiert sind sie, als das Band nach einer Stunde immer noch nicht aktualisiert wurde. Gerüchte entstehen. Man treffe sich eine Brücke weiter stadtauswärts. Bald schwirren einige Gäste dort herum, hören ständig das Band ab und warten auf Meldung.

Wisst ihr, wo es weitergeht?, Wartet ihr auch?

Um halb zwölf endlich eine Nachricht auf dem Band: Peng Peng, wir warten im Schlesischen Busch auf euch. Als Marc in dem Park in Treptow ankommt, ist schon wieder alles aufgebaut. Eine Stehlampe beleuchtet den Tapeziertisch, eine Frau aus dem Peng-Peng-Team legt auf. Drei Mädchen tanzen wie Mücken um den hellen DJ-Tisch herum. Marc lehnt sich an einen Baum, mit geschlossenen Augen. Seine Nacht dauert so lange, wie die Musik läuft. Vorher gehe ich nicht, wer weiß, wann wieder was ist, sagt er gegen halb zwei, als sich einige Gäste von ihm verabschieden.

Techno knallt über die nebligen Wiesen. Eine kleine rote Lampe ist auf eine Discokugel gerichtet, die zwischen Blättern am Ast baumelt. Von Weitem sieht man nur eine leuchtende Insel im nächtlichen Park.

Irgendwann werden Tino und seine Freunde den Generator ausschalten und alles wieder in den vier Autos verstauen. Bevor sie abfahren, werden sie noch einmal zurückgehen und den Müll aufsammeln. Die Revolutionäre wollen keinen Schnipsel hinterlassen.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.M11
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