HARRY ROWOHLT Poohs Corner
und zweitens habe ich am 26. Mai zum ersten Mal in meinem Leben als Redner an einer Demonstration teilgenommen. Sie stand unter dem Motto »Freiheit für Mumia Abu Jamal!« und sollte vor dem Hamburger US-Generalkonsulat am Alsterufer stattfinden
und ich habe die Erfahrung gemacht, daß Sie zwar natürlich wissen, wer Mumia Abu Jamal ist, und daß ich zwar natürlich weiß, wer Mumia Abu Jamal ist, alle anderen dagegen kaum wissen, wer Mumia Abu Jamal ist. Mumia Abu Jamal sitzt seit 25 Jahren in Philadelphia in der Todeszelle, weil er einen Polizisten erschossen haben soll. Da hätte er zwar notfalls ein gußeisernes Alibi, aber weil er früher Black Panther war und erfolgreicher linker Journalist mit einer eigenen Radiosendung, mithin nicht nur schwarz, sondern noch dazu ein roter Schwarzer, nutzt ihm das gar nichts. Jede Woche schreibt er in der Todeszelle eine äußerst lesenswerte Kolumne (die auf deutsch samstags in der jungen Welt erscheint) und wartet auf seinen neuen Prozeß.
und ich sollte bei der Demonstration, die auf einen Samstag anberaumt war, Mumia Abu Jamals gerade aktuelle Kolumne vorlesen. » Darf ich auch selbst was sagen?«, hatte ich gefragt. » Ja, ja, nur zu«, hatte man gesagt.
Ich komme also hin, und die Demonstration ist gar nicht vor dem US-Generalkonsulat, sondern vor Paolino, einem der beiden Hamburger Promi-Italiener, dabei trifft Paolino gar keine Schuld am Schicksal Mumia Abu Jamals. Paolino kommt auch prompt mit gereckter Faust herausgetobt: »Arry! Avanti popolo! Wasse du trinke?« » Am liebsten gar nichts«, sage ich, »sonst muß ich zur Unzeit austreten und « »Bei mire du kannste immere pinkele, einefakke klopfene iere«, sagt Paolino, und ich habe eine Sorge weniger.
Wir sind etwa neunzig Menschen, und die CIA hat ein kleines Mädchen geschickt, welches jeden einzelnen Redebeitrag mühelos mit seinem Geplärr übertönt.
Man kennt sich, man mag sich, es zieht sich. Endlich werde ich angesagt: »Morgen in der Lindenstraße, heute schon bei uns: Harry Rohwollt!« Ich sage, vielleicht einen Tick zu subjektiv: »Am meisten bewundere ich an Mumia Abu Jamal, daß er jede Woche eine Kolumne raushaut. Ich kann immer nur eine Kolumne schreiben, wenn ich vorher was erlebt habe, und auch dann nur selten. Aber Mumia Abu Jamal kommt ja so gut wie nie vor die Tür.« Rückkopplung, eisige Blicke, Rückkopplung. » Ich würde empfehlen, ihn eiligst freizusprechen, denn wenn das so weitergeht, wird seine Haftentschädigung unerschwinglich, und wenn er dann freigelassen ist, kann er auf Lesereisen gehen, was erleben und darüber seine Kolumnen schreiben.« Eisige Blicke, Rückkopplung, eisige Blicke. » Wenn er aber beschließen sollte, mit dem Geld von seiner Haftentschädigung einen Zeitungs-und-Tabakwaren-Laden mit Lotto-und-Toto-Annahme aufzumachen, so gönne ich ihm auch das von Herzen.« Eisige Rückkopplungen. Endlich lese ich Mumia Abu Jamals Kolumne vor, in welcher er den Fünf- oder Siebenpunkteplan eines Journalistenkollegen zitiert, wie der US-amerikanischen Außenpolitik aus dem Morast geholfen werden könnte, und mir fällt ein: »Das ist hier gar keine antiamerikanische Veranstaltung - das ist hier eine proamerikanische Veranstaltung. Nach dem ersten Überfall der USA und ihrer Satellitenstaaten auf den Irak hat mich eine Kollegin vom WDR gefragt, ob ich antiamerikanisch sei. Ich antiamerikanisch?!, habe ich gefragt. Ich habe geweint, als Winnetou starb!« Zwei Lacher, keine Rückkopplung. Dann bin ich durch. Wegen Verhaftungsgefahr hatte ich einen Personalausweis eingesteckt und reine Unterwäsche angezogen - zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte. Das erwähne ich auch noch schnell: »Kein Beamter« eigentlich hatte ich »Scherge« sagen wollen, aber die drei Polizisten, die auf uns aufpassen, sind so nett, daß man das nicht machen kann »wird es wagen, die Hand gegen einen Träger der Goldenen Ehrennadel des FC St. Pauli zu erheben, denn dann wird er sofort als HSV-Fan und Holsten-Trinker geoutet und gedisst und nie mehr seines Lebens froh. Danke schön.« Die drei Polizisten jubeln - alle anderen freuen sich, weil sie mich endlich los sind.
»Das ist aber doch eine todernste Angelegenheit«, sagt Anna. » Da kannst dich doch nicht zum Kaschperl machen.«
Deshalb mache ich so was ja auch nur alle 62 Jahre.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.52
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