MonotheismusWas kann Gott dafür?

Arnold Angenendts große historische Studie zum Christentum und Ian Burumas Essay über den Mord am Filmemacher Theo von Gogh fragen nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt. von Eckhard Nordhofen

Es ist ein Glücksfall, wenn ein Buch, in dem die Arbeit vieler Jahre steckt, just zu dem Zeitpunkt erscheint, an dem die Frage, die es beantwortet, im Zentrum der politischen, vor allem der ideenpolitischen Debatten steht. So geschehen mit Arnold Angenendts Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. Und hinzu kommt gleichzeitig die Fallstudie von Ian Buruma über den religiös fundierten Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, ein aktuelles Exempel für die Grenzen des Tolerablen.

Die Szene ist aufgeregt. Die einen verwechseln die Abwesenheit religiöser Überzeugungen mit Toleranz, die Christen ärgern sich, dass sie als Monotheisten mit islamistischem Terror in Sippenhaft genommen werden, und in den Fundus der Geschichte greift jeder, der seine Meinung plausibel machen will. Da wird ein Verfahren, das eine problem- und themenzentrierte Darstellung mit seriöser Quellenerschließung kombiniert, zum knappen Gut.

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Ist der Monotheismus die Quelle von Intoleranz und Gewalt? Die Regensburger Frage Benedikts XVI. an die Adresse des Islams hatte offenbar den neuralgischen Punkt getroffen. Aber ist die Koppelung von Religion und Gewalt nicht eine nahezu zwangsläufige? Immerhin war der Ägyptologe Jan Assmann in die Debatte mit der Behauptung eingestiegen, mit der Gründung des Monotheismus sei die Wahrheitsfrage und damit das Böse in die Welt gekommen. Gehört daher nicht mit dem offensichtlich terroristischen Islamismus der Monotheismus auf die Anklagebank, also alles, was im Schoß von Vater Abraham sitzt, auch Judentum und Christentum?

Der postchristliche Zeitgenosse munitioniert sich in der Kriminalgeschichte des Christentums. Zog sich da nicht eine Blutspur von Intoleranz durch die Jahrhunderte? Das grell und diffus gezeichnete Bild des Christentums in den liberalen Milieus erfährt erstaunlicherweise außerhalb der historischen Fachwissenschaft kaum Widerspruch. Der Grund? Eine Antwort heißt felix culpa: Je größer die Schuld, desto eindrucksvoller die Verzeihung. Die Zerknirschungsbereitschaft der Christen hindert sie daran, kraftvolle Apologien anzustimmen.

Jesus empfahl, auch das Unkraut solle mit dem Weizen groß werden

Das Ergebnis deckt sich mit der offen antichristlichen Polemik. So kommt es zu der klassischen Unheilsgeschichte des Mainstreams mit der Szenenfolge: Ketzerverfolgung, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und modernitätsverweigernde Ignoranz. Wenn dann tatsächlich einmal ein versprengter christlicher Apologet, auf derselben Frequenz sendend, die Gegenrechnung aufmachen will, wirkt das hilflos und stillos. Die schrillen Anklagen und die aufgeregten Plädoyers der Verteidigung lassen den Wunsch nach seriöser Geschichtsschreibung mächtig werden.

Dass dieser Wunsch nun von Arnold Angenendt erfüllt wurde, ist eine ideenpolitische Intervention ersten Ranges. Toleranz und Gewalt ist Arbeit am Klischee. Das Buch beantwortet die frequently asked questions mit der differenzierten Gelehrsamkeit des Historikers, der einfach wissen will, »wie es gewesen ist« (Ranke). Bevor er die Skandalkapitel durchgeht, greift der Autor die Grundfragen der gegenwärtigen Monotheismusdebatte auf, die aus der alten philosophischen Frage nach Einheit und Vielheit entwickelt sind. Er folgt ihnen in einem Längsschnitt durch die Religionsgeschichte. Eine Problemgeschichte von Toleranz und Gewalt braucht Fallbeispiele und den religionswissenschaftlichen Vergleich.

Seit Homo sapiens ist, also der Mensch Mensch, hat er Religion. In traditionellen Gesellschaften ist die »Gentilreligion« die Kraft, die den Zusammenhalt des Clans garantieren muss. Gleichzeitig hält die Religion die Verbindung mit den Rhythmen der Natur und des Kosmos. Erst wenn der Einzelne sich einem göttlichen Gegenüber verantwortlich weiß, gewinnt Religion eine ethische Dimension. Der Durchbruch zur universalen Weltreligion legt alle Zäune zwischen den Ethnien nieder, schafft aber eine gefährliche Differenz zwischen Gläubigen und Un- oder Andersgläubigen. Angenendt zeigt, wie eng die Entwicklung des Einzelnen, der sich seiner Individualität auch bewusst ist und sich als verantwortlich und frei versteht, mit der Geschichte des biblischen Monotheismus verbunden ist. Die zahlreichen und zu Recht angeprangerten Verstöße gegen Toleranz und Freiheit in der Geschichte des Christentums erhalten erst dann die Qualität von Untaten, wenn sie an den Ansprüchen dieser Religion gemessen werden.

Der gründliche Durchgang durch die Skandalkapitel rückt mit genauen Analysen, Zahlen und Belegen die polemischen Übertreibungen genauso zurecht, wie er sich gegen die Revisionisten wendet, welche über dem Fortschritt, den die Inquisitionsverfahren für die Entwicklung des Prozessrechts bedeuten, die Opfer vergessen.

Die Verfolgung von Häretikern wurde lange ausgebremst durch die Empfehlung Jesu, das Unkraut mit dem Weizen groß werden zu lassen und das letzte Urteil dem Herrn der Ernte zu überlassen. Im ersten Jahrtausend kam es zu einer einzigen Ketzertötung, 385 am Kaiserhof zu Trier, begleitet von scharfen Protesten. Nach der Jahrtausendwende allerdings nehmen die Ketzerverfolgungen zu. Oft waren es läppische Abweichungen, welche die Volkswut zur Lynchjustiz reizten, später kam es zu einem Zusammenspiel von kirchlicher Recherche und weltlicher Hinrichtung.

Die Forschung zur Inquisition hat erst in den letzten Jahrzehnten verlässliche Daten erhoben. Hier geht es zunächst um Tatsachen: Zählen die Opfer nach Millionen, oder sind es einige Tausend? Betraf der Kampf gegen die Katharer den ganzen Landstrich, der sich heute nach ihnen benennt? Wie viele gab es überhaupt? Sie werden für das Languedoc auf 5 bis 8 Prozent der Bevölkerung geschätzt. In Albi erhielten zwischen 1286 und 1329, also während 43 Jahren, von 250 bekannt gewordenen Katharern 58 eine Strafe auferlegt, dies bei einer Einwohnerzahl von 8000 bis 10000. Von 1540 bis 1700 sind für die spanische Inquisition 50000 Prozesse erfasst, von denen 1,8 Prozent zu Hinrichtungen führten.

Angenendts Text besteht zu einem guten Teil aus den höchst lesbar gemachten Ergebnissen der Spezialforscher: »Die Römische Inquisition exekutierte weniger Häretiker als viele Städte der Niederlande, wobei allein etwa Amsterdam von 1534 bis 1554 mehr Häretiker zum Tode verurteilt hat, denn jede andere Stadt der Christenheit.« Die diffuse Fama sucht die Täter gewiss nicht im toleranzstolzen Holland. Auf jeder dritten Seite bietet das Buch kleine Überraschungen dieser Art.

Größere hält das Hexenkapitel bereit. Auch hier hält sich der Autor an ausgewiesene Forscher wie Wolfgang Behringer: »In Spanien war es gerade die institutionalisierte Inquisition, welche die Hexenverfolgung zunächst unter ihre Kontrolle brachte und 1526 praktisch beendete.« Auch für Angenendt klingt es unglaublich, »dass die Päpste und Inquisitoren des 17. Jahrhunderts keine Hexenprozesse, in dem Sinne, wie sie zur selben Zeit in Mitteleuropa Angst und Schrecken verbreiteten, durchführten«. Die Forschung des 19. Jahrhunderts suchte die Ursachen in der Frauenfeindlichkeit der scholastischen Dämonologie. Bei Arno Borst heißt es dagegen: »Nahezu alle frühen Hexenprozesse wurden nicht von Geistlichen und Intellektuellen veranstaltet, sondern von Politikern und Laien.«

Der Kirchenhistoriker rekonstruiert aber auch ganz im Stil der Mentalitätengeschichte, was in den Köpfen der Beteiligten vorgegangen sein mag, kurz, er wendet das klassische Gelehrtenverfahren an, das die Einzelfakten auf Kontexte und Ideen bezieht, die jeweiligen Forschungsstände erhebt und sie in einer knappen, klaren Darstellung zusammenfasst.

Die Toleranz kann Rassismus, Sklaverei und religiöse Gewalt nicht hinnehmen

Hinter dieser Art, Geschichte zu schreiben, steckt eine fast unglaubliche Arbeitsleistung. Auf 592 Seiten Text folgen 204 Seiten Literaturangaben und Fundstellen. Dabei greift Angenendt weit über die Grenzen der deutschen Forschungsliteratur hinaus. Vor allem beim Kapitel über den christlichen Antijudaismus und Antisemitismus werden Stimmen aus Israel und den Vereinigten Staaten vernehmbar, die sich um die besonderen Vorschriften der deutschen Political Correctness nicht zu kümmern brauchen. Mit ihnen im Rücken kann auch Angenendt Klartext reden. Das betrifft zum einen seinen Darstellungsstil, der einfach und schnörkellos ist, zum anderen auch die Deutlichkeit, mit der er ohne Rücksicht auf interkonfessionelle Empfindlichkeiten sowohl das Versagen des Protestantismus wie auch die falsch platzierten Wahrheitsansprüche der Päpste anspricht.

Passt! Das ist die lakonische Zusammenfassung des Gefühls, mit dem man das Buch zur Seite legt, in griffbereitem Abstand. Am Ende steht ein Paradox: Toleranz als eine Haltung, die sich in Regeln einer multikulturellen Weltgesellschaft niederschlagen soll, kann nicht alles zulassen. Sie wird intolerant gegenüber Rassismus und Sklaverei, auch religiös fundierter Gewalt. Angenendt fordert »intolerante« Absicherungen, »um sich der eigenen Gefährdung wie auch totalitärer Exklusivansprüche zu erwehren«.

Zum Thema Toleranz läuft in den Niederlanden seit dem 11. September und dem Mord an Theo van Gogh durch den radikalen Muslim Mohammed Bouyeri ein Großexperiment. Ian Buruma beschreibt es mit dem intelligenten Verfahren, die wichtigsten Stimmen im Drama der Mentalitäten und Überzeugungen nahezu im O-Ton am Problem entlang zu führen, ohne sich selbst auszusparen. Er verfügt über den doppelten Blick des Ausgewanderten, der für ein Jahr zurückgekehrt ist, um seinen alten Landsleuten das Fieber zu messen.

Er beschreibt, wie in der tonangebenden calvinistischen Tradition des Landes der Glaube, das neue Volk der göttlichen Erwählung zu sein, nach dem Säkularisierungsschub der sechziger Jahre durchaus an der eigenen Vortrefflichkeit festhielt. Die Niederlande waren die Leuchte des Westens, wenn es um Selbstbestimmungsrechte, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz ging. Buruma beschreibt die Riten, mit denen sich dieses Selbstbild immer neu bestätigen muss, so, dass der Verdacht aufkommt, Toleranz sei so etwas wie die neue Religion der »Aufgeklärten«.

Die Muslime wollen sich einfach nicht beleidigen lassen

Die Grundfiguration des Rituals ist der Tabubruch, der medial und mit der Erregtheit eines Freiheitshelden zu inszenieren ist, auch wenn es sich um Geschmacklosigkeiten handelt. Theo van Gogh war die Verkörperung dieser Religion. Toleranz hatte den Niederlanden über Jahrhunderte das friedliche Nebeneinander von Protestanten aller Observanz, Katholiken, Freimaurern und Juden erlaubt. Nun aber war plötzlich der Islam im Land, eine Religion, die sich nicht an die Spielregeln hielt. Die Muslime wollten sich einfach nicht beleidigen lassen. Man hatte sie vorbildlich empfangen, und nun spotteten sie über den »Subventionshahn«, mit dem sie alimentiert wurden. Es waren viele, in Amsterdam über 50 Prozent. Sie stellten den Koran über die Gesetze.

Nach dem Mord war die Stimmung umgeschlagen. In den Niederlanden wurde Arnold Angenendts Toleranzparadox Realität: null Toleranz gegenüber den Intoleranten. Pim Fortuyn, eine schillernde Figur, konnte die Stimmung einsammeln. Ein fanatischer Tierschützer brachte ihn um. Es roch nach dem »Kampf der Kulturen«. Vielleicht bringt Triebabfuhr im Fußballstadion Erleichterung? Wieder einmal den Weltkrieg gegen Deutschland gewinnen? Wenn Feyenoord Rotterdam gegen die »Juden« von Ajax Amsterdam spielt, hört Buruma im Fanblock von Rotterdam ein gespenstisches Zischen. Es soll das Gas bedeuten, das in die Kammern von Auschwitz strömt. Ein Land in Erregung. Burumas gut geschriebene Mischung aus Reportage und Reflexion schafft es, einen Therapievorschlag zu machen. Er zitiert den Bürgermeister von Amsterdam, der möchte, dass sich alle in einer Gesellschaft zu Hause fühlen, in der auch tief sitzende Widersprüche ausgehalten werden, wenn sich nur alle an die Gesetze halten. Der Nachteil des Rezepts: Der Autor hat zu viele Fallbeispiele gebracht, die zeigen, dass es nicht funktioniert.

Der Leser kann aus Burumas Grenzen der Toleranz eine Lehre ziehen, die wahrscheinlich nicht im Sinne des sympathischen Autors ist. Für eine Metareligion Toleranz gibt es weder eine Theorie noch eine funktionierende Praxis. Wenn »Aufklärung« nicht mehr sein soll als die Lizenz zum Tabubruch, sind wir noch keineswegs darüber aufgeklärt, warum wir überhaupt die Gesetze respektieren sollen. Bei Angenendt können wir dagegen lernen, dass es möglich ist, Aufklärung und Religion zusammenzudenken.

Der Autor leitet das Dezernat Bildung und Kultur des Bistums Limburg

Toleranz und GewaltSachbuchDas Christentum zwischen Bibel und SchwertArnold AngenendtBuchAschendorff2007Münster24,80797Die Grenzen der ToleranzSachbuchDer Mord an Theo van Gogh; aus dem Englischen von Wiebke MeierIan BurumaBuchHanser Verlag2007München19,90253
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