Spielen Lebengeschichte
Als er jung war, fragte ihn ein Fernsehjournalist, was er tun würde, wenn er eine Million auf dem Konto hätte. Die Antwort lautete: „Darüber mache ich mir keine Gedanken, die Million habe ich ja.“ Tatsächlich stammte er aus einer der reichsten Familien seines Landes. Den vorgezeichneten Weg als Fabrikerbe lehnte er indes ab und schuf stattdessen ein cineastisches Œuvre, das – so die Kritik – bis heute zu den vielfältigsten zählt. Mutig wechselte er Sujets und Genres, Figuren und Geschichten, Stil und Form. Er spüre es geradezu physisch, sagte er, dass er mit jedem weiteren Stoff wieder von vorn anfange, mit „demselben Enthusiasmus, denselben Ängsten“. So wirkt in der Tat beinahe jeder Film, als habe er das Kino wieder neu erfinden wollen, für die Zuschauer, mehr noch für sich selbst: „Was immer ich … gemacht habe, ist eine Reflexion meines Lebens.“
Die erste Kamera hielt er mit 14 in der Hand. Das Handwerk lernte er einige Jahre darauf aber nicht an der Hochschule, sondern ganz praktisch an der Seite eines bekannten Dokumentaristen. Zu diesem Genre sollte er auch später häufig zurückkehren, bekannter freilich machte ihn sein Erzählkino. Sein persönlichster Film, eine autobiografische Spurensuche, entstand dabei erst knapp zehn Jahre vor seinem Tod, auch wenn er ihn eigentlich am Anfang schon hatte drehen wollen, wie er verriet. Aber die Zeit sei nicht reif dafür gewesen.
Es ging dabei um Liebe, Versagen und den Verlust der Unschuld am Ende der Kindheit. Er selber habe sich als Kind nie gemocht, erzählte er: „Also habe ich so schnell wie möglich versucht, erwachsen zu werden.“ Nun, vierzig Jahre später, sei sein Blick zurück milder gestimmt: „Ich glaube, dass man Frieden mit sich machen muss… Ich war ja auch neugierig, abenteuerlustig. Ich habe gemerkt, dass man sich vorstellen muss, wie es war, ein Kind zu sein. Und als ich das konnte, konnte ich auch den Film machen.“ Am Ende der Produktion verfiel er in eine Depression, aus der es für ihn nur einen Ausweg gab: eine Komödie zu drehen.
Man kann das gut verstehen, wenn man weiß, wie dieses zentrale Werk endet. Da war einer in den Tod gegangen und ein anderer nicht, aber man wusste zugleich, dass das eine wie das andere ein realer Albtraum war. Vielleicht kann man erst vor diesem Hintergrund den Satz verstehen, den er in einem anderen Zusammenhang formuliert hat: „Überlebende sind gefährlich. Sie wissen, dass sie alles überstehen werden, egal was passiert.“ Das bezog sich auf einen noch späteren Film: eine Amour fou mit dunkler Tönung, die das Publikum spaltete. Die einen sahen darin eines seiner Meisterwerke, andere eine psychologisch nicht ganz nachvollziehbare Altherrenfantasie. Und doch, auch dieser Film hinterließ, wie fast jeder zuvor, ein Gefühl latenter Beunruhigung.
„Mich interessieren Gestalten, die sich im Zustand der Krise befinden und die im entscheidenden Moment mit einer brüsken Wendung etwas verändern, etwas zerbrechen oder zerstören“, sagte er. Und: „Das Absurde unseres Lebens, die Unordnung … berührt mich immer wieder.“ Das prägte auch sein privates Leben. Er war ein Pendler zwischen den Welten und Kontinenten, ein Solist in vielerlei Hinsicht. Dabei wurde er dreimal Vater – mit drei verschiedenen Frauen.
Wer war’s?
Frauke Döhring
Lösung aus Nr. 27:
„Ihr werdet euch noch alle wundern. Hier kommt noch mal eine Plakette ans Haus“, trotzte der Hamburger Wolfgang Borchert (1921–1947), als ihm die Anerkennung als Dichter versagt blieb. Der Zweite Weltkrieg machte aus dem idealistischen Rilke-Verehrer einen sinnsuchenden Nihilisten. In seinem Drama „Draußen vor der Tür“ erkannten sich aus der Bahn Geworfene vor allem in der Nachkriegszeit wieder. Er erkrankte im Krieg u. a. an Hepatitis und Diphtherie, und starb nach einer langen Odyssee durch Krankenhäuser in einem Baseler Spital
- Datum 04.07.2007 - 05:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr.28
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