Jugend "Ich bin ein Krisenkind"

Nora Fritzsche, 18, hat keine Lust auf Kiffen oder Chillen. Stattdessen kämpft sie sich durch Wirtschaftsplanspiele der Unternehmensberatung Boston Consulting und paukt für ein Einser-Abitur.

Meine Eltern halten mich für übergeschnappt. Seit Wochen haben sich meine Gedanken um Gewerbesteuern und Kredite, um Businesspläne und Geschäftsideen gedreht. An meinen freien Nachmittagen hatte ich Dates mit Steuerberatern und präsentierte meine Ergebnisse Mitarbeitern der Deutschen Bank. Ich bin Schülerin, 18 Jahre alt. Der Grund für meinen eigenartigen Terminkalender: Ich hatte mich bei einem Wirtschaftsplanspiel von Boston Consulting, der Unternehmensberatung, angemeldet – um zu gewinnen.

Schülerinnen anderer Generationen haben Tee getrunken, Gitarre gespielt und endlos diskutiert. Ich habe die Chemiefirma Bayer genauer untersucht. Für dieses Planspiel habe ich ihren Umsatz, ihre Konkurrenz und ihre Zukunftsfähigkeit überprüft. Meine Teammitglieder und ich sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Bayer von seiner Pflanzenschutzsparte trennen sollte. Nicht, weil wir etwas gegen Umweltgifte hätten. Sondern weil diese Sparte einfach nichts einbringt.

Die Treffen wegen des Wirtschaftsspiels sind nicht alles: Ich jobbe außerdem beim Radio und bin Stufensprecherin im Schülerrat. Die Schule nehme ich natürlich auch sehr ernst. Früher hieß es: Du musst begreifen, dass der Ernst des Lebens begonnen hat. Mir muss das keiner mehr sagen. Ich weiß, dass meine guten Noten nicht mehr ausreichen werden, damit ich einmal den Job bekomme, den ich mir wünsche. Ich weiß, dass mich selbst ein sehr gutes Abitur nicht weit tragen wird. Ich habe mich nach Stipendien von politischen Stiftungen erkundigt, und ich habe erfahren, dass ich das Porto für den Bewerbungsbrief verschwende, wenn mein Abitur schlechter ist als 1,3. Zurzeit stehe ich bei 1,2. Ich rechne das aus, nach jeder wichtigen Klausur.

Im Grunde will ich in drei Dingen gut sein: in der Schule, in meinen Nebenjobs und außerdem in dem, was Arbeitgeber Soft Skills, weiche Fähigkeiten, nennen. Darum lerne ich Sprachen, leite eine Mädchengruppe in meiner evangelischen Gemeinde und habe acht Monate in Irland verbracht. Dort habe ich auch angefangen, Rugby zu spielen. Auch wenn es bloß ein Sport ist, ein Hobby, will ich so gut wie möglich sein.

Rugby ist ein gutes Beispiel. Ich spiele Rugby nicht, weil ich glaube, dadurch etwas für meine Durchsetzungskraft zu tun. Ich mag diesen Sport, er fordert mich heraus. Yoga wäre nichts für mich. Das würde mich schrecklich langweilen, genauso wie Frisbee im Park nichts für mich wäre oder Gitarrespielen am Lagerfeuer. Bei allem, was ich neben der Schule bereits für meine Karriere mache, habe ich großen Spaß. Gut, es stimmt: Das Boston-Consulting-Spiel ist mir an manchen Tagen auf die Nerven gegangen, Themen wie die Einkommensteuer bringen meine Hormone wirklich nicht in Wallung. Aber ist das nicht immer so: dass man sich auch einmal zu etwas überwinden muss, um letztlich zufrieden zu sein?

Meine Eltern – mein Vater ist Lehrer, meine Mutter arbeitet in einem Leasing-Unternehmen – witzeln manchmal über meinen Ehrgeiz. Sie sagen: „Ach, du lernst mal wieder?“, und tun dabei überrascht. Meine Mutter schlägt mir vor, ich solle doch ab und an auch mal „chillen“. Früher hatten Schüler Ärger mit ihren Eltern, weil sie zu wenig für die Schule machten. Ich habe Ärger, weil ich zu viel mache. 40-Jährige belächeln mich. Sie schlagen mir vor, ich solle lieber mal rebellieren oder wenigstens kiffen.

Wäre ich heute schon 40, hätte ich einen festen Job und eine wenigstens halbwegs akzeptable Rente in Aussicht, würde ich vielleicht auch über diese seltsame, karrierebewusste Jugend lächeln. Aber ich bin erst 18. Ich habe alles noch vor mir. Das Einzige, was sicher zu sein scheint, ist, dass meine Zukunft nicht sicher ist. Ich versuche, sie ein klein wenig sicherer zu machen. Nennt es von mir aus naiv. Kann auch sein, dass es nicht klappt. Aber ich habe es dann wenigstens versucht.

Als die New Economy zusammenbrach, war ich elf. Am 11. September 2001 war ich 12. Seitdem ich mitbekomme, was draußen in der Welt los ist, herrscht dort Krise. Ich bin ein Krisenkind. Nicht alle meine Freunde sind so ehrgeizig wie ich, aber ich habe das Gefühl, dass es immer mehr werden. Zum Wirtschaftsspiel haben sich 25 Schüler aus meiner Klassenstufe angemeldet. Auf die Krise gibt es zwei Reaktionen der Jugend: Entweder sie resigniert und wird vielleicht sogar gewalttätig – oder sie strengt sich noch mehr an.

Ich habe mich fürs Anstrengen entschieden. Ich kann nicht chillen. Den Gedanken, unproduktiv zu sein, finde ich furchtbar. Jeder versteht sofort, dass man im Sport gewinnen will. Ich freue mich auch über gute Noten. Ich weiß dann, dass die Stunden, in denen ich gelernt habe, nicht umsonst waren. Ja, ich gestehe: Ich will gerne gewinnen, nicht nur im Sport. Ich will Erfolg. Ist das denn schlimm? Ist Konkurrenz immer böse? Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich später einen Job will?

Oder könnte es sein, dass ich damit sogar der Allgemeinheit helfe? Mir würde es schwerfallen, ein Studienfach zu wählen, nur weil es mir „gefällt“. Oder „meinen Neigungen entspricht“. Ich fände es egoistisch, nur daran zu denken. Wenn ich mehrere Dinge gleich gut kann, dann muss ich doch zumindest einmal daran denken, mit welcher Berufswahl ich eher nicht arbeitslos werde. Theaterwissenschaften würden mir „gefallen“, ich gehe gerne ins Theater. Aber auch Jura stelle ich mir interessant vor, dieses analytische Denken, das ist ein bisschen wie Mathe – und Mathe liegt mir.

Jura wäre auch eine gute Grundlage für eine Karriere in der Politik. Da möchte ich hin, nicht nur, weil es dort interessante Führungspositionen gibt, sondern auch, weil ich so in der Gesellschaft etwas verändern könnte. Es ist also doch logisch, dass ich mich für Jura entscheide. Anpassung ist das für mich nicht. Anpassung wäre, wenn ich Wirtschaftsinformatik studieren würde, weil das die meisten Chancen hat, ohne dass ich mich für Computer interessiere.

Das Wirtschaftsplanspiel haben wir übrigens nicht gewonnen. Wir sind schon in der ersten Runde ausgeschieden. Was soll’s. Vielleicht lerne ich dadurch, wie es ist zu verlieren. Vielleicht macht mich das sogar zu einem sozialeren Wesen, als wenn ich mit der Gitarre im Park sitzen würde.

Nora Fritzsche ist 18 Jahre alt und lebt in Köln

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ich solche Artikel lese, dann verspüre ich tatsächlich Angst um die nachfolgenden Generationen. Leistung, nur nicht versagen - in der Schule, an der Uni oder im Job. Wer sich in dem Alter schon so unter Druck setzt, wird einige Jahre später sicherlich erfolgreich sein - aber glücklich, ich weiß nicht! Etwas leisten im Leben, natürlich, aber doch bitte nicht so, das kann doch nicht gesund sein.

  2. Liebe Nora,
    ich würde dir, und jedem der ähnlich denkt, gerne etwas erzählen, und ich liege wahrscheinlich nicht falsch, wenn ich annehme, dass du schon sehr auf Reaktionen zu deinem Artikel wartest. Denn auch ich kenne dieses Gefühl, sich immer wieder gerne bestätigt zu fühlen, wenn man sich für eine Sache angestrengt hat. Auch ich kenne das Gefühl, sich immer wieder in neue Arbeit zu stürzen. Und auch ich habe mal hirnverbrannt herumgerechnet, welche Note ich denn in der und der Klausur schreiben müsse, damit es am Ende noch eine 1,0 wird. Was man davon hat: Stress und am Ende klappt es doch nie so wie man es sich gedacht hat. Aber mit einer 1,4 bin ich dennoch zufrieden abgegangen, studiere seit einem Jahr Mathe und Physik (übrigens beide zulassungsfrei) und bin dabei noch nicht ganz 19 – habe also laut Marktforschung Zukunft.

    Doch als “ehrgeiziges Krisenkind” habe ich mich in meinem Leben nicht gefühlt. Eher wie ein von der Neugier getriebener. Gerade wer weiß, dass er etwas leisten kann, wenn er will, sollte hin und wieder einmal innhalten und sich fragen: “WARUM tue ich das?” Wenn man sich diese Frage nur mit: “Ich tue es letztendlich für einen guten Job” beantworten kann, so hat man irgend etwas falsch gemacht. Wenn der erste Gedanke vieler Leute bei einem Engagement ist: “Das macht sich bestimmt gut auf einem Lebenslauf”, dann zieht sich mein Herz zusammen. Warum? Ich möchte ungern mit 40 Jahren auf dem Chefsessel eines multinationalen Konzerns aus einem langen Tagtraum erwachen, zurückblicken und mir dann denken: Eigentlich wüsste ich schon ganz gerne, wie das sich anfühlt: Kiffen... Oder: Wieviele komplexe Dinge wirst du nie mehr verstehen können, weil dein Geist schon zu alt dafür ist...Oder: Mit wievielen Menschen hast du es dir verderben müssen, wie oft hast du lügen müssen, um so weit zu kommen.. Am allerschlimmsten wäre für mich aber der Gedanke: Warum hast du in deinem Leben bloß so wenig gefeiert und so viel Mühsal gehabt. Seine Jugend hat man nur einmal. Wer sie allein in sportlicher Konkurrenz um den schnöden Mammon wegschmeißt, ist selbst schuld!

    PS: Für ein Stipendium einer politischen Stiftung reicht auch eine 2,0

  3. mensch mädchen, was führst du für ein Leben??
    Es kann doch wirklich nicht alles sein, die gesamte Zeit nur zu arbeiten und zu arbeiten und sein gesamtes Leben danach auszurichten PERFEKT zu sein!
    meinst du, nur einen guten Job zu haben, macht dich glücklich? Meinst du, dein job und dein Arbeitsleben wird dir Liebe geben, wird dich zum lachen bringen und dich in den Arm nehmen wenn du mal traurig bist? Möchtest du nicht eine Familie haben, nette Freunde und schöne Erlebnisse haben? Und deinen Kindern mal erzählen können, was du früher für einen "scheiss" gemacht hast, wie du die Nächte durchgefeiert hast?
    Das gehört doch alles zum Leben dazu! Willst du das für eine 0,1 auf der Abinote besser und (vielleicht) ein bisschen mehr Geld auf dem Konto aufgeben?

  4. Hey Nora,

    Ich bin 18, habe ein ähnlichen Abi-Schnitt im Blick, war 10 Monate in den USA, nehme in meiner Freizeit an Wettbewerben teil, engagiere mich in der Kirche und versuche immer das mir Bestmögliche zu erreichen, egal ob beim Sport, beim Theater, in der Musik oder sonst wo. SV mach ich übrigens auch.
    Man sollte annehmen, dass ich mich mit deinem Essay prächtig identifizieren würde.
    Es gibt da aber aus meiner Sicht zwei Kritikpunkte:
    1) Deine Mentalität
    Du investierst deine Zeit jetzt, wie du selber sagst, in deine Karriere und wärst gelassener, wenn du auf eine "halbwegs akzeptable Rente" bauen könntest.
    Gute Noten, gute Soft Skills usw., dann guter Job, dann gute Rente und dann? Wenn du deine dicke Rente kassierst, fängst du dann an, auf deine Beerdigung zu sparen? Wie schon dein T-Shirt wissen will: For what?
    Drastischer forumliert: Das Leben ist vergänglich. Die Zukunft eines Jeden ist der Tod. Nur in der Gegenwart ist das Existieren möglich. Man sollte nicht die Gegenwart der Zukunft opfern (Gegenteil ist natürlich auch schlecht) Du hörst dich so an, als ob du verlernt hättest, einfach mal inne zu halten und an den Blumen am Wegesrand zu riechen, einfach mal zu "chillen".

    Wenn du neben mir stündest (ich hätte übrigens Lust dich kennenzulernen), würdest du vielleicht einwenden, dass du bei alldem "großen Spaß" hast, dass es dich befriedigt "zu gewinnen". Dem nach würdest du in deine Zukunft investieren, während du die Gegenwart genießt.
    Wenn das so ist, dann wundere ich aber, warum der Gegenwart, also Spaß bei dem, was du tust, nur einige wenige Zeilen einräumst.
    Die meiste Zeit sinnierst du über die, deiner Meinung nach, unsichere Zukunft und deine Art dieser zu begegnen. Dabei beschränkst du dich ausschließlich auf einen ökonomischen Standpunkt. Sind kulturelle Konflikte und ökologische Horrorszenarien kein Zukunftsthema für dich? Egal.
    Wenn kleine Kinder unmüdlich "Warum?" fragen, entgegnen die meisten Menschen irgedwann: "Weil es mich glücklich macht" oder "Zum Leben".
    Glück und Leben sind Selbstzweck. Erfolg ist für mich nur Mittel zum Zweck. Ich glaube, das unterscheidet uns.
    Alles, was ich tue: Wettbewerbe, gute schulische Leistungen, SV, Praktika, ehrenamtliche Tätigkeiten, praktiziere ich nur so lange, wie sie mir Spaß machen. So lange sie mich glücklich machen.
    Erfolg ist auch eine Säule meines Glücks, aber nur eine von vielen.
    Wie man in der Zeit nachlesen kann, lässt sich ab einer gewissen Grenze kein Zusammenhang zwischen Geld und Glück konstatieren. Wenn du erfolgreich sein willst, um einen guten Job, um ein gutes Gehalt zu bekommen, ist das wohl nicht das Patentrezept für Glück.
    Ich vermute ja, dass es bei deinen Anstregungen weniger, um deinen Job geht, als um Freude am Erfolg. Weil es dich glücklich macht, Erfolg zu haben. Wenn ich damit richtig liege, frage ich mich allerdings, warum du es dann nicht so sagst, sondern so tust, als seine unsere Zukunft ein Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit.

    Du sagst, man müsse man sich überwinden müsse, um letztlich zufrieden zu sein. Gleichzeitig zeugt dein Artikel von Perfektionismus und Ehrgeiz (hab' ich übrigens auch). Ist Ehrgeiz nicht per Definition Unzufriedenheit? Ich glaube, Leute wie wir, wenn ich hier mal so für dich sprechen darf, können nur in dem Prozess glücklich werden, immer weiterzukommen oder wie du es nennst "produktiv" zu sein. Wahrscheinlich wird es die "letztliche" Zufriedenheit nicht geben, sondern nur die kurzzeitige, oder? Was meinst du?

    2) Deine Argumentation
    Zumindest aus joblicher Sicht ist deine Argumentation, na ja ich würde schon fast sagen, Schwachsinn. Ein Blick auf die Alterspyramide genügt, um festzustellen, dass es in einigen Jahre (wenn die Baby-Boomer das Rentenalter erreichen) eine chronische Unterbeschäftigung geben wird. Wir können eher mit Einstellungspremien rechnen als mit Arbeitslosengeld.
    Du behauptest, immer mehr Schüler würde ihr Leben derart erfolgsorientiert gestahlten.
    Wenn ich vergleiche, wie viele unserer Altersgenossen feiern gehen, sich die Plautze vollsaufen, sich vor dem Fernseher berieseln lassen und ähnliches, komme ich unweigerlich zu dem Schluss, dass sich deine Spezies in der Minderheit befindet.
    Aber ist doch schön so kannst du die Elite von Morgen sein. Vielleicht bin ich dann ja auch dabei?
    Letzte Kritik für heute:
    Du unternimmst eine Gegenüberstellung, die so undifferenziert sind, dass ich sie schon fast als "falsch" bezeichnen möchte.
    Die einzige Alternative zum "noch mehr Anstrengen" ist für dich die Resignation. Vielleicht sind das für dich die einzigen beiden Optionen, aber weniger ehrgeizige Menschen könnten auch einfach zufrieden sein, bescheiden. Ich finde bloß, du überträgst deine Weltanschauung auf "die Jugend" und bevormundest diese gewissermaßen.
    Was sollen eigentlich diese suggestiven Fragen? "Ich will Erfolg. Ist denn das so schlimm." Nein, hat auch niemand behauptet. Wer will kein Erfolg? Es geht darum ob du nichts anderes willst... "Ist Konkurrenz immer böse?" Natürlich ist Konkurrenz nicht immer böse. Aber was ist schon immer "böse". (Was ist eigentlich deine moralisches Gerüst, das dir erlaubt zwischen gut und böse zu unterscheiden??) Selbst Töten ist meiner Meinung nach nicht immer, nicht in jeder Situation "böse". "Bin ich ein schlechterer Mensch, weil ich später einen Job will?" Wer will keinen Job? Ist überhaupt irgendjemand ein schlechterer Mensch als irgendjemand sonst? "Wir sind doch alles Menschen. Einer wie der andere. (Kafka)"
    Es geht doch gar nicht um Job oder nicht Job, um Schwarz oder Weiß. Diskutieren deine Eltern nicht über die Grautöne? Es geht darum, welchen Stellenwert der Job in deinem Leben und deinem Kopf einnimmt.
    ok ich muss jetzt zum Theater. Wenn ich dich ankotze schreib mir nicht, ansonsten. J.jegminat@gmx.de

    • KrizzT
    • 07.07.2007 um 13:05 Uhr

    Ich denke mir, Du solltest Dir die allgemeine Kritik hier nicht allzusehr zu Herzen nehmen. Denn Menschen wie Dich, die die Dinge auf der Welt ein bißchen ernster und die Verpflichtungen des Lebens nicht ganz so leicht nehmen, die muß es schließlich auch geben. Und Dir die Messlatte in allem etwas höher zu legen und nach höheren Idealen zu streben, das ist Dein gottgegebenes Recht.
    Und deshalb sei von meiner Seite aus nur eine kleine Lebensweisheit gestattet:
    Es gibt im Leben die übergeordneten Dinge, nach denen wir Menschen uns richten und an denen wir uns verbessern können und es gibt das sogenannte Bauchgefühl. Beides in guten Portionen zu sich genommen kann einen Menschen annähernd vervollständigen.
    Das Problem mit dem Übergeordneten ist, daß nicht jede Regel, jedes Ideal, jede Erziehungsmaßnahme für jeden Menschen gleich gut ist.
    Das Problem mit dem Bauch ist, daß er einem viele Dinge vorschlägt, die eben diesem Übergeordneten widersprechen. Weil sie nur für einen selbst, nicht aber für alle das richtige sind.
    Beides ist gut und richtig. Aber nur in gesunden Dosen.
    Überfriß Dich nicht am Übergeordneten, Nora. Dein Bauch brauch ab und an ein wenig "Dreck", schon, um sich zu reinigen.
    Darüberhinaus: vielen Dank für Deinen Artikel.

  5. Liebe Nora,

    ich denke Du befindest Dich schon auf ganz gutem Weg ein glücklicher Mensch zu werden. Jedoch gibt es eine Sache an Deinem Weltbild, die so wohl ein bißchen kurz gedacht ist.
    Du investierst Deine gesamte kostbare Zeit (und das ist wohl die einzige begrenzte Ressource die Du bei Deinem Ehrgeiz und unserer Bevölkerungsentwicklung langfristig haben wirst) in das Lösen der folgenden Frage: "Mache ich die Dinge (für meine Karriere) richtig?". Leider sehr oberflächlich befasst Du Dich dagegen mit der Frage "Mache ich die richtigen Dinge (Ist eine Karriere alles)?". Wie schon Deine Altersgenossin in einem anderen Kommentar geschrieben hat, solltest Du Dir erst ausführlich darüber Gedanken machen, was die (letzten) Ziele in Deinem Leben sind, bevor Du Dich mit der deren Erreichung beschäftigst. DAFÜR solltest Du Deine Jugend verschwenden (ein wenig spät nachts im Freundeskreis philosphieren bewirkt Wunder). Soll die Welt nach Dir besser sein als vorher? Was ist das richtige Verhältnis von Selbstlosigkeit und Egoismus? Hättest Du manchmal nicht lieber etwas anderes gemacht als Deine Karriere vorbereitet? An Deinem Lebensende gefragt, würdest Du Dich nochmal für das gleiche Leben entscheiden?
    Ich hoffe, ich konnte ein paar Anregungen liefern.

    "War das - das Leben?" will ich zum Tode sprechen. "Wohlan! Noch einmal!"

  6. das äußert sich bei jedem wohl etwas anders, und sicher macht sich die eigentliche Krise nicht nur an einem evtl. schlechteren Arbeitsplatz in einem Wohlfahrtsstaat fest.
    Auch ich und meine Generation könnte sich sehr wohl als Krisenkind ansehen - damals, 1960, war der Kalte Krieg, und in der Kubakrise war die kriegerische Vernichtung der gesamten Menschheit ja sogar eine ganz reale Möglichkeit. Spätestens seit dieser Zeit sind eigentlich alle Menschen Krisenkinder, auch wenn manche dies nicht zu merken scheinen.
    Meine Oma z.B. wurde in den Vorabend des Ersten Weltkriegs geboren und hat unter dem Zweiten und dem Kalten doch erheblich gelitten, schon sie lebte, wenn man so will, permanent in einer Krisen- bzw. Kriegssituation - was man im alltäglichen Leben natürlich schon damals oft auch ausblenden musste. Man sollte sich hier deshalb aber nicht die Sicht vernebeln und vernebeln lassen, sondern schon genau hinschauen!

    Es kann hilfreich sein, m.E. ist dies sogar erforderlich, sich auch philosophisch mit diesen Fragen sehr intensiv auseinanderzusetzen - und sich nicht durch blindes Funktionieren und Arbeit davor zu drücken.
    Nehmen wir mal an, wir würden, wie uns von einigen unserer Vorgänger ja auch in der Bibel vorhergesagt, in der Endzeit-Phase leben, dann ist es eigentlich relativ egal, ob man nun selbst ausstirbt, oder erst das eigene Kind - und das vielleicht in einem Krieg, einem
    "Auslandseinsatz", oder durch eine Zivilverbrechen. Es ist schon erstaunlich, wie lange es die Endzeit-Vision schon gibt - solange zumindest, wie die Menschen in der Hochzivilisation sind. Gleichwohl bedarf es, so scheint es mir, durchaus und gerade heute diverser intensiver Bemühungen, die Apokalypse zu verhindern und sei es dadurch, dass es zum friedlich-wohlorganisierten Aussterben kommt. Der Kampf um das irdische eigene "ewige" Glück, der scheint wohl doch vergeblich zu sein, "wir" müssen uns wohl, zunehmend, mit dem kleinen, kurzzeitigen und relativen, Glück, nach der Devise: "'S 'is alles nochmal jutjejange" bescheiden.

    Wie heißt es am Ende eines aktuellen Songs von Herbert Grönemeyer, fragend und feststellend? "Warum sind wir so freundlich nicht wirklich?"

    Ergänzend zur Kuba-Krise und dem Kalten Krieg, der ja immer noch durch die Köpfe führender Weltpolitiker geistert, ein soeben gefundenes Zitat aus einem Interview mit dem ehemaligen US-Außen-Politiker Fred Ikle in der aktuellen (Schweizer) "Weltwoche":
    "Hatten Sie persönlich je das Gefühl, dass es zu einem Nuklearkrieg kommen könnte?"

    Antwort: "In meiner Arbeit beim Rand-Think-Tank beschäftigte ich mich speziell mit der Frage, ob ein Nuklearangriff durch ein Versehen ausgelöst werden könnte. Während der kubanischen Raketenkrise von 1962 war man nahe daran, und es gab auch noch einige andere Zwischenfälle, wo die Möglichkeit eines solchen versehentlichen Nuklearangriffs sich eröffnete. Ein durch einen Zufall ausgelöster Nuklearbombenangriff ist selbst heute noch ein Problem. Dieses wird allerdings wenig beachtet. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Nuklearwaffen nicht gebraucht werden, dass sie seit 1945, also seit 62 Jahren, nicht mehr eingesetzt worden sind. Wenn es je dazu kommen sollte, dann wird sich die Welt am Morgen danach radikal verändern."

    Das kann man wohl sagen...

    • Anonym
    • 08.07.2007 um 16:02 Uhr
    8. Hm

    Ich kann nach der Panikmache die letzten Jahre durchaus Sorgen verstehen. Jedoch finde ich es traurig das die Elterngeneration der heutigen Jugendlichen es scheinbar nicht geschafft hat den Kindern beizubringen es im Leben NICHT NUR auf beruflichen Erfolg ankommt und die Selbsterfüllung für ein glückliches Leben nicht im Beruf liegt/liegen kann/liegen sollte. Es ist toll wenn das dazukommt.

    Sachlich gesehen ist Pessimismus nicht angesagt. Allein schon der demographische Wandel wird sehr bald einen großen Arbeitskräftemangel (nicht mehr nur Fachkräftemangel) bescheren, so das sich die Wirtschaft wieder um die Köpfe reißen (muß). Spätestens wenn die Baby-Boomer in wenigen Jahren in Rente gehen und die z.B. jetzigen Abiturienten ihr Studium abgeschlossen haben.
    Allerdings wird das leider nicht für ungelernte Hauptschüler gelten. Im gegensatz zu früher können die ganz einfachen Arbeiten nämlich heutzutage Weltweit erledigt/eingekauft werden so das man sich hier etwas überlegen muß. Nur die Hauptschule abschaffen ist lediglich Kosmetik. Das Leistungsvermögen steigt deswegen ja nicht, nicht jeder der auf der Hauptschule ist gehört da hin aber viele eben doch - nicht jeder ist gleich gesegnet mit geistigen Fähigkeiten. Hier muß wohl doch ein öffentlicher Beschäftigungssektor her, der den Leuten nicht das Gefühl gibt auf Almosen angewiesen zu sein. Pflegehilfe im Krankenhaus, Servicekraft in Zügen, .. es gibt viele tätigkeiten die man anlernen kann, die aber für die freie Wirtschaft zu teuer geworden sind und darum rationalisiert wurden. Anstatt die Leute daheim vergammeln zu lassen, was auch Geld kostet, also lieber solche Arbeitsplätze schaffen. Man gibt den Leuten damit anerkennung und der Gesellschaft einen Mehrwert.
    Das soll nicht heißen Generell sozialismus oder so, aber für die Problemgruppen.. dann muß man aber auch aufhören öffentlich geförderte Beschäftigung als fälschung von Arbeitslosenzahlen oder reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu diffamieren. Wenn 18 Leute ein Blumenbeet harken, täglich, dann wäre es das. Aber für z.b. alte Menschen Einkäufe zu erledigen, oder Jugendliche im Fußball zu trainieren ist nicht bloß ABM - das hat großen (Gesellschaftlichen) Wert!

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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  • Schlagworte Lebensstil | Karriere
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