Sympathisch und gewaltbereit
London
Hassan Bashir (Name geändert) sieht nicht aus wie ein Selbstmordattentäter. Der 22-jährige pakistanische Brite ist eher schüchtern und ausgesprochen sympathisch. Aber wie soll auch jemand aussehen, der einst bereit war, sich einen Sprengstoffgürtel umzulegen und eine voll besetzte U-Bahn in die Luft zu jagen?
Selbstmordattentätern steht ihr Wille zum massenhaften Mord nicht auf die Stirn geschrieben. Die Attentäter vom 11. September wurden weitgehend als zurückhaltende, angenehme Menschen beschrieben. Und auch jene vier Bombenleger, die vor zwei Jahren in London 52 Menschen mit in den Tod rissen und 700 verletzten, schienen ganz normale britische Muslime zu sein. Sie arbeiteten, einer hatte eine kleine Tochter, ein anderer hinterließ eine schwangere Frau. Und trotzdem: Binnen kurzer Zeit wurden aus unbescholtenen Gläubigen hasserfüllte Soldaten des Dschihad.
Hassan Bashir hat einst eine ähnliche Wandlung erlebt. » Sympathisch war ich wohl immer«, sagt er und lächelt kurz. » Aber damals, vor zwei Jahren, war ich besessen von der Idee, dass alle Muslime Opfer eines imperialen Feldzuges des Westens gegen die islamische Welt waren.
Dagegen wollte ich etwas tun auch mit Gewalt.« War er also tatsächlich bereit, im Alter von 20 Jahren den Märtyrertod zu sterben?
»Es fehlte nicht viel«, sagt er heute.
Erst gesellige Partys, dann Hass-Videos
Großbritannien hat ein Problem. Nirgends in Europa leben so viele gleichgesinnte Männer wie Hassan Bashir: junge britische Muslime der dritten oder vierten Generation, die sich voller Verachtung gegen die Gesellschaft richten, die sie aufgenommen hat und in der sie groß geworden sind. Britanniens Muslime haben sich in einer unübersichtlichen Anzahl von Institutionen, Verbänden und Parteien organisiert. Einige davon rufen unverhohlen zur Gründung eines islamischen Gottesstaates im Westen aus. Gewalt lehnen sie, wenn überhaupt, nur halbherzig ab. Gruppen wie Hisb ut-Tahrir, al-Muhajiroun, Tablighi Jamaat oder die Muslimbruderschaft haben ein stilles Reservoir an möglichen Selbstmordattentätern geschaffen.
Hochrangige Beamte von Scottland Yard warnten diese Woche davor, dass die Polizei mit Hunderten potenziellen Terroristen in Großbritannien rechne. Davon seien etwa 250 Personen entschlossen, Anschläge in Großbritannien auszuführen. Auch 750 weitere Personen seien gefährlich, selbst wenn sie ein etwas geringeres Risiko darstellten - hinzu kämen etwa 1000 weitere Al-Qaida-Sympathisanten. Viele von ihnen wurden durch Trainingscamps in Pakistan geschleust.
Schon im vergangenen November warnte Eliza Manningham-Buller, die damalige Chefin des Geheimdienstes MI5: »Meine Offiziere und die Polizei bekämpfen rund 200 Vereinigungen oder Netzwerke.« Für unruhige Zeiten sprechen auch einige weitere Erkenntnisse: 37 Prozent aller 16- bis 24-jährigen britischen Muslime würden in Großbritannien lieber unter den islamischen Gesetzen der Scharia leben. Und 13 Prozent »bewundern Organisationen wie al-Qaida, die bereit sind, den Westen zu bekämpfen«. Das sagt eine Studie des Londoner Policy Exchange, der Anfang des Jahres die Stimmung unter britischen Muslimen gemessen hat.
Dass die Welt es seit dem 11. September 2001 mit einer neuen Form des globalen Terrors zu tun hat, ist nichts Neues. Aber Großbritannien ist in diesem weltweiten Netzwerk eine wichtige Schaltzentrale geworden.
Das, warnt Eliza Manningham-Buller, berühre ebenso Spanien, Frankreich und Deutschland.
In den steilen Straßen von Beeston stehen die Backsteinhäuschen dicht aufgereiht wie Dominosteine, als wollten sie augenblicklich über die grünen Hügel von West Yorkshire purzeln. Die Landschaft ist reizvoll, Beeston dagegen deprimierend. In diesem Vorort von Leeds leben fast nur Familien, die, auf der Suche nach Arbeit, vor langer Zeit aus Pakistan und Bangladesch eingewandert sind. Damals, in den fünfziger und sechziger Jahren, fand man in dieser Gegend auch noch einen Job.
Hier wurde Wolle gewaschen, gesponnen und exportiert. Heute gehört dieser Teil von West Yorkshire zu den ärmsten Landstrichen Englands.
Hier wuchs Hassan Bashir auf. Gemeinsam mit seinen Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüdern teilte er sich eine kleine Wohnung. Nachts klappten die ältesten Söhne ihre Betten im Wohnzimmer auf. Hassans Eltern waren Anfang der siebziger Jahre aus einem Dorf in den Bergen nördlich von Karatschi eingewandert. Doch auch nach 35 Jahren sei sein Vater noch nicht in England angekommen, sagt Bashir. » Er lebt noch immer in Pakistan.« Die Kinder wuchsen nach den Regeln eines streng islamischen Haushalts auf. Sie sollten der entwurzelten Familie in der Fremde Halt geben. Doch in der Schule und beim Fußballspielen lernte Hassan ein völlig fremdes Leben kennen, das anderen Regeln folgte. Aus Hassan wurde ein Junge, der Rapmusik hörte, sich für Mädchen interessierte und unbedingt adidas-Turnschuhe haben wollte. Daheim aber war dies verpönt. So fühlte sich der Junge stets zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen. Mit 17 musste er sich entscheiden. Sein Vater reiste mit ihm nach Pakistan, um ihm eine Frau zu suchen. » Da habe ich rebelliert«, sagt Hassan. Die Entscheidung war ihm nicht leicht gefallen, »aber ich wollte weiter zur Schule gehen und dann zur Uni. Und deswegen musste ich stur bleiben.«
Bald jedoch zweifelte er, ob es richtig war, sich dem Vater zu widersetzen. Als er es schließlich in die Universität schaffte, war er von der »britischen Lebensalternative« längst nicht mehr überzeugt.
Gerade auf Muslime wirkt Großbritannien in mancher Hinsicht wie ein ungehobeltes Land. Fast nirgendwo sonst wird so viel gesoffen und geprügelt, der Drogenkonsum ist traurige Spitze in Europa, die Scheidungsrate erreicht immer neue Rekorde, genauso wie Schwangerschaften unter Teenagern. Die Journalistin Melanie Phillips beschreibt die Gesellschaft als eine »postchristliche«, in der die traditionelle Moral systematisch unterminiert und durch eine »Alles-ist-erlaubt-Kultur« ersetzt werde. Hassan Bashir sieht das genauso. Er zog sich zurück und fand schließlich Anschluss aneine Gruppe älterer muslimischer Studenten. Es begann mit Freitagsgebeten, geselligen Abenden und Diskussionen über Pakistan, den Irakkrieg und das Unrecht an den Palästinensern. Bald aber änderte sich der Ton der Unterhaltungen. Aus Kritik am Westen wurde Hass. Die Studenten schauten sich nun gemeinsam Videofilme an, die alle demselben Muster folgten. » Sie zeigten die Muslime immer als Opfer, getötet von westlichen Kampfbombern«, erinnert sich Hassan.
Alsbald befand sich der junge Student inmitten einer neuen Gedankenwelt. Einer Welt, die in Schwarz und Weiß zerfiel. Aus dieser Welt führte nur ein Weg: die Errichtung eines Gottesstaates, egal, mit welchen Mitteln. » Gewalt«, sagt Hassan, »schien uns ein legitimes Mittel zu sein.«
Hassans Geschichte ist keine Ausnahme allerdings nahm sie ein gutes Ende, weil er der Gewalt und dem Hass in letzter Minute abgeschworen hat. In den vergangenen Jahren haben sich britische Universitäten zu einem Rekrutierungsort für extremistische Islamisten entwickelt.
Anthony Glees, Direktor des Brunel Centre for Intelligence and Security Studies (BCISS) an der Brunel University, belegt mit einer Untersuchung extremistische und terroristische Aktivitäten an 21 britischen Unis. 15 Studenten haben sich seit 2001 dem Dschihad angeschlossen und getötet oder es zumindest versucht. Das ist angesichts von insgesamt 895000 Studenten zwar nur eine sehr kleine Zahl. Aber immerhin.
Beim Freitagsgebet in der alten Moschee hat es »Klick« gemacht
Glees sitzt in einem entlegenen Winkel der Universität, sein Zimmer ist nicht leicht zu finden, am Empfang kennt ihn keiner. » Das ist gut so«, sagt er und schmunzelt. » Ich halte mich lieber bedeckt.« Diese Vorsicht schuldet er nicht zuletzt seinem neuesten Forschungsthema: »Die subversiven Operationen militanter Islamisten an britischen Universitäten«. In den vergangenen Monaten suchten ihn viele Leute aus den Geheimdiensten auf. » Je unsichtbarer ich bin«, sagt er, »desto besser.«
Doch nicht nur die Universitäten sind Sammlungsorte für Extremisten.
»Auf gewaltbereite Islamisten stoßen entfremdete junge Muslime ebenso an Schulen, in Moscheen und immer öfter auch in Gefängnissen«, sagt Ehsan Masood, der Direktor des Gateway Trust, einer Stiftung, die sich für den kulturellen Austausch zwischen der islamischen Welt und dem Westen einsetzt. » Eine radikale Auslegung des Korans ist eine bequeme Antwort auf die Probleme des Lebens dieser jungen Menschen«, sagt er.
»Und die Aussicht, Teil einer heroischen Bewegung zu sein, die eine neue Weltordnung verspricht, ist für viele der große Kick.«
Den Grund für die wachsende Gewaltbereitschaft sehen britische Experten in einer verfehlten Einwanderungspolitik. Hassan Bashirs Generation wuchs in einer Zeit und in einem gesellschaftlichen Klima auf, als viele britische Muslime sich in Gegnerschaft zu dem Staat verstanden, in dem sie lebten. Multikulturalismus hieß bewusst und aggressiv: Anderssein. Nur so glaubten die Einwanderer, die aus allen Teilen des zerfallenen Empires nach Britannien strömten, zu sich selbst finden zu können. Eine übergeordnete britische Identität oder gar eine Anpassung an die neue Heimat wurde strikt abgelehnt. Diese schroffe Abgrenzung mündete in den achtziger Jahren in heftigen ausländerfeindlichen Ausschreitungen und führte die Muslime in die Isolation. Als Salman Rushdie 1988 die Satanischen Verse veröffentlichte, radikalisierte sich das Verhältnis, und für die Muslime gab es nur einen Schluss: Sie mussten ihren Glauben und ihre Eigenheit gegen die britische Gesellschaft vehement verteidigen. Die Opposition zur Mehrheitskultur wurde Teil ihrer Identität. Deswegen erhebt sich auch jetzt keine vereinte Front gegen die Gewalttäter in ihrer Mitte.
Keine Frage, die überwiegende Mehrheit der 1,6 Millionen britischen Muslime, die zwischen London und Glasgow leben, denkt gemäßigt. Sie verurteilt jede Form von Gewalt und will nichts anderes, als in Frieden leben. » Doch sie sprechen nicht mit einer Stimme«, klagt der britisch-indische Journalist Kenan Malik. Der frühere Premierminister Tony Blair forderte deshalb Britanniens Muslime mehrfach dazu auf, »ihren Teil dazu beizutragen, den Extremismus auszumerzen«.
Viele Muslime mögen das nicht hören. Inayat Bunglawala zum Beispiel, der Sprecher des Muslim Council of Britain, der größten muslimischen Vereinigung, weist solche Vorwürfe verärgert von sich und spricht lieber von der Schuld der Briten und von den fatalen Folgen ihrer Außenpolitik. » Viele von uns sind der Meinung«, sagt er, »dass die Kriege in Afghanistan und im Irak eine Schlüsselstellung in der Radikalisierung junger Muslime einnehmen.«
Hassan Bashir aber wurde letztlich nicht zum Terroristen. Die Männer, die ihm »das Gehirn gewaschen haben«, wie er das nennt, haben mit ihm nie über einen konkreten Terrorangriff gesprochen. » Sie haben mich nur zu einem wütenden Muslim gemacht.« Nach knapp einem Jahr verebbten die Debatten und löste sich die Studentengruppe auf. Hassan suchte wieder die Nähe zu seiner Familie. » Beim Freitagsgebet in seiner alten Moschee«, sagt er, »machte es irgendwie klick und der Dämon war weg.« Der Islam sei nicht gewalttätig und er zum Glück auch nicht.
»Allah sei Dank.«
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.10
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