Warum, bitte schön, läuft diese Musik nicht längst im Frühstücksradio? Morgens, wenn die Moderatoren ihrem Auftrag nachkommen, den noch in Lohn und Brot stehenden Teil der Bevölkerung akustisch fit zu spritzen, wenn ein Heer der Schläfer sein Lager verlässt, um sich vor dem Spiegel mühsam in tagaktive, verantwortliche Gesellschaftswesen zu verwandeln – morgens also, inmitten dieser gigantischen Volksermunterungsveranstaltung, die sich Rundfunk nennt, wäre sie ein wirksames Gegengift.

Eine schöne Vorstellung, beim Rasieren Dirk von Lowtzows Märchenonkelstimme zuzuhören, wie sie dem Müßiggang das Wort redet. Eine erheiternde Idee, den Morgenkaffee zu Titeln namens Sag alles ab oder Mein Ruin zu schlürfen. »Mein Ruin ist mein Triumph, Empfindlichkeit und Unvernunft«, werbefinanziert in den Äther hinausgeblasen, das wär’ doch was. Nähme man die Musik beim Wort, sie führte auf direktem Weg in die angestammte Brut- und Arbeitsstätte des Poetischen zurück, das Bett. Gehen wir davon aus, dass die Welt auch für diese glänzende Idee der teils in Hamburg, teils in Berlin ansässigen Band Tocotronic nicht ganz bereit ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Kapitulation heißt das jüngste Tocotronic-Album, und wer den Titel als Zeichen des Scheiterns deutet, hat keinen Sinn für die feinen Schwingungen des Utopischen. Auch im 14. Jahr ihres Bestehens ist die Gruppe, in der von Lowtzow für die Texte verantwortlich ist, ein Projekt der Flausen geblieben, ja, die Flausen und die Hirngespinste sind gerade das, was sie vor dem Rest der im Radio gespielten Deutschpop-Riege auszeichnet. Wo andere artig ein bisschen Gesellschaftskritik üben, wartet sie mit Maximalforderungen auf. Und wo die meisten froh sind, mitspielen zu dürfen im Konzert der Großen, stellt sie sich aus Prinzip ins Abseits. Von dort aus erinnert sie diesmal an eine Wahrheit, die im allgemeinen Aufschwungsgerede nahezu vergessen worden ist: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Erst jenseits der Zwänge des Notwendigen beginnt das Reich der Freiheit. Die Zauberformel, die hier den Zutritt verschafft, lautet »Kapitulation«. Ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. »Ka-pi-tu-la-tion. Das schönste Wort der deutschen Sprache, fast eine kleine Tonleiter«, findet von Lowtzow, der die Presse im Separee eines Berliner Kaffeehauses empfängt. Er trägt das schlichte weiße Hemd, das er seit seiner Reifung zum Dandy bevorzugt. Draußen drückt die Sommerhitze, viel mehr wird er zu den neuen Stücken nicht sagen wollen, das tocotronische Universum erklärt sich selbst. Doch, vielleicht noch dieses: Man habe ein Zeichen setzen wollen gegen »den Zwangsoptimismus der Zeit mit seinen Imperativen«. Auch wenn das den vernünftigen Leuten nicht gefällt.

Den vernünftigen Leuten kann tatsächlich nicht gefallen, was sie da zu hören bekommen. Umschrängelt von sirenenhaften Gitarren, wandert von Lowtzow durch Wiesen, Felder und Archive, das Lied von der Nutzlosigkeit auf den Lippen. Warum immerzu am Rad drehen? Die Luft, die wir atmen, ist schließlich für alle da. Und die Vöglein im Walde: Sie ernten nicht, sie säen nicht, und doch ernährt sie der Herr. »Verschwör dich gegen dich/Die Gegner, sie ergeben sich/Von selbst, denn du bist nachtumweht/Unter dein Bett hat man ein Rosenblatt gelegt.« Das ist wahrhaft schön gesagt, so ähnlich stand es bereits in den alten Balladen geschrieben, oder in den Manifesten der surrealistischen Dichter. Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit. Wo überall schnöder Pragmatismus regiert, wird Passivität zur letzten Widerstandsgeste.

Auf diejenigen, die den Weg der Band verfolgt haben, wirkt diese Volte weniger überraschend. Schon immer war ihre Rede ja ja, nein nein, und schon immer stand sie dabei auf eine zerstreute, gelegentlich altkluge Weise neben sich. Tocotronic sind eine Gründung der Zuspätgekommenen. In den frühen Neunzigern, als der aus dem Badischen zugezogene Dirk von Lowtzow an der Hamburger Universität auf den Bassisten Jan Müller und den Schlagzeuger Arne Zank traf, um »im kompromisslosen Zweispurverfahren«, wie die offizielle Bandbiografie ironisch vermerkt, die schwere Arbeit des Dagegenseins aufzunehmen, war alles Widerständige am Rock bis hin zu den letzten Zuckungen im Punk nur noch ferne Erinnerung. Der tocotronische Impuls ist aus dem Widerspruch geboren, rebellisch sein zu wollen, und doch genau zu wissen, dass die Zeit der Rebellionen vorbei ist.