Dokumentarfilm Unser heiliger Kaufrausch

Der Dokumentarfilm »Trader’s Dreams« wirft einen Blick in die wundersame Welt des Internet-Auktionshauses eBay

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass Freunde beim Grillabend aufspringen und, mit panischem Blick auf die Uhr, zum Computer laufen. »Meine Auktion läuft in zwei Minuten aus«, wird hektisch erklärt, und alle nicken verständnisvoll. eBay. Rund 200 Millionen Menschen nutzen das Online-Auktionshaus, kaufen und verkaufen. Und zwar zum Teil die absurdesten Sachen. Es gibt nichts, was es nicht gibt: vom Gedankenlesegerät bis zum Antlitz des Papstes auf einem Toast. Selbst Museen wollen von dieser Woche an ihre Kunstwerke versteigern, die sonst in Kellern verstauben: Rund 1400 Gemälde aus niederländischen Museen gehen ins eBay-Netz. Der virtuelle Marktplatz ist eine Fundgrube für Sammler, bequeme Konsumenten, Schnäppchenjäger sowie rund eine halbe Million Glücksritter, die glauben, auf dem Online-Weg das große Geld zu machen.

Stefan Tolz und Marcus Vetter haben in ihrem Dokumentarfilm Trader’s Dreams eine Reise in die eBay-Welt unternommen und die Motive und Schicksale der Menschen aufgezeichnet, die den virtuellen Warenverkauf zu ihrem Beruf gemacht haben – sogenannte Powerseller. Ein Jahr Recherche haben die beiden Filmemacher aus Süddeutschland investiert, fünf Stationen dokumentiert: ein Wüstendorf in Mexiko, die Isle of Skye in Schottland, das Städtchen Borna in Sachsen, das Herz der eBay-Zentrale in Kalifornien und die Konkurrenzfirma im chinesischen Hangzhou. Herausgekommen ist ein Soziogramm der Agenten und Produzenten, der Gläubigen und Prediger der eBay-Gemeinde. Gleiche Chancen für alle, egal welcher Nationalität, Hautfarbe oder Generation, lautet die frohe Botschaft. Jim Griffith alias Onkel Griff verkündet sie in seiner täglichen eBay-Radioshow ebenso wie in seiner eBay-Bibel, einem Handbuch für den kleinen Existenzgründer oder den Großunternehmer. eBay – »The Power of All of Us« –, das ist aber nicht nur die Internet-Plattform. Das ist auch ein sakrales Ereignis, das alljährlich bei eBay-Live, einer Art Messe der Gemeindemitglieder, zelebriert wird. Zu Hunderttausenden strömen sie nach Kalifornien und danken dem Online-Kaufhaus für die »Kraft«, die es ihnen verleiht. Die Masse jubelt, wenn die Entertainerin auf der Bühne predigt, dass der Wert eines Produktes durch den Markt bestimmt wird.

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Nur in der mexikanischen Wüste, in Mata Ortiz, ist man noch nicht überzeugt. Der Online-Handel bringe zwar viel ein, das erkennen auch die dort ansässigen Keramikkünstler. Aber sei es nicht eine höhere Wertschätzung, wenn amerikanische und chinesische Touristen in die Werkstatt kämen und den komplexen Prozess der Herstellung mit eigenen Augen sähen? Außerdem, so meint ein Töpfer, habe die Kommune ja gerade erst gelernt zu telefonieren. Bis sie mit dem Internet umgehen könnten, vergehe wohl noch eine Weile. Und bis dahin verkauft der gerissene amerikanische Zwischenhändler Larry Deming die Waren für sie, und zwar mit beträchtlichem Gewinn.

eBay wurde 1995 von Pierre Omidyar im kalifornischen San José gegründet und bis heute in mehr als 30 Länder exportiert. Die Firma fungiert als Vermittler zwischen Verkäufer und Käufer, doch aus Abwicklung, Versand und Garantie hält sie sich heraus. Die größten Märkte sind die USA, Deutschland und Großbritannien. Allein in Deutschland erzielte eBay 2005 einen Jahresumsatz von 691 Millionen US-Dollar. Exemplarisch für deutsche Glücksritter steht im Film die Familie Thurm aus dem von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Städtchen Borna, 30 Kilometer von Leipzig entfernt. Doch weder das umständlich fotografierte Weihnachtsfraukostüm noch der Präsentkorb mit regionalen Köstlichkeiten finden Abnehmer.

Einen Riesenmarkt konnte eBay indessen nicht erobern: China, wo 120 Millionen Menschen das Internet nutzen. Hier sitzt der große Konkurrent Alibaba mit seiner nach eBay-Vorbild entwickelten Auktionsseite Taobao. Im Unterschied zum amerikanischen Vorläufer bietet Taobao die Nutzung noch kostenlos an. 2005 kaufte Yahoo für eine Milliarde US-Dollar 40 Prozent Anteile der chinesischen Plattform. Vetter und Tolz richten die Kamera mit viel Ironie auf die kühl berechnete Schlacht, die sich Taobao-Gründer Jack Ma mit den US-Riesen liefert.

Auch wenn der Film nicht viel erzählt, was man nicht schon wüsste oder ahnte, wirft er doch einen Blick auf Menschen und ungewöhnliche Orte, die das weltweit größte Internet-Auktionshaus bereits eingenommen hat. Ohne Überheblichkeit widmen sich Tolz und Vetter vor allem dem eBay-Schicksal der sogenannten kleinen Leute, der Beschäftigungslosen und ewig Hoffenden, die sich an den Traum von Geld und Glück klammern. eBay ist ein virtuelles Paradies, aber eben nur für die, die das Spiel zu spielen wissen.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 09.07.2007 um 16:31 Uhr

    nur schade das der film herauskommt nachdem der ebay hype schon zuende ist und alle die schonmal besch**** wurden von einem anderen ebay'er wieder wie früher im einzelhandel einkaufen gehen wo der karton auch enthält was man bezahlt hat und nicht nur einen haufen steine :-(
    (mir so passiert)

    • pareg
    • 09.07.2007 um 19:37 Uhr

    EBay geht in Deutschland bei Umsatz und der Zahl der Teilnehmer schwierigen Zeiten entgegen, weil sie genau das Gegenteil von den Chinesen machen.
    Hier in Deutschland werden die Gebühren immer wieder nach oben geschraubt. Erst werden neue Dienste angeboten, wenn sie eingeführt sind, explodieren die Preise dafür (siehe Bezahlsystem PayPal). Das führt dazu, dass der Gewinn der eBay-Verkäufer fast vollständig abgeschöpft wird. Es lohnt sich einfach nicht mehr.
    Wer sich bei eBay mit viel Zeit engagiert, kommt häufig trotzdem nicht über einen Minilohn hinaus.

    • lef
    • 10.07.2007 um 10:14 Uhr

    Ich selbst kaufe (und manchmal verkaufe) seit Jahren bei ebay und habe eigentlich (fast) nur positive Erfahrungen (die sehr wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel).
    Und zwar sowohl per Privatkauf als auch mit ebay-shops.

    Die Gebühren sind (mit für Privat ca. 4%) sehr gut tragbar und lohnen sich allemal, da man einen sehr großen Kreis erreicht. Zumal die Gebühren praktisch Null sind, wenn nicht verkauft wurde (um 1 Euro). Jede Zeitungsannonce hat früher das zigfache gekostet, trotz sehr kleinem Leserkreis und ohne Erfolgsabstufung!!

    Wenn psychisch Kranke (Spielsüchtige) dort ihrer Sucht erliegen, ist das zwar traurig, aber sicher nicht ebay anzulasten!
    Und: Schund (bei Neuware) gibt es auch dort, aber da muss ein Käufer eben wissen, dass Qualität nicht billig sein kann.

    Ansonsten ist ein ebay-Geschäft ein ganz normaler zivilrechtlicher Vorgang, mit allen Möglichkeiten, die die Zivilrechtsordnung bietet. Wer betrogen wurde, sollte sein recht per Amtsgericht einklagen und nicht den Vermittler anklagen!

    Warum also diese Aufregung?
    Wer ebay nicht mag, soll im Laden kaufen - ich habe Manches bei ebay gekauft, was nirgends sonst zu kriegen gewesen wäre, habe über 400 positive Bewertungen geschrieben und bekommen, ich kann mir ein Leben ohne ebay kaum noch vorstellen.

    Allerdings: Wer im Voraus viel Geld an Unbekannte verschickt (mehr als z.B. 10% seines Einkommens), ist selbst schuld - auch woanders, als bei ebay.
    Wenn ich so höre, wovor bei ebay-Käufen gewarnt wird (Autos oder andere teure Dinge möglichst nicht im Voraus bezahlen......)
    Fazit:
    Ebay ist
    1. ein toller Schnäppchenmarkt, der der Einfachheit halber mit Vorauszahlung funktioniertt (und zwar m.E.n. SEHR gut!)
    2. eine Angebotplattform auch für größere Güter mit höheren Kaufsummen - da sollte man eben etwas vorsichtiger sein und das Risiko wissen.
    Ganz simpel.

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