Tour de France Abgefahren
Wieder beginnt die Tour de France, doch der Mythos ist tot. Abschied eines enttäuschten Liebhabers.
Ein großes Loch klafft in diesem Sommer. Jahrzehntelang ließ sich die fußballlose Zeit mit den Berichten von der Tour de France ausfüllen. Nun jedoch ist sie perdu, die schöne Erregung, wenn sich schwitzende Radfahrer in hautengen Trikots Abhänge hinaufquälen, vor denen man schon als Wanderer resignieren würde. Nun werde ich sie der Reihe nach vergessen, die Heroen des Sattels, die Eddy Merckx, Lucien van Impe, Joop Zoetemelk oder Lance Armstrong hießen und die wie niemand sonst die Einsamkeit des Menschen symbolisierten. Und wenn diese Männer auch noch Rudi Altig, Karl-Heinz Kunde, Dietrich Thurau oder – ja, auch der – Jan Ullrich hießen, dann erwachte sogar ein dezentes nationales Gefühl.
Wie habe ich mein Französisch geschult und mir die Namen der Berggipfel und Passhöhen – Alpe d’Huez, Galibier, Tourmalet… – auf der Zunge zergehen lassen, und wie schön war es, mitzuerleben, wie die Gesetze des Daseins, wie Blüte und Verfall binnen weniger Tage erbarmungslos zu walten begannen! Dass der frühe Vogel von der Katze geholt werde, hatte mir meine Mutter beigebracht, und auch Tour-de-France-Kenner wussten, dass die ersten Etappen nicht mehr als kleine Leistungsindizien gaben, dass die wahren Entscheidungen erst fielen, wenn es hinauf in die Berge ging und sich die anfangs jubilierenden Sprintkönige am Ende des Feldes einzureihen hatten.
Eine kurze Schwächephase, eine Unachtsamkeit, ein Stein auf der Fahrbahn – Kleinigkeiten stellten die Rangfolge auf den Kopf, aus den Helden im Gelben Trikot wurden im Nu traurige Verlierer, die aufs nächste Jahr hoffen mussten. Acht Sekunden fehlten dem Nickelbrillenträger Laurent Fignon 1988, um seinen dritten Toursieg zu erringen, achtmal musste sich mein Lieblingsfahrer Raymond Poulidor, der größte Nichtsieger aller Zeiten, mit zweiten oder dritten Plätzen begnügen. Nicht einen Tag lang trug er das Gelbe Trikot, auch damals nicht, 1976, als er als 40-Jähriger zum letzten Mal teilnahm und ich ihn im Pulk zu erspähen hoffte, als wir in einer Jugendherberge in Savines-le-Lac haltmachten und an der überschäumenden Begeisterung teilhatten. Eine knappe Minute dauerte es, bis das Peloton den Ort durchfahren hatte, eine kostbare Minute, die ich nie missen wollte.
Gewiss, über Doping munkelte man schon damals, und hier und da wurden Fahrer suspendiert, litt das Renommee mancher Sieger im Nachhinein. Doch wir alle wollten es nicht so genau wissen, wollten diesen kraftspendenden Mythos am Leben erhalten, an Petrarca denken und so tun, als sei es ganz normal, in sengender Hitze den Mont Ventoux zu erklimmen. Jetzt ist die Zeit des seligen Selbstbetrugs vorbei. Einer, der mal als Kronprinz von Jan Ullrich gehandelt wurde, Jörg Jaksche, hat jetzt ausgepackt und so umfassend wie niemand zuvor ein perfekt organisiertes System von Betrug (und Selbstbetrug) enthüllt. Welchem Fahrer, welchem Manager sollten wir nun noch trauen?
»Man ist ein Mensch, der fährt, isst, schläft, sich erholt, der sich aber intellektuell nicht weiterentwickelt« – so beschrieb Laurent Fignon einst den Alltag eines Tour-de-France-Teilnehmers. Eine Analyse, die profitgierige Sportler und ihre Entourage bloßstellt. Lange sah es so aus, als würden die Tourbegeisterten allen Dopingvorhaltungen zum Trotz von ihrer magischen Rundfahrt nicht lassen. Und wenngleich es sich die meisten Franzosen auch 2007 nicht nehmen lassen werden, ihren gewiss nicht sauberen Siegern zuzujubeln, ist die Sache für mich erledigt. Von Zeitfahren, Bergankünften und Ausreißversuchen will ich nichts mehr wissen, und tapfer werde ich versuchen, darüber hinwegzukommen, ahnend, dass bald vielleicht das nächste Unglück – Manipulationen in Wimbledon? – dräut.
All das auszuhalten übersteigt die Kraft eines Einzelnen. Was werde ich in den radsportfreien Sommerwochen tun? Zum alten Asterix-Band
Tour de France
aus dem Jahr 1963 greifen? Damals war die Welt noch in Ordnung, bilde ich mir ein, damals gewann Seriensieger Jacques Anquetil, und Poulidor wurde Achter, vor dem Deutschen Hennes Junkermann.
Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg und ist Autor mehrerer Sportbücher
- Datum 10.07.2008 - 10:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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Der Mythhos Tour de France ist nicht tot. Er lebt mehr als je zuvor.
Viele lassen sich von den Dopingskandalen beeindrucken und kehren dem Radsport den Rücken. Das sind für mich keine echten Radsportfans, sondern Modedendie und Leute, die immer gerade das ganz toll finden, was die Medien gerade als "Inn" deklarieren. Spolche Menschen haben keine persönlichen Beziehungen zum Radsport. Wer selbst noch nie mit dem Rennrad in einer Woche 1400 km in den Alpen unterwegs war, kann überhaupt nicht mitreden. Aber rumlabern können alle. Da ist die Masse ganz groß. Wenn es nach der Leistung geht, müßte ein Fußballspieler gegenüber einem Radprofi, der 3 Wochen lang jeden Tag über mehrere Stunden konstante, ununterbrochene Leistung bringen muß, ein Taschengeld verdienen. Radsport ist echter Leistungssport, ob mit oder ohne Doping. Natürlich ist Doping nicht schön, aber meinen Sie denn wirklich, daß Doping aus einer Couchpotato einen Radprofi macht? Wenn Sie meinen, daß gedopte Profis betrügen, dann probieren Sie es doch mal aus. Vielleicht fahren Sie ja dann denn L'Alpe d'Huez in 36:50 min hoch. Da bin ich ja mal gespannt. Meinen Sie, durch Doping fährt das Rad von alleine? Meinen Sie, gedopte Sportler müssen keine Leistung mehr bringen? Meinen Sie, Sportler, die Doping nehmen, müssen nicht jahrelang vorher trainieren? Das will nicht heißen, daß ich Doping verharmlose, nur überbewerten sollte man es auch nicht. Man sollte Sportler bestrafen und gut ist, und keine Mücke aus einem Elefanten machen. In anderen Sportarten wird genauso gedopt. Komischerweise wir darüber kaum berichtet. Aber warum wird nur immer im Radsport auf die Sportler rumgehackt? Warum muß der Radsport immer dran glauben??? Ich weiß warum. Weil die Gesellschaft in unserem Land bewegungsfaul ist und nichts mit Radsport anfangen kann. Sie können sich deshalb damit nicht identifizieren, weil man nicht rumgrölen kann, da kein Tor fällt. Weil Fußball alles ist und Radsport nichts in diesem Land. Ich mag zum Beispiel keinen Fußball, weil er nur noch von Randale und Huligans oder wie die Idioten heißen, begleitet wird. Da vergeht mir der Fußball, sowas finde ich wiederlich. Wo hat das noch etwas mit Sport zu tun? Man geht ins Stadion, um sich zu prügeln. Klasse, das ist dann echter Sport oder wie? Wie dem auch sei, eim echter Radsportfan bleibt dem Radsporet treu, egal was passiert. Radsport ist der beste, interessanteste und faszinierenste Sport auf der Welt. Echter Leistungssport eben. Erst danach kommt Marathonlauf und Langstreckenschwimmen. Warum? Weil Marathonlauf nach 42 km endet. Es sei denn, man rennt 3 Wochen lang jeden Tag einen Marathon. Ich weiß wovon ich rede, bin selbst schon einen Marathon gelaufen. Und ich fahre im Jahr 15.000 km mit dem Rennrad.
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