Jugendliche Zum Dreinschlagen
Der Frust Jugendlicher auf dem Dorf nimmt zu. TV und Internet zeigen ihnen eine unerreichbare Welt, sagt der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann
DIE ZEIT: Ist das Leben auf dem Land heute härter als das in der Stadt?
Hartmut Häußermann: Für Jugendliche ist das bestimmt so. Das Leben erlaubt kaum Selbstständigkeit. Mit 16 kann man zwar Moped fahren, aber man ist völlig abhängig davon, Distanzen zu überwinden, um verschiedene Tätigkeiten überhaupt ausüben zu können. Hinzu kommt die Abwanderung von Leuten, die beruflich oder bildungsmäßig weiterkommen wollen. Das stellt natürlich eine gewisse Auslese dar. Zurück bleiben diejenigen, die mit dem einfachen Leben zufrieden sind oder sich vor den Anstrengungen eines anderen Lebens scheuen.
ZEIT: Das ist aber nicht neu, das gab es schon immer. Was ist der Unterschied zu früher?
Häußermann: Neu ist, dass wir durch die Telekommunikation, durch 75 Fernsehkanäle und die Vielfalt des Internets, im Grunde die ganze Welt präsent haben an jedem Ort der Welt. Das heißt, alle Möglichkeiten des Lebens werden greifbar, aber sie sind doch nicht da. Ich könnte mir vorstellen, dass aus dieser Diskrepanz solche Scheunendiscos entstehen, wo man ein bisschen urbanes Leben simuliert, aber sich doch nicht von den ländlichen Fesseln lösen kann.
ZEIT: Sehen Sie darin auch eine Ursache für den exzessartigen Charakter dieser Discos?
Häußermann: Exzesse gab es bei Dorffesten immer, vielleicht nicht so kollektiv und nicht so von vornherein darauf angelegt. Wenn man in einem so beschränkten Handlungskreis lebt, wie es ein Dorf darstellt, dann gibt es einen Energiestau, der sich irgendeinen Ausweg sucht – vor allem bei jungen Männern, Frauen sind davon ja kaum betroffen. Wahrscheinlich ist sogar der Frauenmangel mit ein Grund, warum sich solche Männlichkeitsrituale austoben können. Außerdem gibt es einen kollektiven Teilnahmezwang.
- Datum 05.07.2007 - 03:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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Sehr interessantes Interview aber leider ein bißchen kurz.
Also mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass das bäuerliche Landleben immer "in sich rund" war, finde ich es schön, dass in der Betrachtung der Ursachen TV und Internet ganz vorne stehen, als würde Zeitungen und Illustrierte, Bild und Bravo ansonsten ein idyllisches Bild Landhauslebensstil zeichnen und man ohne TV und Internet auf dem Land ein glücklicher Mensch wäre, weil man nichts von der weiten Welt weiß.
Ich muss da an diese Worte denken:
"VIERTER. Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr / Die schönsten Mädchen und das beste Bier, / Und Händel von der ersten Sorte.
FÜNFTER. Du überlustiger Gesell, / Juckt dich zum drittenmal das Fell? / Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte."
Schon immer kann man das nicht nennen, aber Goethe hat solche Phänomene vor 200+ Jahren schon gekannt. Die Handwerksburschen aus dem "Faust" würden heute wohl auch zum Komasaufen gehen.
In Bayern z. B. besteht der großteil des Freistaates aus dem ländlichen Raum. Der ist aber trotzdem hervorragend entwickelt, besonders in Südbayern. Der wohlstand in Rosenheim oder Passau steht dem in München in nichts nach. Gleichzeitig gibt es dort auf den Dörfern eine lebendige Tradition die auch von den ganz jungen gern fortgeführt wird, sogenannte Burschenvereine wo sich die Jugend organisiert. Jugendfrust ist aber kaum ein problem, die Jugend spaltet sich auf dem Land vielmehr in zwei Gruppen. Eine die das Landleben liebt und ihren Heimatort gegen den Nachbarort verteidigt wie eine Wolfsmutter ihre kleinen, Maibaumstehlen kommt daher ;-) Und die andere Gruppe geht sofort nach dem Abitur in die Städte und lebt dort gut und schimpft auf die vom Land ;-)
Im Osten ist halt das problem das es diese perspektive von attraktiven Städten als nahen "Fluchtpunkt" nicht gibt und die Stimmung ja dort auch allgemein so ist "deutschland alles scheiße" so das alles hoffnungslos scheint, Lehrstellen gibts auch keine, dafür aber viele Nazis und Antifa die sich gegenseitig bekämpfen in den Jugendkulturen.. das ist eben eine andere Welt als in Bayern so das ich mich da auch nicht genug hineinversetzen kann. Kenn das nur aus erzählungen von Freunden die aus den neuen Bundesländern hierhergezogen sind.
Das ermutigende an diesem vergleich ist eben das solche probleme nicht Gottgeben sind. Diese Lösungen sind wie schon immer, gebt jungen Leuten eine Lebensperspektive (vom Arbeitsamt verwahrt zu werden ist das Gegenteil), gebt ihnen einen festen Rahmen aber auch Freiheiten (jung ist man nur einmal) und weniger Glotze & Computer, mehr Sportangebote (Gerade im Osten gibts die wenigsten öffentlichen Gelder für Sportvereine im ganzen Bundesgebiet, gleichzeitig werden im Osten überall Gewerbegebiete gebaut die keiner braucht und die leer stehen! Investitionen in unsere Jugend sind nicht sichtbar wie Beton, aber allemal mehr wert!)
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Ich kann mich im Großen und Ganzen den Aussagen von flexton anschließen. In der Tat gibt es "ländliche" Gebiete in denen eben keine Selektion stattfindet, wie sie im Interview beschrieben wurde. Das mag vor allem in wirtschaftsstarken Regionen der Fall sein, wo es eben nicht erforderlich ist abzuwandern um beruflich nach vorne zu kommen. Es ist sicher richtig, dass die Zusammenhänge die im Interview dargestellt wurden, oft genug zutreffen, man sollte aber davor warnen sie zu verallgemeinern und auf den gesamten ländlichen Raum auszudehnen.
war ja ziemlich kurz.
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Gesoffen wurde schon immer und auch schon immer exzessiv. Wir sind aber derzeit in so einer Welle wo man allgemein der auffassung ist das die Politik und die Gesellschaft darüber zu befinden hat welches persönliche verhalten korrekt ist. Rauchverbot etc. man kanns einzeln begründen, aber das ist allgemein so eine Strömung. ICH finde das Eltern darüber zu entscheiden haben was die Kinder machen, nicht der Staat. Wenn die Eltern wirklich ihren pflichten nicht nachkommen ist das wieder ein anderes Thema. Aber der Staat hätte genug damit zu tun den jungen Menschen eine chance im leben zu geben mit der richtigen Bildungs- und Wirtschaftspolitik.
Das darüber hinaus, auch und vielleicht gerade in Bayern, viel gesoffen wird ist beileibe absolut kein ding der heutigen Zeit. Es ist eher im gegenteil so das naja wie soll man sagen in der "mitte" der Jugend - also bei den meisten - Rauchen, Drogen und Alkohol richtig "out" geworden ist. Wir verlieren beim blick auf probleme zu gern das Augenmaß und verallgemeinern das bis wir dann eine Endzeit-ähnliche Weltsicht haben.
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