Jugendliche Zum DreinschlagenSeite 2/2
ZEIT:
Man darf also nicht zu viel wissen von der Welt, um auf dem Land glücklich zu sein?
Häußermann:
Das Landleben war in sich rund, solange es wirklich bäuerliches Leben war, solange man seine Lebensmittel selber erzeugt hat. Man lebte im engen Kreis der Familie mit den Tieren. Aber heute gibt’s auf dem Land kaum noch Bauern. Dort leben vorwiegend Menschen, die irgendwo angestellt sind, die durch Hausbesitz oder aufgrund familiärer Abhängigkeiten nicht weg können und so zwischen Baum und Borke leben. Da ist die Idylle zerrieben.
ZEIT: Und in den Scheunendiscos wird der Frust im Alkohol ertränkt?
Häußermann: Das ist ziemlich das Gleiche, was wir in der Stadt mit dem Drogenkonsum haben – die Sehnsucht nach dem Aussteigen, nach der Leichtigkeit im anstrengenden Sein. Im Unterschied zur Stadt ist es auf dem Land noch gepaart mit der Urwüchsigkeit der körperlichen Kraft. Man schlägt aufeinander ein, um Größe und Achtung zu gewinnen. In der Stadt sind es eher Gangs, die aufeinander losgehen.
ZEIT: Haben die Scheunendiscos noch etwas mit den alten Dorffesten gemeinsam?
Häußermann:
Die Dorffeste waren früher Pausen zwischen der Arbeit, die sonst keine Pausen kannte. Sie zogen sich über mehrere Tage hin. Und sie waren Heiratsmärkte, es gab ja keine anderen Gelegenheiten für junge Menschen zum Kennenlernen. Diese Funktion haben die Discos heute verloren, weil die Mädchen, die an einem besseren Leben interessiert sind, dort nicht hingehen. So sind die Discos heute vor allem ein männliches Ritual – zur Betäubung von Enttäuschungen und versagten Hoffnungen.
Die Fragen stellte
Roland Kirbach
Hartmut Häußermann ist Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität
- Datum 05.07.2007 - 03:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
- Kommentare 14
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Sehr interessantes Interview aber leider ein bißchen kurz.
Also mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass das bäuerliche Landleben immer "in sich rund" war, finde ich es schön, dass in der Betrachtung der Ursachen TV und Internet ganz vorne stehen, als würde Zeitungen und Illustrierte, Bild und Bravo ansonsten ein idyllisches Bild Landhauslebensstil zeichnen und man ohne TV und Internet auf dem Land ein glücklicher Mensch wäre, weil man nichts von der weiten Welt weiß.
Ich muss da an diese Worte denken:
"VIERTER. Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr / Die schönsten Mädchen und das beste Bier, / Und Händel von der ersten Sorte.
FÜNFTER. Du überlustiger Gesell, / Juckt dich zum drittenmal das Fell? / Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte."
Schon immer kann man das nicht nennen, aber Goethe hat solche Phänomene vor 200+ Jahren schon gekannt. Die Handwerksburschen aus dem "Faust" würden heute wohl auch zum Komasaufen gehen.
In Bayern z. B. besteht der großteil des Freistaates aus dem ländlichen Raum. Der ist aber trotzdem hervorragend entwickelt, besonders in Südbayern. Der wohlstand in Rosenheim oder Passau steht dem in München in nichts nach. Gleichzeitig gibt es dort auf den Dörfern eine lebendige Tradition die auch von den ganz jungen gern fortgeführt wird, sogenannte Burschenvereine wo sich die Jugend organisiert. Jugendfrust ist aber kaum ein problem, die Jugend spaltet sich auf dem Land vielmehr in zwei Gruppen. Eine die das Landleben liebt und ihren Heimatort gegen den Nachbarort verteidigt wie eine Wolfsmutter ihre kleinen, Maibaumstehlen kommt daher ;-) Und die andere Gruppe geht sofort nach dem Abitur in die Städte und lebt dort gut und schimpft auf die vom Land ;-)
Im Osten ist halt das problem das es diese perspektive von attraktiven Städten als nahen "Fluchtpunkt" nicht gibt und die Stimmung ja dort auch allgemein so ist "deutschland alles scheiße" so das alles hoffnungslos scheint, Lehrstellen gibts auch keine, dafür aber viele Nazis und Antifa die sich gegenseitig bekämpfen in den Jugendkulturen.. das ist eben eine andere Welt als in Bayern so das ich mich da auch nicht genug hineinversetzen kann. Kenn das nur aus erzählungen von Freunden die aus den neuen Bundesländern hierhergezogen sind.
Das ermutigende an diesem vergleich ist eben das solche probleme nicht Gottgeben sind. Diese Lösungen sind wie schon immer, gebt jungen Leuten eine Lebensperspektive (vom Arbeitsamt verwahrt zu werden ist das Gegenteil), gebt ihnen einen festen Rahmen aber auch Freiheiten (jung ist man nur einmal) und weniger Glotze & Computer, mehr Sportangebote (Gerade im Osten gibts die wenigsten öffentlichen Gelder für Sportvereine im ganzen Bundesgebiet, gleichzeitig werden im Osten überall Gewerbegebiete gebaut die keiner braucht und die leer stehen! Investitionen in unsere Jugend sind nicht sichtbar wie Beton, aber allemal mehr wert!)
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Ich kann mich im Großen und Ganzen den Aussagen von flexton anschließen. In der Tat gibt es "ländliche" Gebiete in denen eben keine Selektion stattfindet, wie sie im Interview beschrieben wurde. Das mag vor allem in wirtschaftsstarken Regionen der Fall sein, wo es eben nicht erforderlich ist abzuwandern um beruflich nach vorne zu kommen. Es ist sicher richtig, dass die Zusammenhänge die im Interview dargestellt wurden, oft genug zutreffen, man sollte aber davor warnen sie zu verallgemeinern und auf den gesamten ländlichen Raum auszudehnen.
war ja ziemlich kurz.
Vor knapp einem Jahr (direkt nach dem Abitur) zog ich aus meinem bayerischem Heimatdorf aus. Und ich muss sagen, dass der Bericht über die Scheunenfeten ziemlich gut das trifft, was auch in Bayern an nahezu jedem Wochenende auf dem Land passiert. Es ist deshalb zu simpel die Exzess-Parties auf die schlechte Arbeitsmarktsituation im Osten zu schieben.
Gesoffen wurde schon immer und auch schon immer exzessiv. Wir sind aber derzeit in so einer Welle wo man allgemein der auffassung ist das die Politik und die Gesellschaft darüber zu befinden hat welches persönliche verhalten korrekt ist. Rauchverbot etc. man kanns einzeln begründen, aber das ist allgemein so eine Strömung. ICH finde das Eltern darüber zu entscheiden haben was die Kinder machen, nicht der Staat. Wenn die Eltern wirklich ihren pflichten nicht nachkommen ist das wieder ein anderes Thema. Aber der Staat hätte genug damit zu tun den jungen Menschen eine chance im leben zu geben mit der richtigen Bildungs- und Wirtschaftspolitik.
Das darüber hinaus, auch und vielleicht gerade in Bayern, viel gesoffen wird ist beileibe absolut kein ding der heutigen Zeit. Es ist eher im gegenteil so das naja wie soll man sagen in der "mitte" der Jugend - also bei den meisten - Rauchen, Drogen und Alkohol richtig "out" geworden ist. Wir verlieren beim blick auf probleme zu gern das Augenmaß und verallgemeinern das bis wir dann eine Endzeit-ähnliche Weltsicht haben.
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