Jugend "Ich bin ein Krisenkind"
Nora Fritzsche, 18, hat keine Lust auf Kiffen oder Chillen. Stattdessen kämpft sie sich durch Wirtschaftsplanspiele der Unternehmensberatung Boston Consulting und paukt für ein Einser-Abitur.
Meine Eltern halten mich für übergeschnappt. Seit Wochen haben sich meine Gedanken um Gewerbesteuern und Kredite, um Businesspläne und Geschäftsideen gedreht. An meinen freien Nachmittagen hatte ich Dates mit Steuerberatern und präsentierte meine Ergebnisse Mitarbeitern der Deutschen Bank. Ich bin Schülerin, 18 Jahre alt. Der Grund für meinen eigenartigen Terminkalender: Ich hatte mich bei einem Wirtschaftsplanspiel von Boston Consulting, der Unternehmensberatung, angemeldet – um zu gewinnen.
Schülerinnen anderer Generationen haben Tee getrunken, Gitarre gespielt und endlos diskutiert. Ich habe die Chemiefirma Bayer genauer untersucht. Für dieses Planspiel habe ich ihren Umsatz, ihre Konkurrenz und ihre Zukunftsfähigkeit überprüft. Meine Teammitglieder und ich sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Bayer von seiner Pflanzenschutzsparte trennen sollte. Nicht, weil wir etwas gegen Umweltgifte hätten. Sondern weil diese Sparte einfach nichts einbringt.
Die Treffen wegen des Wirtschaftsspiels sind nicht alles: Ich jobbe außerdem beim Radio und bin Stufensprecherin im Schülerrat. Die Schule nehme ich natürlich auch sehr ernst. Früher hieß es: Du musst begreifen, dass der Ernst des Lebens begonnen hat. Mir muss das keiner mehr sagen. Ich weiß, dass meine guten Noten nicht mehr ausreichen werden, damit ich einmal den Job bekomme, den ich mir wünsche. Ich weiß, dass mich selbst ein sehr gutes Abitur nicht weit tragen wird. Ich habe mich nach Stipendien von politischen Stiftungen erkundigt, und ich habe erfahren, dass ich das Porto für den Bewerbungsbrief verschwende, wenn mein Abitur schlechter ist als 1,3. Zurzeit stehe ich bei 1,2. Ich rechne das aus, nach jeder wichtigen Klausur.
Im Grunde will ich in drei Dingen gut sein: in der Schule, in meinen Nebenjobs und außerdem in dem, was Arbeitgeber Soft Skills, weiche Fähigkeiten, nennen. Darum lerne ich Sprachen, leite eine Mädchengruppe in meiner evangelischen Gemeinde und habe acht Monate in Irland verbracht. Dort habe ich auch angefangen, Rugby zu spielen. Auch wenn es bloß ein Sport ist, ein Hobby, will ich so gut wie möglich sein.
Rugby ist ein gutes Beispiel. Ich spiele Rugby nicht, weil ich glaube, dadurch etwas für meine Durchsetzungskraft zu tun. Ich mag diesen Sport, er fordert mich heraus. Yoga wäre nichts für mich. Das würde mich schrecklich langweilen, genauso wie Frisbee im Park nichts für mich wäre oder Gitarrespielen am Lagerfeuer. Bei allem, was ich neben der Schule bereits für meine Karriere mache, habe ich großen Spaß. Gut, es stimmt: Das Boston-Consulting-Spiel ist mir an manchen Tagen auf die Nerven gegangen, Themen wie die Einkommensteuer bringen meine Hormone wirklich nicht in Wallung. Aber ist das nicht immer so: dass man sich auch einmal zu etwas überwinden muss, um letztlich zufrieden zu sein?
Meine Eltern – mein Vater ist Lehrer, meine Mutter arbeitet in einem Leasing-Unternehmen – witzeln manchmal über meinen Ehrgeiz. Sie sagen: „Ach, du lernst mal wieder?“, und tun dabei überrascht. Meine Mutter schlägt mir vor, ich solle doch ab und an auch mal „chillen“. Früher hatten Schüler Ärger mit ihren Eltern, weil sie zu wenig für die Schule machten. Ich habe Ärger, weil ich zu viel mache. 40-Jährige belächeln mich. Sie schlagen mir vor, ich solle lieber mal rebellieren oder wenigstens kiffen.
- Datum 12.07.2007 - 03:15 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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