60 Sekunden für die Deutschen
In Paris haben sie wegen des Brotpreises am 14. Juli vor 218 Jahren die Revolution angezettelt. Doch der deutsche Durchschnittsverdiener bleibt stoisch, obwohl ihm gerade bescheinigt worden ist, dass er im Westen (nach den Belgiern) die höchste Last an Steuern und Abgaben trägt: 55 Prozent (der Japaner nur 30). Warum die Deutschen nicht das Bundeskanzleramt stürmen? Weil sie die Last schätzen.
Das besagt eine Umfrage, wonach selbst Unionsanhänger Oskar Lafontaine lieben, den linken Populisten, der noch mehr Staat und noch weniger Selbstverlass will. Fast zwei Drittel wollen mit ihm den Mindestlohn, drei Viertel sind mit ihm gegen die Rente mit 67. Der Mann predigt rückwärtsgewandte Utopien (circa sechziger Jahre), und die Leute glauben ihm dass Mindestlöhne den Schlechtqualifizierten Arbeit bringen, dass der Staat es irgendwie richten wird, wenn immer weniger Arbeitende immer mehr Rentner alimentieren müssen.
Natürlich kann das der Staat wenn er immer mehr Steuern eintreibt.
Als die Linke noch progressiv dachte, hätte Marx etwas von »falschem Bewusstsein« gemurmelt, das die herrschende Klasse dem Volk oktroyiert habe. Früher hätten sie Lafontaine »Linksabweichler« genannt, heute feiern ihn selbst die Konservativen. Uns bleibt nur noch die tiefere Wahrheit: Die Umfragen lügen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.21
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