Mayence, vormals Mainz, jetzt Hauptstadt des französischen Departements Donnersberg, den 26. Dezember 1798, zwei Uhr mittags. Es ist ein eisiger Wintertag, als Felix Anton Blau zu Grabe getragen wird. Den Zug führen Studenten und Professoren an. Dann folgt, auf einem Trauerwagen, der Sarg. Die Trikolore ist darübergebreitet; sie trägt die Worte »Durch Großmut besiegte er seine Feinde«. Acht junge Frauen, Zypressenzweige in den Händen, geben dem Wagen Geleit. Freunde, politische Weggefährten schreiten hinterdrein. Sie alle beklagen das frühe Ende Blaus, der erst 44 Jahre alt war, und gedenken voller Bewunderung seines mutigen Lebens.

Auch die Presse trägt Trauerflor. Die Departementsblätter und selbst der Schwäbische Merkur im fernen Stuttgart preisen Blau als Idealbild eines freien Bürgers und Republikaners. Einige Monate später, im Mai 1799, wird in Mainz seine Büste enthüllt und mit Lorbeer bekränzt.

Verwelkt und vergangen ist der Lorbeer, verloren der Name. Nicht einmal ein Bildnis hat sich erhalten, von jener Büste des Jahres 1799 ganz zu schweigen. Das Schicksal des Felix Anton Blau ist beispielhaft für das so vieler deutscher Demokraten der ersten Stunde. Selbst im republikanischen Deutschland von heute sind sie aus dem Gedächtnis gestrichen, aus der Tradition verbannt – was rätselhaft bleibt, denn wer würde besser unserem Selbstverständnis als Bürger eines demokratischen, aufgeklärten, säkularen Staates entsprechen als diese Vorkämpfer eines freiheitlichen Deutschlands?

Dabei war Felix Anton Blau nicht gerade der geborene Revolutionär. Aus dem kurmainzischen Örtchen Walldürn im Odenwald stammt er; dort kommt er am 15. Februar 1754 als Sohn eines Bäckers zur Welt. Im Schatten der barocken Wallfahrtskirche verbringt er seine Kindheit und frühe Jugend. Als er Talent für Höheres verrät, steht der Entschluss der Familie fest: Der Junge soll Theologie studieren und Priester werden. Natürlich in der Residenz des höchsten katholischen Würdenträgers, des Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches, des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz.

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Doch kaum am Rhein, in städtischer Luft, werden die Gedanken frei. Während des Studiums stößt Blau auf vieles, das ihm missfällt: der Absolutismus des Papstes, die Intoleranz der Kirche, die Elemente eines mittelalterlichen Aberglaubens, die immer noch das kirchliche Leben durchziehen. Im Mai 1779 erhält er die Priesterweihe und wird Kaplan an St. Agatha in Aschaffenburg, der kurfürstlichen Sommerresidenz. Ein kritischer Geist im Priesterrock ist nicht ungewöhnlich in der katholischen Welt des 18. Jahrhunderts, man denke an die Abbés Prévost, Raynal oder Sieyès. Die neue Würde schüchtert Blau denn auch nicht ein. Seine Dissertation, die in Aschaffenburg entsteht, Über die Grundregeln des katholischen Glaubens, gerät zu einer wahren Brandschrift gegen die Orthodoxie.

Kurfürst Friedrich Karl von Erthal indes maßregelt ihn nur sacht. Pro forma muss Blau zwar widerrufen, doch Erthal, der sich gern als aufgeklärter Kirchenmonarch zeigt, zögert nicht, den jungen Theologen für seine Universität anzuwerben. Mit Blick auf die protestantischen Länder des Reiches erkennt der Kirchenfürst den bildungspolitischen Nachholbedarf des katholischen Deutschlands. Er beginnt, die Mainzer Universität zu reformieren, und beruft aufgeklärte Gelehrte wie den berühmten Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster oder den Anatomen Thomas Soemmering an seine Akademie. Und so erhält auch Blau 1781 einen Lehrstuhl in Mainz – für theoretische Philosophie.