Ach du liebe Natur!

Burkhard Straßmann bringt endlich wieder Ordnung in unsere unübersichtliche Welt: Mädchen bleiben Mädchen, Jungen bleiben Jungen: Daran kann alle Erziehung nichts ändern na, Gott sei Dank. Wir dachten schon, es läge an uns, an der Erziehung, den gesellschaftlichen Strukturen, die jedeR Einzelne von uns (re)produziere, daran, dass es eine Industrie gäbe, die von der Geschlechtertrennung wunderbar profitierte und deshalb Stereotypen stärke, und an gewissen Eliten, die ebenfalls ein Interesse an der Aufrechterhaltung überkommener Rollenmuster hätten. Und wir haben uns auch schon gefragt, was wir nur tun können gegen diese mit Benachteiligungen verbundene Ungleichbehandlung der Geschlechter. Es war schrecklich anstrengend und unbequem, dagegen anzugehen, denn oft stieß man auf Ablehnung, und häufig erntete man Spott. Ein frustrierendes Unterfangen, ein Kampf wie der von David gegen Goliath.

Doch da, als wir schon ganz deprimiert waren, kam sie, die rettende Meldung, die Erlösung: Alle erzieherischen Versuche, aus Jungen und Mädchen geschlechtsneutrale Wesen zu machen, sind gescheitert. Gegen die Natur kommt nur an, wer sie akzeptiert. Die Natur! Endlich können wir guten Gewissens die Probleme ruhen lassen nein, besser noch: Es gibt gar kein Problem, im Gegenteil, denn alles ist gut, so wie es ist, eben natürlich! Was uns als hartnäckig verkrustete Strukturen erschien, sind in Wirklichkeit Naturgesetze! Dank an die Zwillinge Göllner!

Straßmann rät uns, ganz »unverkrampft« als »Prinzessinnen« ins Leben zu starten und als »Feuerwehrfrauen« zu landen »wenn sie [nur] wollen«! Auch später müssen sich die »großen Frauen« keine Sorgen machen: Sie »verlieren weder ihr Wahlrecht noch ihre Führungspositionen in Politik und Wirtschaft«. Na, wenn das mal keine guten Nachrichten sind.

Ulrike Spohn, Leipzig, Studentin

Der Artikel von Burkhard Straßmann häuft Beobachtungen und Behauptungen an, die weder neu noch seriös sind. Es gibt vor allem keine wissenschaftliche Grundlage dafür. Genau das steht dann auch in einem kurzen Forschungsüberblick von Birgit Herder auf der nächsten Seite!

Johanna Bayer, Gröbenzell

Naturalistische Argumente sind so alt wie gesellschaftlich hergestellte Unterschiede. Seit je werden so soziale Differenzen als unabänderliche, von der Natur gewollte, »ewige Unterschiede« legitimiert. Das gilt für jeden Rassismus, jede Begabungsideologie und eben auch für die Geschlechterdichotomie. Immer dient das Resultat gesellschaftlicher Ungleichbehandlungen als »Beweis« für deren Rechtmäßigkeit. Der Artikel von Burkhard Straßmann bringt diese Steinzeitargumente nun als Resultat neuester Erkenntnisse und widerlegt sich dabei permanent selbst.

Hätte er Marianne Grabrucker mit mehr Ernsthaftigkeit gelesen, wäre ihm nicht entgangen, dass eine »geschlechtsneutrale« Erziehung in einer hochgradig geschlechtscodierten Gesellschaft nicht möglich ist.

Die »emanzipatorische Steinzeit« im Kindergarten ist eben nicht als freie Entscheidung der Kinder zu verstehen. Sie ist Resultat der in Familien, Filmen, Computerspielen et cetera transportierten Rollenmuster, die diese emanzipatorische Steinzeit gegen alle aufgeklärten Selbstdarstellungen als gesellschaftliche Realität zeigen und festschreiben.

Zweifelhaft ist vor allem Straßmanns Fazit, dass die gesellschaftlichen Barrieren zwischen den Geschlechtern verschwunden wären. So behauptet er, Frauen könnten alles werden, »sie müssen nur wollen«. Dem widersprechen alle statistischen Fakten.

Dies sind die Hauptthemen der Debatte um Geschlechterdifferenz: die ökonomische und soziale Benachteiligung, die Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse, also die großen Unterschiede, die gesellschaftlich mit dem sehr kleinen Unterschied des biologischen Geschlechts verbunden sind. Um hier etwas zu ändern, braucht es allerdings mehr als die von Straßmann angemahnte Entkrampfung, nämlich die Verwirklichung der Gleichberechtigung pluraler Identitäten. Der Rückzug des Autors auf »Prinzessinnen«, »dekorative Püppchen« oder »Feuerwehrautos« macht dann eher den Eindruck, diese unbequemen Themen verdecken zu wollen, damit nicht nur »Mädchen Mädchen und Jungen Jungen bleiben«, sondern auch die sozialen Differenzen zwischen Männern und Frauen so bleiben, wie sie sind.

Claudia Schumann, Maike Bussmann Tino Heim, Dresden

Als Vierjährige lehnte ich Rosa ab, fand Puppen ganz okay, aber Baukästen besser, und spielte am liebsten Feuerwehr. Gleichzeitig achtete meine Mutter auf ein bisschen Mädchencharme, lange Haare und ein Kleidchen am Sonntag. Ich hatte ein relativ konventionelles Weltbild, einen Verlobten und das volle Bewusstsein meiner zukünftigen Weiblichkeit. Es scheint sich auszuzahlen, denn heute bin ich eine glückliche Frau, mit Hobbys diesseits und jenseits der Geschlechterrollengrenze, ohne jedes Dilemma. Ein Lob an Burkhard Straßmann, der diese Logik erklärt.

Leider kommt sogleich Stefanie Schramm daher und schreibt einen Artikel, in dem Vorlieben von Mädchen für »Jungenspielzeug« nur vorkommen, wenn Stoffwechselkrankheit und genetischer Defekt am Werk sind. Ich entnehme dem, dass ich schwer krank sein muss. Vielleicht kann Frau Schramm mir ja einen Arzt empfehlen.

Valérie Peters, Braunschweig

Über das Titelbild habe ich mich sehr geärgert. Und etwas mehr Differenzierung darf ich wohl auch in der Schlagzeile erwarten.

Längst erwiesen, aber gerne unter den Tisch gekehrt wird übrigens: Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechtes sind größer als die zwischen den Geschlechtern. Mit einem solchen Ansatz betrachtet man/frau »Menschen« mit ihrem jeweiligen Potenzial, ohne sie von klein auf in Schubladen zu stecken. Mit »geschlechtsneutral« (der ach so bösen Feministinnen) hat das nichts zu tun, wohl aber mit Menschenwürde.

Ulrike Hudelmaier, Ulm

Gender Mainstreaming ist, entgegen der Einlassung des Autors, keine feministische Strategie. Es sei denn, jemand glaubt tatsächlich, dass der Feminismus inzwischen die Vereinten Nationen, die EU und die Politik der BRD steuert, denn dies sind die zentralen Schaltstellen der Entwicklung und Etablierung von Gender Mainstreaming. Vielmehr handelt es sich um eine politische Strategie, die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit durchaus in den Kontext wirtschaftlicher Interessen stellt. Und Ziel von Gender Mainstreaming ist auch nicht die Dekonstruktion von Geschlechtsrollenstereotypen, sondern die Gleichstellung der Geschlechter (ein Blick auf die EU-Definition wäre hier hilfreich gewesen). Ob und in welchen Gesellschafts- und Politikbereichen dies durch die Auflösung oder die Betonung von Geschlechterdifferenzen oder die Dekonstruktion von Stereotypen gelingen kann, das ist Teil der Umsetzung dieser Strategie und muss für jedes gesellschaftliche Feld fachlich diskutiert und politisch entschieden werden.

Es geht im Gender Mainstreaming um viel mehr als Geschlechterrollen, das scheint Herr Straßmann nicht verstanden zu haben: Es geht um Demokratie zwischen den Geschlechtern, um den Abbau struktureller Benachteiligungen für beide Geschlechter. Es geht darum, Probleme wie sexuelle Gewalt gegen mehrheitlich Mädchen oder körperliche Gewalt gegen mehrheitlich Jungen zu bekämpfen, und nicht darum, Menschen ihrer Identität zu berauben.

Dr. Claudia Wallner, Münster

Die »geschlechtsneutrale« Erziehung der Kinder kann in einer derart medial gesteuerten Gesellschaft nicht funktionieren. Die Binarität oder auch Bipolarität des Denkens besteht schließlich schon seit der Antike in der Metaphysik der Wissenschaft und ebenso auf der Alltagsebene. Die »erstaunlichen Fähigkeiten schon ganz kleiner Kinder, sich in der geschlechtlich bipolar organisierten Umwelt zu orientieren«, resultieren also nicht aus ihren »natürlichen« Fähigkeiten, sondern aus den ihnen vorgelebten Strategien der Hierarchisierung. Die diskursive Re-/Produktion der heterosexuell wahrgenommenen Geschlechtlichkeit ist nicht der Natur entsprungen oder doch nur so weit, wie Natur auch Kultur ist. Denn welche Wissenschaft, welches alltägliche Denken würde ohne Kultur überhaupt bestehen oder erfahrbar sein?

Sie schreiben selbst, »dass bereits dreimonatige Babys oft in der Lage sind, Männer- und Frauenstimmen auseinanderzuhalten. Gut einjährige Säuglinge unterscheiden weibliche und männliche Gesichter und können die Stimmen zuordnen. Sie achten in erster Linie auf Haarlänge und Kleidung.« Kleidung und Frisur sind also natürlich? Die Kultur, in der das Wesen lebt, bestimmt die Art und Weise, in der es Erfahrungen macht.

Olaf Tietje, Rostock

Als Menschen sind wir auf Unterscheidung (Diskrimination) angewiesen, sonst können wir nichts erkennen. Das Problem entsteht da, wo die Diskrimination zur Diskriminierung, zur Herabsetzung verkommt.

Es ist bei allen Gleichberechtigungsdiskussionen dasselbe, ob bei Rassismus, Sexismus oder etwa der Benachteiligung wegen Behinderung: Nicht der Unterschied ist das Problem, sondern seine Bewertung!

Johannes Denger, Kassel

Die Farben Rosa und Hellblau, die wir in unserer Vorstellung so stark mit weiblich und männlich verknüpfen, haben sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Noch in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts war die umgekehrte Farbgebung die Norm: Jungs wurden in Rosa gekleidet (da die Farbe als kräftig galt) Mädchen in der zarteren Farbe Hellblau.

Mehr als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern fasziniert mich also, wie oft wir diese Unterschiede als »natürlich« wahrnehmen, obwohl sie offensichtlich gesellschaftlich bedingt sind.

Kathrin Schrocke, Augsburg Kinderbuchautorin

Seit geraumer Zeit partizipiert die ZEIT an der anspruchsvollen Aufgabe, den wochenblattlesenden Bundesbürger auf die Linie der nationalen Arterhaltung zu bringen. Die Forderung nach einem »neuen Feminismus« (Nr. 35/06), dessen revolutionäres Potenzial sich in der paritätischen Verteilung der Erziehungsaufgaben in der Heteronormalfamilie erschöpfte, war eine Etappe dieser Mission - die Frage »Was ist männlich?« (Nr. 25/06) eine andere. Und nun Burkhard Straßmanns Märchen von der Persönlichkeit, die in den Sexualorganen hause.

In allen drei Fällen geht es darum, die Säulen des familiären Normzustands zu zementieren: Es muss eine Mama geben, einen Papa und Kinder, und dieses Muss ist entweder bedroht und also zu schützen oder es ist gar nicht bedroht, und alle, die das fürchteten, können getröstet werden. Letzteres ist das Schema der Straßmannschen Unternehmung.

Peter Wiersbinski, Leipzig

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.47
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