Gebührenboykott Vor dem Rauswurf
In Hamburg droht die Exmatrikulation von fast 300 Gebührenverweigerern. Verzweifelt sucht die Kunsthochschule nach einem Ausweg
Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Ende der Woche könnte die Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) auf einen Schlag die Hälfte ihrer Studenten verlieren. Der Hochschul-Präsident muss nach geltender Rechtslage mindestens 293 der 572 HfbK-Studenten exmatrikulieren, weil sie bis zum 9. Juli nicht ihre Studiengebühren bezahlt haben.
Ähnliche Boykottaktionen gab es auch an anderen Hochschulen, doch fast nirgendwo sonst ist das Mitmach-Quorum erreicht worden, das sich die Studenten selbst gesetzt hatten, um die Aktion bis zum Ende durchzuziehen. An der HfbK schon: Zieht man die von der Zahlung befreiten Studenten ab, haben sich 70 Prozent der gebührenpflichtigen Nachwuchskünstler dem Boykott angeschlossen und die 500 Euro nicht an die Uni, sondern auf ein Treuhandkonto überwiesen.
Die Wissenschaftsbehörde von Senator Jörg Dräger appelliert an die Studenten, mit dem HfbK-Präsidenten Martin Köttering »in einen konstruktiven Dialog über die Verwendung« der Gebühren zu treten. Köttering verspricht, nach Wegen zu suchen, wie den »finanziellen Belastungen wirksame Entlastungen« entgegengesetzt werden können.
Klar ist: Die Gebühren können nicht erlassen werden. Dazu bedürfe es einer Gesetzesänderung im Parlament, betont Drägers Sprecherin – und die ist äußerst unwahrscheinlich.
Genau die wollen die Studentenvertreter jedoch erreichen, ein Gespräch mit der CDU-Regierungsfraktion im Rathaus soll der Anfang sein. Um sich kurzfristig vor der Exmatrikulation zu retten, haben sie zusätzlich ein Rechtsgutachten erstellen lassen. Demzufolge ist die Rückmeldefrist für das Sommersemester längst verstrichen, rückwirkend könne niemand mehr aus der Hochschule fliegen, sondern frühestens wieder zum Start des Wintersemesters am 15. Oktober.
»Ich hoffe, dass die Hochschule diese Möglichkeit ergreift«, sagt Boykott-Mitorganisator Benjamin Renter. Mit ihm hoffen 292 weitere vom Rausschmiss bedrohte Studenten. Vergangene Woche haben sie schon symbolisch Müll und Überbleibsel der HfbK verkauft unter dem Motto: »Künstlersouvenirs – Andenken an die Hochschule«.
- Datum 12.07.2007 - 04:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Ich solidarisiere mich mit allen Studenten, die nun eine Exmatrikulation erhalten haben. Ich bedanke mich bei ihnen für ihr Engagment, denn damit helfen sie auch allen anderen Studenten in Hamburg. Das der Boykott an der Hamburger Universität nicht geklappt hat finde ich sehr schade. Ich habe selbst dran teilgenommen.
Wenn ich die Stromgebühren nicht zahle, stellt man mir den Strom ab.
Wenn ich die Parkhausgebühren nicht zahle, bekomme ich meinen PKW da nicht raus.
Was soll also das Getöse um festgelegte Gebühren? Ich glaube nicht, daß jemand in diesem Lande zum Studium gezwungen wird. Notfalls kommt man sogar komfortabel auch ohne aus.
Also gebietet der Verstand (der hoffentlich für's Studium reicht): Zahlen oder verzichten. Möglicherweise kann man irgendwo in Europa auch ohne Geld studieren. Glaub' ich aber nicht.
@Monika S.
Sie waren offenbar so clever zu zahlen; nicht wahr? Da braucht man dann wenigstens Dumme als Kanonenfutter. Da fällt Solidarität als Lippenbekenntnis leicht. Echte Solidarität wäre, selbst den Laden zu verlassen.
So sieht also die Realität aus in der "Wissensmetropole Hamburg". Im großen "Kunstsommer" 2007. "Wer nicht zahlt, der fliegt". Peinlich!
Es scheint hier einigen Leuten nicht ganz klar zu sein, dass viele der Studenten die Gebühren, Kredite, etc., ob der Unsicherheit ihres Berufsstandes nicht zahlen KÖNNEN!
Und wir reden hier nicht von Strom oder Gemüse. Bildung ist kein ökonomisches Gut, sondern Menschenrecht, siehe UN-Charta. Man fragt sich auch, wie es eigentlich kommt, dass die Bertelsmann-Stiftung via CHE (mit-)bestimmt(e), wie das Kunststudium in Deutschland aussehen soll und wie es zu finanzieren sei. Dass Herr Mohn am liebsten Deutschland nach Art eines Unternehmens gelenkt sehen will, und etwas naiv auf Konkurrenz und Markt schwört (wie Jörg Dräger ja auch), ist ja deren Bier, aber warum dringen sie mit ihren Wünschen dann so viel mehr durch als die letztendlich Betroffenen? Weil Mohns Vermögensstock so beeindruckt und Drägers Kompetenz so überzeugt? Oder weil "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen so ein Ausweis höchsten Kulturschaffens ist, das man den daran Verdienenden ohne weiteres auch die Zukunft der Kunstausbildung in Hamburg vertrauensvoll in die Hände legen möchte?
Was soll dieser ganze Studiengebürhen-Credit-Points-Bologna-Irrsinn eigentlich bringen? Wem nützt er? "Die Finanzmärkte entdecken den Bildungsmarkt", entnehme ich heute der Presse. Um Kunst geht es hier doch schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht dem Senat.
Und so kaltschnäuzig, wie ein Herr Dräger dazu nur meint, "die Hochschule wird sich schon wieder füllen", könnte auch der Wähler auch geneigt sein, über die Zusammensetzung des nächsten Senates im Hinblick auf die CDU zu urteilen. Deren Ruhmesblätter häufen sich - gerade in letzter Zeit - nämlich allgemein nicht.
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