DIE ZEIT: Gemeinsam mit rund 30 Lehrern und Schulleitern haben Sie in den letzten acht Monaten Schulen in vier Bundesländern besucht. Worum ging es bei dieser Hospitationsreise?

Marina Farrensteiner: Im Mittelpunkt unseres Interesses stand die Entwicklung von Ganztagsschulen. Die Serviceagenturen »Ganztägig lernen« aus den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben sich zusammengeschlossen, um durch diese länderübergreifenden Hospitationen in insgesamt acht Schulen mehr voneinander zu lernen.

ZEIT: Lehrer sind nicht gerade als Teamarbeiter bekannt, eher als Einzelkämpfer. War dieser Austausch harte Arbeit für Sie?

Farrensteiner: Überhaupt nicht. Ich kann diese Vorurteile für Hamburg auch nicht bestätigen. Wir interessieren uns sonst auch für die Arbeit der anderen Schulen.

Herbert Boßhammer: In Nordrhein-Westfalen passiert es meiner Erfahrung nach selten, dass sich Schulen austauschen. Als ich die Leitung der Margaretenschule in Münster übernahm, waren die Klassentüren vielfach geschlossen, dahinter wurde unterrichtet, wenig drang nach außen.

ZEIT: Aber Sie haben Ihre Schule innerhalb des Netzwerkes für Hospitationen geöffnet, da mussten doch auch die Kollegen mitziehen.

Boßhammer: Die Öffnung der Schulen war ein zentrales Thema unseres Austauschs. Aber eine solche Öffnung beginnt nicht damit, dass ich eine Klassentür aufmache; die muss im Kopf beginnen, sonst geht die Tür nie freiwillig auf. Dass andere Lehrer und Schulleiter in den Unterricht kamen, war für viele Lehrer ungewohnt.

ZEIT: Was haben Sie aus diesem Austausch mitgenommen?

Farrensteiner: Es ist etwas völlig anderes, von tollen kooperativen Lernformen oder Epochalunterricht in Fachzeitschriften zu lesen oder das Ganze umgesetzt in einer Schule zu erleben. Es gibt einem natürlich ganz viel Mut und Motivation, zu sagen: Das wagen wir jetzt auch.

ZEIT: Fehlt denn sonst der Mut?

Farrensteiner: Mit Sicherheit. Es gibt immer Bedenkenträger, die sagen: »Das klappt nie.« Gerade wenn es um Epochalunterricht oder kooperative Lernformen geht. Aber wir haben in Jena Beispiele gesehen, wie gut die Schüler mit den neuen Lernformen umgehen. Was mich besonders beeindruckt hat: Sie haben ihre Arbeiten in der letzten Stunde am Freitag präsentiert, vor allen Schülern. Egal ob Chemie, Physik, Musik, Erdkunde oder Englisch. Jede Woche steht eine andere Klasse auf der Bühne, und der Rest der Schule hört zu.

Boßhammer: Ich hatte schon lange das Gefühl, dass wir die Leistungen unserer Schüler mehr öffentlich würdigen müssten. Bisher sprachen wir an meiner Schule nur darüber, aber es passierte nichts. Bis ich aus Jena wiederkam und sagen konnte: Ich habe es gesehen, es funktioniert! Es kann nicht so schwierig sein, das hier auch umzusetzen. Im nächsten Schuljahr wollen wir mit Schülerpräsentationen starten.

ZEIT: Wie haben Sie die neuen Ideen Ihren Kollegen zu Hause verkauft?

Boßhammer: Ich denke, man braucht schon einiges an Fingerspitzengefühl. Ich schreibe die Idee ganz neutral auf, mache sie transparent – und dann lasse ich das wirken. Erst viel später frage ich: Kann das auch unser Ziel werden, wie können wir das erreichen?

ZEIT: Wie schafft man es, Lehrer zu mehr Engagement zu bewegen?

Boßhammer: Als Schulleiter kann ich im Rahmen meiner Möglichkeiten natürlich versuchen, angenehme Rahmenbedingungen zu schaffen, auch persönliche Bedürfnisse zu berücksichtigen. Aber letztendlich sind es die Kinderaugen in einer Unterrichtsstunde, durch die ein Lehrer zurückbekommt, was er investiert.

Farrensteiner: Was bringt mir Unterricht, wenn ich seit 20 Jahren immer das Gleiche mache? Aber in jedem Kollegium gibt es die Gipfelstürmer, die sofort mitziehen, und die Bedenkenträger, die man auf jeden Fall ins Boot holen muss. Und dann gibt es die, die ablehnend sind und das auch meist bleiben. Aber die werden immer weniger an den Schulen.

ZEIT: Was macht man mit den Einzelkämpfern? Gibt man die irgendwann auf?

Farrensteiner: Also ich würde sie aufgeben. Die können sich eine andere Schule suchen, wo Teamarbeit nicht angesagt ist. Ihr Problem ist nur, dass sie bald keine Schule mehr finden werden, wo sie weiter Einzelkämpfer bleiben können. Das sage ich denen dann auch. Diese Schulen sterben aus.

ZEIT: Dem Erneuerungsprozess schaden die Resignierten nicht?

Boßhammer: Einige sind auch einfach im Laufe ihres Berufslebens ausgebrannt. Ich glaube wirklich nicht, dass Lehrer faul sind. Manche sind viele Jahre im Dienst und haben unter schlechten Bedingungen ihr Bestes gegeben. Sie sind dann nicht mehr in der Lage und aufgrund ihres Alters auch nicht mehr bereit, sich noch einmal zu öffnen und einen Wechsel in der Lehrerrolle zu vollziehen.

ZEIT: Ist das wirklich eine Altersfrage?

Boßhammer: An meiner Schule war einmal eine ganz junge Kollegin, die wäre fast an ihren Ideen gescheitert. Sie stieß auf viele Mauern und Verkrustungen, und jeder in der Schule machte eher das, was schon immer lief. Sie hatte sehr viele gute Vorstellungen, aber die kann man nur dann einbringen, wenn Teams vorhanden sind, in die ich diese Kollegin als Schulleiter behutsam integriere. Wenn ich diese Lehrerin im Kollegium alleine lasse, scheitert sie. Das war eine wichtige Erfahrung für mich.

ZEIT: Was verändert den Lehrerberuf gerade am meisten?

Farrensteiner: Schule, wie sie früher einmal war, funktioniert heute nicht mehr. Die Erziehung durch die Eltern ist eine andere geworden, die Kinder werden nicht mehr so von zu Hause behütet und aufgefangen, die Eltern müssen arbeiten, und wir müssen mehr für unsere Schüler tun. Das war bei Schulen in Brennpunkten schon immer so – deshalb waren sie auch die Ersten, die gesagt haben, wir werden Ganztagsschule. Lehrer müssen sich viel stärker als bisher hinterfragen, ihre Arbeit umstellen, kooperative Lernformen entwickeln, Schüler zu mehr Eigenständigkeit führen.

ZEIT: …und mehr miteinander reden und arbeiten. So wie Sie das innerhalb dieses Netzwerkes bereits getan haben.

Boßhammer: Wir müssen eine Kommunikationskultur entwickeln, die nicht nur beim »Wir sprechen mal drüber« bleibt. Das Kollegium muss für sich eine klare Linie finden: Was wollen wir wirklich, wer sind wir, und wie stellen wir uns dar? Sie muss zu einem neuen Selbstbewusstsein führen: So machen wir das an unserer Schule. Und dahinter muss dann auch die Schulleitung stehen. Nur so vermeide ich Verzettelung.

Das Gespräch führten JEANNETTE OTTO

UND JULIAN HANS