KlassikEin Vermittler, ein Missionar

Er musiziert mit dem Kopf: Michael Gielen ist ein selbsternannter Spezialist für klingende Transparenz. Zum 80. Geburtstag des großen Dirigenten. von M. Weber

In den siebziger Jahren fährt Michael Gielen, der damalige Intendant und Generalmusikdirektor, einmal von Frankfurt nach Stuttgart, weil er den auftrittsscheuen, von ihm aber neidlos als »genial« betrachteten Kollegen Carlos Kleiber überreden will, am Main einen neuen Rosenkavalier zu probieren. Es wird dann nichts aus der Sache, weil Kleiber seine eigenen Sänger mitbringen möchte und überhaupt einen derart Schwierigen mimt, wie es ihn eigentlich nur bei Hugo von Hofmannsthal gibt. Endlich entschließt sich Kleiber, gewissermaßen im Hinausgehen, den Nachmittag doch noch ein wenig zu versüßen, und spielt Gielen seine Aufnahme der Fledermaus- Ouvertüre mit dem Südfunk-Orchester vor, ein Paradestück. Gielen ist begeistert – und sagt das auch. Kleiber jedoch hat schnell eine andere Platte aufgelegt. »Jetzt spiel ich dir noch etwas Besseres vor«, meint er, und es erklingt dieselbe Musik, allerdings dirigiert von Erich Kleiber, seinem Vater, mit dem Orchester der Lindenoper von 1928.

»Das war«, notiert Michael Gielen in seinem Buch Unbedingt Musik Jahrzehnte später im Rückblick, »viel strenger, sozusagen klassischer, mit einem leicht preußischen Einschlag im Klang, ohne deshalb Charme und Grazie zu verlieren« (es klingt, alles in allem, ein wenig wie eine Eigenrezension). Die Vater-Sohn-Problematik berührt er nicht weiter: Irgendwie ist alles gesagt. Der gebürtige Dresdner Gielen selbst hat es da leichter gehabt. Sein Papa Josef Gielen war, wenn auch Uraufführungsregisseur diverser Richard-Strauss-Opern und später Direktor am Burgtheater – eben »nur« Regisseur.

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Er selbst nennt sich einen »Spezialisten für Transparenz«

Michael Gielens »Abgott« in jungen Jahren wiederum ist tatsächlich Erich Kleiber gewesen, zu dem er im Exil in Buenos Aires 1948 am Teatro Colón als Korrepetitor vermittelt wird. Es ist eine lange Probe, und es singt nicht irgendwer, sondern Kirsten Flagstad die Isolde. Ab und zu stößt Kleiber den jungen Mann am Klavier leicht in die Rippen, um selbst mit spitzen Fingern etwas vorzuspielen, sagt nichts, muss aber zufrieden gewesen sein, denn seine Tochter plaudert später aus, was er zu Hause erzählt hat: »Im Colón haben sie einen guten neuen Korrepetitor, den Sohn vom Gielen.« Wiewohl es an anderen Identifikationsangeboten in Argentinien nicht mangelte, blieb Kleiber das Vorbild: Der »beherrschte mit derselben Natürlichkeit Mozart wie Wagner, Beethoven wie Berg, alles kam direkt aus seiner Natur sozusagen, ohne dass man den Umweg über den Kopf gemerkt hätte«, resümierte Gielen. Und vermied klugerweise die Reprise, indem er ein nunmehr, am 20. Juli, acht Jahrzehnte dauerndes Dirigenten- und Komponistenleben gewissermaßen als Gegenentwurf in Kleibers Geist anlegte.

Bei Michael Gielens Musizieren merkt man nämlich immer den Umweg über den Kopf. So gesehen, ist es eine schöne musikhistorische Pointe, wenn zwei gegensätzliche intellektuelle Formate, aber gleichwertige Präzisionsanhänger wie Kleiber und Gielen auch zwei der wichtigsten Opernwerke des vergangenen Jahrhunderts uraufführen. Vierzig Jahre nachdem Erich Kleiber in Berlin Alban Bergs Wozzeck geleitet hat, dirigiert Michael Gielen in Köln 1965 Bernd Alois Zimmermanns Soldaten. In einem unlängst ausgestrahlten Film von Karl Thumm, den der SWR dem Ehrendirigenten seines Orchesters zum Geburtstag widmet, sagt Gielen ein bisschen kokett, er betrachte sich »als Spezialist für Transparenz«. Aber es ist dann doch mehr vonnöten, wenn gleich sieben Temposchichten von nur zwei Händen auf- und dennoch auseinander gehalten werden wollen.

Natürlich enthalten die Jubiläumsprogramme zu Gielens Geburtstag die üblichen großen Hausnummern der Moderne, also Berg und Schönberg, aber auch Janáček und eine Uraufführung von Vinko Globokar, dessen dezidiert politische Haltung dem durchaus streitbaren und künstlerisch kompromisslosen Gielen stets gelegen hat. Die angesetzten Stücke könnten in ihrer Auswahl korrekter nicht sein, sie spiegeln jedoch nur die eine Seite des Dirigenten, den harten Kern.

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