Klassiker der Moderne (69) London Calling

The Clash zogen 1979 mit "London Calling" die Punkmusik auf den Tanzboden. Sie definierten eine Attitüde zielgerichteten Protests ohne Angst vorm Pop.

Diese Platte hat sogar den altehrwürdigen Rolling Stone in eine lang anhaltende Verwirrung gestürzt. Die Mutter aller Musikmagazine kürte erst vor wenigen Jahren London Calling zur besten Rock-Platte der Achtziger. Herausgebracht hatten The Clash ihr epochemachendes Doppelalbum bereits 1979. Mit ihm signalisierte die Band den historischen Übergang von den späten, von Punk regierten Siebzigern zu den Achtzigern, in denen man sich mit dessen Folgen auseinanderzusetzen hatte – ob es sich nun um die völlige Abkehr vom Rock-Pathos im Synthie-gestützten Diskurs-Pop jener Tage handelte oder um dessen Restaurierung, die schließlich im Grunge gipfelte. All das ist bereits angelegt und zum Teil sogar ausformuliert auf London Calling.

Tatsächlich wohnte dem Punk – versteckt hinter der nihilistischen Pose, verborgen unter dem rebellischen Furor – stets ein grundsätzlicher Konservatismus inne. Einen kurzen historischen Augenblick lang ging das zusammen: Einerseits »No Future« zu proklamieren und alle tradierten Werte auf den Müllhaufen der Geschichte befördern zu wollen, andererseits sich der Wurzeln des Rock ’n’ Roll zu besinnen und mit Macht dessen Aufbegehren wiederaufzuführen. The Clash diagnostizierten die immanente Sackgasse als Erste. London Calling markiert genau jenen Punkt in der Popgeschichte, an dem das Versprechen von Punk, die Popmusik abzuschaffen, als nicht mehr haltbar entlarvt wurde.

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Liebevoll rekonstruierten Sänger Joe Strummer, Gitarrist Mick Jones, Bassist Paul Simonon und Schlagzeuger Topper Headon altgediente Genres wie Country und Folk, Ska und Reggae, ja sogar Mainstream-Rock und Pop mit den Mitteln des Punk, griffen also auf jene Musik zurück, deren Saturiertheit auszumerzen Punk nur wenige Jahre zuvor angetreten war. Gleichzeitig begann auf London Calling der Schulterschluss mit HipHop, Disco und Funk, der auf späteren Alben endgültig vollzogen wurde. Denn die wahre Modernität fand damals auf den Tanzböden statt, wo zu musikalisch avancierten Klängen eine sexuelle, gesellschaftliche und musikalische Revolution stattfand – leidenschaftlich gehasst von den Punkadepten der ersten Stunde.

Doch dafür waren The Clash zuständig: Punk neu zu definieren – nicht mehr als räudigen Rock’n’Roll mit Antihaltung, sondern als Attitüde zielgerichteten Protests und geschickter Aneignung anderer Stile. Die Verkrustungen brachen sie auch im Erscheinungsbild auf: stilisierten sich mit Armeehosen und Patronengurten zu Stadtguerilleros, entdeckten den Rockabilly als originäre Brutstätte der Punk-Ideen, frisierten sich die Haare mit Gel zur Tolle und zitierten mit dem Cover von London Calling die Hüllengestaltung von Elvis Presleys Debütalbum. Kurz: In dem historischen Moment, der ihnen gehörte, verschränkten sie Stile und Moden, Genres und Zeitalter – bis die Verwirrung perfekt war.

The Clash: London Calling (Columbia/SonyBMG)

 
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