Das ist meiner!
"Da klebt mein halbes Leben"
Wolfgang Gurowietz, 53, Lizenmanager aus Dortmund, auf dem Weg in die Türkei
Es hat ganz harmlos angefangen: Ich suchte ein Mittel, meinen Koffer zu kennzeichnen. Ich wollte ihn nicht ewig verwechseln, er ist ja ganz einfach schwarz. Und nun klebt da mein halbes Leben drauf. Immer wieder finde ich irgendwas, was ich noch anbringen möchte. Der große Aufkleber etwa, der ist von Borussia Dortmund. Da habe ich eine Dauerkarte. Oder der rote Aufkleber hier oben neben dem Griff: »Radschrauben bitte nach 50100 km in der Fachwerkstatt nachziehen lassen«. Den macht mir meine Autowerkstatt immer aufs Armaturenbrett, wenn ich die Reifen wechseln lasse. Oder der hier an der Längsseite, »Coole Fritte« das ist ein Neuzugang. Den habe ich auf einer Gratispostkarte gefunden. Sie lag in einer Kneipe aus, in der ich gerne mal einen trinken gehe.
Natürlich gibt es mehrere Aufkleber, die etwas mit Wasser zu tun haben. Der türkisfarbene etwa, mit dem Mann in der Badewanne, ist von der »Boot Düsseldorf«. Das ist eine große Messe für Wassersport. Ganz wichtig ist mir auch dieser hier mit den Buchstaben »DHH«. Das steht für »Deutscher Hochseesportverband Hansa«. Das ist mein Segelverein.
Ich segele seit 15 Jahren, sooft es nur geht. Und seit etwa zehn Jahren ist der Koffer mit dabei. Er ist robust, ein bisschen Wasser macht dem nichts aus. Ich transportiere darin mein GPSGerät, mit dem ich mich auf See orientiere. Jetzt bin ich auf dem Weg in die Türkei, gemeinsam mit meiner Frau. Wir haben dort für eine Woche ein Segelboot gemietet, wir wollen die Küste entlangfahren. Zugegeben um den Koffer herauszuheben, hätte auch ein buntes Bändchen gereicht. Aber so finde ich das viel persönlicher.
"Fluse mag Louis Vuitton" Cornelia Seibert, 41, Unternehmerin aus Wuppertal, heimgekehrt aus Palma de Mallorca
Die große Louis-Vuitton-Tasche? Die gehört Fluse. Das ist seine Reisetasche. Er bleibt da ganz brav drin sitzen. Ich habe noch eine kleine Tasche eingesetzt, sozusagen als Zwischengeschoss. So kann Fluse über den Rand gucken. Denn mein Hund ist ein Vielflieger. Er kommt immer mit, wenn ich nach Mallorca reise. Und ich fliege da etwa dreimal pro Woche hin. Ich betreibe eine Friseursalonkette, mit Läden in Wuppertal, Mettmann, Bottrop, Neuss und eben auch auf Mallorca, direkt am Ballermann.
Fluse ist ein Mini-Yorkshireterrier. Das sind tolle Hunde. Fluse braucht nicht einmal ausgeführt zu werden. Er macht auch auf eine Wickelmatte. Und er wiegt weniger als fünf Kilo, deshalb darf er ins Handgepäck. An der Sicherheitsschleuse muss ich ihn immer auf den Arm nehmen, während seine Tasche durchleuchtet wird. Im Flugzeug schauen die anderen Passagiere oft überrascht, weil ich einen Hund dabeihabe.
Manchmal kommt eine Stewardess und will, dass ich den Reißverschluss bis auf einen Spalt zuziehe. Das tue ich auch. Aber sobald sie drei Reihen weiter ist, mache ich ihn wieder auf. Fluse richtet sich dann auf und schaut nach links und rechts. Ich benutze selbst gerne Louis-Vuitton-Taschen und ich glaube, mein Hund mag seine auch.
"Mein Seesack atmet
Gerhard Roeder, 53, Englischlehrer und Schriftsteller aus Hürth, auf dem Weg nach Guatemala
Dieser Seesack hier das war ein Glücksgriff. Ich habe mir den extra gekauft für den Urlaub in Ländern, in denen es regen Drogenhandel gibt. Ein ganz normaler Rucksack war mir zu riskant. Denn dann kann es passieren, dass einem jemand Drogenpäckchen in die Seitentaschen steckt, und plötzlich wird man an der Grenze verhaftet. Das habe ich mal gelesen. Ich wollte nach Thailand und Malaysia reisen und dachte: Wo soll ich bloß meine Wäsche reintun? Ich will doch keinen Ärger! Und dann kam mir die Idee mit dem Seesack. Ich bereite mich gerne gut auf eine Reise vor. Jetzt zum Beispiel fahre ich nach Guatemala für einen Sprachkurs. Vor Tagen schon habe ich die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts gelesen. Und dann habe ich noch »safety guatemala« und »securité guatemala« bei Google eingegeben. Scheint nicht zu gefährlich zu sein. Diesmal habe ich den Seesack dabei, weil er sich so praktisch tragen lässt. Er hat ja einen Schultergurt. Oben habe ich ein Karabinerschloss angebracht, damit ihn niemand heimlich öffnen kann.
Ich mag es auch, dass mein Seesack anders aussieht als diese vielen Koffer, die einfach nur schwarz sind. Ich denke, so ein Seesack geht beim Umladen nicht so leicht verloren. Er ist ja auffälliger. Meiner zumindest ist bis jetzt immer angekommen. Als ich noch mit Koffer gereist bin, war das anders. Bei meiner Paraguayreise etwa ging der Koffer gleich zweimal verloren beim Hinflug und beim Rückflug. Ich finde auch gut, dass ein Seesack atmet. Na gut, wenn es regnet, dann atmet er ein bisschen viel. Deshalb habe ich immer eine Mülltüte dabei. So kann ich den Stoff von innen abdichten.
"Dieses Modell hat sonst niemand" Ingrid Theinert, 63, Rentnerin aus Hilchenbach, gerade gelandet aus Bulgarien
Dieser Koffer? Das war Liebe auf den ersten Blick. Er stand da, in einem Laden im Siegerland und ich war hin und weg. Ich mag diese Muster auf der Vorderseite. Die sind da nicht einfach nur aufgedruckt.
Die sind gebrannt. Ich suchte einen Koffer, der etwas Besonderes ist, nicht irgendein Gepäckstück. Ich habe auch noch nie gesehen, dass jemand das gleiche Modell hat.
Außerdem ist dieser Koffer sehr praktisch. Ich war öfter mit meinem Mann auf den Malediven. Dort gibt es Airtaxis. Da werden die Gepäckstücke beim Transport immer mit Bändern zusammengepresst. Unsere alten Koffer sind dabei jedes Mal kaputtgegangen. Ich wollte einen, der mehr aushält. Dieser hier wiegt leer schon zwei oder drei Kilo.
Manchmal tun mir die Kofferträger auf den Malediven leid: Die sind doch sowieso so zierlich und schmal. Und dann laden die sich diesen schweren Koffer auf die Schulter und stapfen durch den Sand.
Ich habe ihn 1997 gekauft. Er war dreimal mit auf den Malediven und auch sonst viel unterwegs: unter anderem in Neuseeland, Singapur und Kuala Lumpur. Reisen ist mein Leben. Als mein Mann vor zwei Jahren im Sterben lag, sagte er: Verreise das Geld. Spar es nicht. Nun folge ich seinem Rat. Ich reise, sooft es nur geht und so weit weg wie möglich. Ich will ferne Länder sehen, solange ich noch kann. Und der Koffer ist immer dabei. Von dem werde ich mich nicht trennen. Nie. An ihm hängen so viele Erinnerungen an die gemeinsamen Reisen mit meinem Mann.
"Sie hat meinem Vater gehört" Luz Hammouj-Müller, 39, Gastronomie-Coach aus Köln, unterwegs nach Marokko
Sehen Sie die Löcher im Leder? Das war mein Hase. Er war mal unbeobachtet in meinem Zimmer unterwegs und hat sich über die Tasche hergemacht, die dort herumlag. Der Hase hat überlebt. Und die Tasche auch. Sie hat ursprünglich meinem Vater gehört. Er hat sie in den Siebzigern gekauft. Ich war überglücklich, als er sie mir irgendwann überlassen hat. Ich mag die Tasche das abgewetzte Leder, die feinen Nähte, die glänzenden Verschlüsse. Sie ist Teil eines Dreiersets, es gibt noch eine für Akten und eine fürs Handgepäck. Das sind die wichtigsten Taschen in meinem Leben. Sie sind schon oft mit mir um die Welt gereist, nach Japan, China, Chile, Brasilien, Argentinien, Tschechien oder Dänemark. Meine Frau sagt manchmal: Willst du nicht wenigstens mal das Leder eincremen, damit es nicht so schäbig aussieht? Aber ich bin ein bisschen altmodisch. Ich mag es, wenn Sachen über Jahrzehnte bewahrt werden. Mich stört es nicht, wenn man ihnen ihr Alter ansieht.
Einmal, in Sri Lanka, haben Flughafenangestellte versucht, mir die Tasche zu stehlen. Ich stand am Gepäckband. Beiläufig schaute ich hinüber zu den Mitarbeitern, die gerade die Koffer abluden. Auf einmal sah ich, wie sich einer meine Tasche packte. Er hat sie einfach weggetragen! Ich bin dann ganz schnell über das Gepäckband gerannt.
Das war ein bisschen schwierig, es hat sich ja bewegt. Schließlich schaffte ich es, den Kerl am Arm zu packen. Er hat sich rasch eine Ausrede einfallen lassen. Aber immerhin: Meine Tasche war gerettet.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.58
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